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Corona und Spanische GrippeWie sich der Kampf gegen eine Epidemie verbessert hat

Die Schweiz ist heute viel besser gewappnet für eine Pandemie als bei der Spanischen Grippe 1918. Diese gute Nachricht liefert Historiker Patrick Kury.

Sekretärinnen arbeiten 1918 während der Spanischen Grippe mit Atemschutzmasken.
Sekretärinnen arbeiten 1918 während der Spanischen Grippe mit Atemschutzmasken.
Foto: Getty

Wenn der Historiker Patrick Kury (58) zurückblickt auf die Spanische Grippe, die vor rund 100 Jahren die Schweiz heimsuchte, stimmt ihn das für die Bewältigung der aktuellen Corona-Pandemie verhalten positiv. «Es ist zu hoffen, dass es heute nicht ganz so schlimm kommt wie 1918», sagt er. Der Basler Kury, Professor an der Universität Luzern, ist ein Spezialist für den Verlauf der Spanischen Grippe in der Schweiz. (Lesen Sie hier, wie die Spanische Grippe Stadt und Kanton Bern traf).

Historiker Patrick Kury.
Foto: zvg

Natürlich weiss er als Historiker, dass die beiden Pandemien von heute und von 1918 nicht einfach vergleichbar sind. Es lässt sich nicht sagen, ob das Influenza-Virus von damals oder das Coronavirus gefährlicher sind. Ob die Infektions- und Todesrate vergleichbar sind, weiss man noch gar nicht, weil die Pandemie in Europa laut den Fachleuten erst auf den Höhepunkt zusteuert.

Dennoch ist ein Vergleich von Vergangenheit und Gegenwart möglich. Nämlich zwischen den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systemen der Schweiz von 1918 und 2020, auf die die beiden Viren treffen. Kury wagt einen eindeutigen Schluss: «Wir sind heute viel besser gegen das Coronavirus gewappnet als 1918 gegen die Spanische Grippe.» Für diesen optimistischen Befund kann er gleich mehrere Belege nennen.

Fortgeschrittener Stand der Wissenschaft

Vor 100 Jahren konnte die Medizin dank den Entdeckungen der Bakteriologie zwar Infektionskrankheiten erfolgreich bekämpfen, die Virologie aber steckte in den Kinderschuhen. «Erst 1933 wurde erstmals im Labor ein Virus isoliert», sagt Kury. Heute aber verfüge die Wissenschaft über einen hohen Kenntnisstand. Insbesondere gebe es einen internationalen Austausch, der die Virenforschung permanent antreibe. «Die Wahrscheinlichkeit, dass die Pharmaindustrie einen Impfstoff entwickelt, ist heute hoch. 1918 konnte man davon nur träumen», bilanziert Kury.

Moderne Viruserforschung im Labor MIttelhäusern.
Moderne Viruserforschung im Labor MIttelhäusern.
Foto:  Sabina Bopst

Internationale Kooperation

1918, im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, sind die Grenzen zwischen den kriegführenden Ländern dicht, es herrscht Nachrichtensperre und Zensur. Dennoch überschreitet das von US-Soldaten nach Europa eingeschleppte Influenza-Virus innert Wochen alle Grenzen, auch die zwischen verfeindeten Kriegsparteien. «Das zeigt, dass eine totale Grenzsperre gegen eine Pandemie wenig ausrichten kann», sagt Kury.

«Heute gibt es zwar weiterhin nationale Grenzen, aber es gibt auch eine internationale Kooperation der Staaten», fährt er fort. Auch wenn China in den ersten Wochen der Pandemie zögerlich kommunizierte, tausche es sich mittlerweile intensiv mit der Weltgesundheitsorganisation und anderen Ländern über den Stand und den Verlauf der Pandemie aus. Diese Weitergabe von Wissen trägt dazu bei, dass wirksame Strategien kopiert und Fehler vermieden werden.

Staatliche Pandemieplanung

In den letzten Tagen waren im einen Kanton Skigebiete oder Restaurants noch in Betrieb, in einem anderen aber schon gesperrt. Das stiftete Verwirrung und beschleunigte womöglich die Ausbreitung des Coronavirus. Im Vergleich zu den chaotischen Massnahmen der Behörden und zum föderalistischen Wildwuchs vor 100 Jahren aber wirken die heutigen Massnahmen durchaus konsistent. 1918 erliessen die einen Kantone und Gemeinden Verbote, die andere wieder aufhoben oder gar nicht verhängten. Versammlungen wurden deshalb etwa vom einen in einen anderen Kanton verlegt. Die Restaurants blieben in der ganzen Schweiz trotz Versammlungsverboten offen.

