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Der Sportchef-LehrlingWie der HSG-Student in die YB-Chefetage kam

Patrik Schuler spielte für Winterthur, absolvierte die HSG. Seit bald einem Jahr ist der bald 30-Jährige bei den Young Boys die rechte Hand von Christoph Spycher.

Der Wunschjob: «Mit dem Engagement bei YB ging ein Traum in Erfüllung », sagt Patrik Schuler.
Der Wunschjob: «Mit dem Engagement bei YB ging ein Traum in Erfüllung », sagt Patrik Schuler.
Foto: Beat Mathys

Am Freitag war Patrik Schuler beim Spiel von GC gegen Kriens, am Samstag in Wil beim Duell des FC mit Schaffhausen. Die Partie von Xamax bei Sion sah er sich als Aufzeichnung an. Am Sonntag verfolgte er das Spiel von YB in Lugano am Fernsehen. Verrückt? Nicht für Schuler – sondern ein ganz normales Wochenende.

Der bald 30-Jährige ist seit April der Assistent von YB-Sportchef Christoph Spycher, erst Teil-, seit Juni Vollzeit. Es galt, bis dahin die Masterarbeit im Studiengang Unternehmensführung an der Universität St. Gallen fertigzustellen (Thema: «Führung der Generation Z im Spitzenfussball»). «Es war mein grosses Ziel, im Sportmanagement tätig zu sein», sagt er. Man könnte die Aussage nun als Allgemeinplatz abtun. Während des Gesprächs im Berner Stadionrestaurant Eleven füllt er den Satz aber mit Inhalten aus.

Der Triumph in Bern

Von klein auf spielt Schuler Fussball, und wenn er nicht auf dem Platz steht, geht er seinem Hobby am Computer nach. Er zockt nicht «Fifa», wie das viele in seinem Alter tun, sondern «Fussball-Manager», eine Simulation, bei der man sowohl in die Rolle des Sportchefs als auch des Trainers schlüpft.

Beim FC Winterthur schafft es Schuler in die erste Mannschaft, er besucht das Wirtschaftsgymnasium. Als er den Bachelor erlangt hat, gibt er sich drei Jahre, um sich auf die Karriere als Fussballer zu fokussieren. Anders als seine früheren Mitspieler im Nachwuchs, Luca Zuffi und Amir Abrashi, gelingt ihm der Sprung in die höchste Liga nicht.

Doch er wird beim Verein aus der Challenge League zum Abwehrchef und zu einer Identifikationsfigur. Als Winterthur vor drei Jahren im Cup-Viertelfinal bei YB gastierte und triumphierte, war Schuler der Captain, der im Penaltyschiessen seinen Versuch verwertete. Diesen Sieg bezeichnet er als einen der schönsten Erfolge seiner Karriere. «Aber seit ich bei YB bin, will ich nicht zu oft darüber sprechen», sagt Schuler. Er schmunzelt.

Die Ekstase: Patrik Schuler (rechts) feiert mit seinen Teamkollegen den sensationellen Cup-Triumph gegen YB.
Die Ekstase: Patrik Schuler (rechts) feiert mit seinen Teamkollegen den sensationellen Cup-Triumph gegen YB.
Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Nach der Saison 2016/2017 gibt Schuler seinen Abgang beim FC Winterthur bekannt, er liebäugelt mit einem Engagement in Kapstadt, seiner Lieblingsstadt. Als sich der Wechsel nicht konkretisiert, beendet er mit 27 ungewöhnlich früh die Karriere. In seinem Kopf ist da längst die fixe Idee, das Studium mit seiner grossen Leidenschaft verbinden zu können.

Auch dank YB-Goalie David von Ballmoos, der in Winterthur sein Teamkollege war, besteht der Kontakt zu Christoph Spycher. Vom YB-Sportchef, Absolvent des CAS-Lehrgangs Sportmanagement an der Universität St. Gallen (HSG), will er wissen, ob es einen Sinn hat, diese Ausbildung zu machen. Später interviewt er Spycher im Rahmen einer Uni-Arbeit. Die beiden merken, dass sie ähnliche Werte und Vorstellungen haben.

Beim YB-Sportchef verfestigt sich ein sehr guter Eindruck von Schuler, wie er sagt, dessen Werdegang bezeichnet er als spannend. So führt das eine zum anderen: Als entschieden wird, in der sportlichen Führung eine Stelle zur Entlastung Spychers zu schaffen, kontaktiert der Sportchef Schuler. Dieser sagt: «Mit dem Engagement bei YB ging ein Traum in Erfüllung.»

