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Klimakrise und CoronaWie hält man so viel Weltuntergang aus?

Die Corona-Pandemie fesselt die Menschheit – und die Klimakrise braut sich zu einer akuten Bedrohung zusammen. Wie man daran nicht verzweifelt.

Ein bisschen Weltuntergang: Brennende Palme in Kalifornien, Ende September.
Ein bisschen Weltuntergang: Brennende Palme in Kalifornien, Ende September.
Foto: Keystone

Ein Strom aus Hiobsbotschaften fliesst durch die Gegenwart und schleift die Zuversicht der Menschen klein. Die Zahl der Neuerkrankungen an Covid-19 steigt rasant, in der Schweiz, in Europa, in der Welt. Der Winter steht vor der Tür und damit die Sorge, dass sich das Infektionsgeschehen noch drastischer verschärft.

Aus dem Schatten der Pandemie kehrt gerade der Klimawandel zurück ins öffentliche Bewusstsein. In Kalifornien brannten die Wälder, der Kilimandscharo steht seit Tagen in Flammen. Auch in Europa war der Sommer zu heiss, zu trocken, und die Prognosen für das Klima stehen schlecht, der Eisschild Grönlands, der Permafrost der Arktis, der Golfstrom, die ganze Lebensgrundlage der Menschheit.

«Die Apokalypse wirkt ja durchaus auch anziehend auf das Publikum.»

Immo Fritsche, Psychologe

«Wir sehen gerade, dass der Planet brennt», sagt der Umweltpsychologe Gerhard Reese von der Universität Koblenz-Landau, «es fängt an, wehzutun.» Der Klimawandel kehrt als Thema zurück auf die Bühne der Öffentlichkeit, wie Befragungen zeigen. Auch die Aktivisten von Fridays for Future haben nach einer Pandemie-Pause ihre öffentlichen Protestaktionen wieder aufgenommen.

Kinobesucher in China: Die Corona-Pandemie isoliert uns von anderen Menschen.
Kinobesucher in China: Die Corona-Pandemie isoliert uns von anderen Menschen.
Foto: Keystone

Corona und Klimawandel, ein teuflisches Duo. Wie lässt sich das ertragen, wie viel Weltuntergang können die Menschen aushalten, ohne sich abzuwenden und zu resignieren?

«Grundsätzlich halten wir sehr viel Krise aus», sagt Immo Fritsche, der zur Psychologie der Umweltkrise forscht. «Die Apokalypse wirkt ja durchaus auch anziehend auf das Publikum.» Negative Nachrichten verfügten über einen Aufmerksamkeits- und Erinnerungsvorteil, so der Psychologe. Sie werden stärker wahrgenommen als frohe Botschaften.

Und doch lässt die permanente Abfolge an gefühlten Grosskrisen nur ein gewisses Mass an kollektiver Beachtung zu: Das Migrationsthema drängte seit dem Höhepunkt 2015 lange Zeit alles andere in den Schatten, bis kurz der Klimawandel im Rampenlicht stand, das ihm dann die Corona-Pandemie raubte. «Es mag nicht klug sein, ist aber psychologisch nachvollziehbar: Die Menschen versuchen eben, eins nach dem anderen abzuarbeiten», sagt Andreas Ernst, Psychologe und Umweltwissenschaftler an der Universität Kassel. Das kollektive Aufmerksamkeits- und Aktionspotenzial ist begrenzt.

Zerstörte Natur: Ein Parkranger am Kilimanjaro, an dem es zurzeit brennt.
Zerstörte Natur: Ein Parkranger am Kilimanjaro, an dem es zurzeit brennt.
Foto: Keystone

Die Menschheit als Ganzes mag recht krisenfest sein, «individuell bestehen jedoch riesige Unterschiede», sagt der Psychologe Reese. Unterschiedliche Persönlichkeiten reagieren mit unterschiedlichen Strategien; und jede Krise weckt andere Muster und Antworten. Auf der einen Seite bedarf es grosser Dringlichkeit oder spürbarer Not, um eine Krise wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Ohne Druck geht nichts – doch zu viel Angst lähmt, besonders, wenn kein Ausweg in Sicht ist.

Oder – noch konsequenter – man leugnet das Problem als Ganzes. Corona sei ein Fehlalarm, der Klimawandel eine Lüge, heisst es dann.

«Die Menschen verdrängen, wenn sie nicht wissen, was zu tun ist, oder wenn sie keine Chance sehen, ein Ziel zu erreichen», sagt der Psychologe Dieter Frey von der Universität München. Eine gängige Reaktion auf Katastrophennachrichten besteht dann darin, sich abzuwenden, um wenigstens «der emotionalen Folgen einer Krise Herr zu werden», wie Fritsche das formuliert.

Unangenehmen Wahrheiten, das haben viele Studien gezeigt, gehen Menschen gerne aus dem Weg, indem sie den Kopf in den Sand stecken. Börsenhändler checken ihr Depot nicht mehr, wenn die Kurse fallen; Raucher blenden Informationen über die schädlichen Folgen ihrer Sucht aus; oder – noch konsequenter – man leugnet das Problem als Ganzes. Corona sei ein Fehlalarm, der Klimawandel eine Lüge, heisst es dann.

Corona-Skeptiker: Personen demonstrieren auf dem Bundesplatz gegen die Massnahmen des Bundes.
Corona-Skeptiker: Personen demonstrieren auf dem Bundesplatz gegen die Massnahmen des Bundes.
Foto: Keystone

«Wenn wir aber das Gefühl haben, wir könnten etwas erreichen, dann gehen wir Krisen eher problemorientiert an», sagt Fritsche. Wer einen Plan hat, stillt damit auch ein psychologisches Grundbedürfnis: Kontrolle über Situationen und sein Leben ausüben zu können. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit nimmt Katastrophennachrichten etwas von ihrem Schrecken.

Es hilft der Psyche, den ganzen Wahnsinn halbwegs zu verdauen.

Krisen wie der Klimawandel oder die Corona-Pandemie stürzen vor allem das Individuum in eine Starre: Was kann ein Einzelner schon ausrichten, ist nicht sowieso alles egal? «Deshalb sind Gruppen so wichtig», sagt Fritsche. In akuten Krisenzeiten neigen die Menschen ohnehin dazu, kollektivistischer als sonst zu denken und zu handeln. Wer dann sein Handeln als Teil einer kollektiven Bewegung begreift, könne sich aus dem Gefühl der Ohnmacht befreien. Wenn es ans Eingemachte gehe, sagt auch Ernst, dann seien die Menschen sehr wohl handlungsfähig.

Um Krisen zu bewältigen und als Einzelner nicht zu verzweifeln, ist es also wichtig, Gleichgesinnte zu finden und gemeinsam anzupacken. Ob dabei das Problem gelöst wird? Vielleicht, wer weiss. Sicher ist aber: Es hilft der Psyche, den ganzen Wahnsinn halbwegs zu verdauen.

28 Kommentare
    Markus Scheu

    Nicht abwenden, sondern Bewusstsein bewahren: das machen die "Kollapsologen" - dazu gibt es aktuell ein spannendes Buch über die Lehre vom Kollaps von Orlov. Für Menschen mit starken Nerven, doch hilfreich wenn man diese hat.