Warnplakat vor der Spanischen Grippe.
Warnplakat vor der Spanischen Grippe.
Foto: pd
Warnplakat des Bundesamts für Gesundheit vor dem Coronavirus.
Warnplakat des Bundesamts für Gesundheit vor dem Coronavirus.
Foto: pd
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Der Hauptfortschritt ist für Patrick Kury, dass es seit dem 21. Jahrhundert in der Schweiz gesetzlich verankerte Pandemiepläne gibt, die Bund und Kantonen ein Weisungsrecht geben. 1918 musste der Bundesrat erst die einzelnen Gemeinden ermächtigen, Weisungen und Verbote zu erlassen. Dadurch ging 1918 weit mehr wertvolle Zeit verloren als heute.

Soziale und politische Stabilität

«1918 kommen die bis dahin grösste gesellschaftliche, die grösste politische und die grösste gesundheitliche Krise zusammen», beschreibt Patrick Kury die schwierige Lage der damaligen Schweiz. Die Bevölkerung ist nach vier Weltkriegsjahren mental erschöpft, unter den Industriearbeitern in den Städten herrscht Armut, ja Hunger, die bäuerliche Bevölkerung auf dem Land ist besser ernährt. Die sozialen Spannungen im Land wachsen. Gleichzeitig rebellieren die Arbeiterschaft und die Sozialdemokratische Partei gegen Bundesrat und Parlament, die mit kriegsbedingten Sondervollmachten und einer absoluten freisinnigen Mehrheit die Politik bestimmen. Im Landesstreik vom November 1918 entladen sich diese politischen und sozialen Gegensätze. Ausgerechnet in dieser explosiven Lage wütet noch die Spanische Grippe.

Das Coronavirus trifft heute auf eine vergleichsweise geeinte Schweiz mit einem Proporzwahlrecht, ausgebauten staatlichen Sozialleistungen und einem stabilen, weit gerechter verteilten Wohlstand. Für die Krisenbewältigung gibt es heute mehr Strukturen und finanzielle Mittel.

Kleinere Hauptrisikogruppe

Verheerend an der Spanischen Grippe war vor allem, dass sie ausgerechnet vitale Gruppen der Gesellschaft am stärksten trifft: die arbeitsfähigen Männer zwischen 20 und 45 Jahren sowie die damals besser ernährte Landbevölkerung. In der damals im Schnitt jüngeren Gesellschaft machten junge Männer einen grossen Anteil aus.

In der Coronakrise von heute sind die über 65-Jährigen die Hauptrisikogruppe. In der im Schnitt älteren Bevölkerung von heute ist ihr Anteil zwar stark gewachsen, er ist aber immer noch deutlich kleiner als derjenige der 1918 exponierten jungen Männer.

Vertrauen auf den Staat

«In der Schweiz haben wir seit zwei Generationen keine Notverordnungen und Krisenlagen mehr erlebt», sagt Kury. Unser Freiheitsgrad und unser Individualismus seien unvergleichlich höher. Zeigt die bisweilen zögerliche Beachtung der bundesrätlichen Sperrmassnahmen in den letzten Tagen, dass wir weniger folgsam sind und die staatlichen Verbote nicht ernst genug nehmen? «Das wird man erst rückblickend nach der Corona-Krise beantworten können», sagt Kury.

In unserer individualistischen Gesellschaft bleibt es aber eine Herausforderung, in der Krise solidarisch zu bleiben.

Patrick Kury, Historiker Universität Luzern

«Die Gesellschaft von 1918 hat Führung und autoritäre Strukturen sicher besser akzeptiert als jene von heute», sagt Kury. Dennoch sei nach vier Jahren Kriegskrise und fehlender wirtschaftlicher Vorsorge das Misstrauen, ja der Zorn auf die staatlichen Behörden viel grösser gewesen als heute. «Damals gab es in der Schweiz nur einen schlanken Staat ohne Auffangstrukturen und Ämter für Vorsorge», verdeutlicht Kury. Heute sei das Vertrauen in die staatlichen Institutionen ungleich grösser. Auch das ist ein Vorteil bei der Bewältigung der aktuellen Krise.

«In unserer individualistischen Gesellschaft bleibt es aber eine Herausforderung, in der Krise solidarisch zu bleiben», schliesst Patrick Kury.

Patrick Kury: «Das Virus der Unsicherheit», Artikel über die Spanische Grippe in der Schweiz im Sammelband «Der Landesstreik» (Verlag Hier und Jetzt, 2018).