Die Schattenseiten

Der Cappuccino auf dem Tisch droht kalt zu werden. Schuler ist keiner, dem man die Sätze aus der Nase ziehen muss, im Gegenteil, es gilt, aufmerksam zuzuhören: Er formuliert seine Gedanken schnell. Und rasch wird klar: Er fühlt sich in Bern sehr wohl. Mit der Freundin wohnt er im Breitenrain, die Eingliederung sei ihnen leicht gefallen.

Schuler schwärmt von den vielen Fachkräften bei YB, vom ständigen Austausch, vom Teamgedanken, der in der sportlichen Führung vorherrsche. Gibt es denn keine Schattenseiten? Schuler sagt: «Die ständige Erreichbarkeit, die unregelmässigen Arbeitszeiten

Das wird ihm bewusst, als es diesen Winter darum geht, einen Abwehrspieler zu verpflichten. Schuler wird erstmals in diesen Prozess involviert, er schaut sich Videos von potenziellen Zugängen an, erlebt die Unwägbarkeiten der Transferphase, das Hin und Her. Es dauert Wochen, bis die Young Boys die Verpflichtung Jordan Leforts bekannt geben können. Das Ziel sei, Schuler schrittweise näher an die Arbeit rund um die erste Mannschaft zu führen, sagt Spycher. Damit dieser dann etwa auch mal Verhandlungen mit einem jungen Spieler führen könne, der an der Schwelle zur Profiequipe stehe.

Schuler und Spycher halten wöchentlich ein Meeting ab, tauschen sich fast täglich spontan aus, das Büro des Sportchefs ist gleich nebenan. Ist es seine Absicht, dereinst selbst Sportchef zu werden? Er sei eine Person mit hohen Zielen, sagt Schuler. Der Job als Assistent sei der ideale Einstieg. «Mein Wunsch ist es, langfristig für YB arbeiten zu können und mitzuhelfen, dass der Club nachhaltig erfolgreich ist.»

Die Talentpflege

Eine der wichtigsten Aufgaben von Patrik Schuler ist die Betreuung der Leihspieler. Ein Bereich, dem er sich aus Zeitgründen nicht mit der gewünschten Aufmerksamkeit habe widmen können, sagt Spycher.

Sieben Talente haben die Young Boys verliehen: Léo Seydoux und Taulant Seferi an Xamax, Linus Obexer an Lugano, Jan Kronig (Schaffhausen), Pedro Teixeira und Elia Alessandrini (beide Kriens) sowie Joël Schmied (Wil) zu Clubs der Challenge League. Schuler schaut sich jede Partie der Spieler an, wenn nicht im Stadion, dann auf Video. Spätestens bis Mittwoch gibt er jedem ein längeres Feedback.

Die Chance gepackt: Die 21-jährige YB-Leihgabe Léo Seydoux ist Stammkraft bei Xamax.
Die Chance gepackt: Die 21-jährige YB-Leihgabe Léo Seydoux ist Stammkraft bei Xamax.
Foto: Martin Meienberger (Freshfocus)

Zudem steht er mit den temporären Arbeitgebern der Spieler in Kontakt, tauscht sich mit dem Trainer und dem Sportchef aus. Für jeden Spieler sei es erst einmal eine grosse Enttäuschung, wenn er erfahre, dass er ausgeliehen werden soll, sagt Schuler.

Er ist geprägt von den Erfahrungen in Winterthur. Er hatte etliche Teamkollegen, die von grösseren Clubs ausgeliehen waren, und erfuhr, wie diese oft erst im April, Mai eine Rückmeldung erhielten, als entschieden wurde, ob sie zum Stammclub zurückkehren können oder nicht. «Durch die enge Betreuung können wir dafür sorgen, dass sich die Leihspieler als Teil von YB fühlen», sagt Schuler.

Im Sommer machte er sich von jedem Leihspieler ein Bild, sprach mit dem Trainerstab der ersten Mannschaft, redete mit dem Ausbildungschef Gérard Castella, dem Nachwuchschef Christian Franke. Zu jedem Spieler erstellte er dann eine Zusammenfassung, «One Pager» nennt er diese im HSG-Jargon, und besprach es mit den Talenten.

Das Papier dient während der Saison als Anhaltspunkt. Schuler bewertet für sich zudem jeden Spieleinsatz, damit er stets einen Überblick zum Formstand seiner Schützlinge hat. Das Ziel sei, bestmögliche Voraussetzungen zu schaffen, «damit die Leihspieler auf dem Rasen Fortschritte erzielen und sich auch menschlich weiterentwickeln können».

Dafür reist Patrik Schuler Wochenende für Wochenende durch die Schweiz und schaut sich stundenlang Fussballspiele an.