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Zufrieden im Job?Wir arbeiten weniger und sind trotzdem gestresst

Trotz mehr Ferien und weniger Arbeitsstunden sind viele bei der Arbeit im Stress. Diese 5 Punkte zeigen, wie sich die Arbeitswelt verändert hat.

Der Stress am Arbeitsplatz hat vielerorts zugenommen: Angestellte der Credit Suisse in einem Grossraumbüro. (Archiv)
Der Stress am Arbeitsplatz hat vielerorts zugenommen: Angestellte der Credit Suisse in einem Grossraumbüro. (Archiv)
Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Ob es einem passt oder nicht: Der Job ist für die meisten Menschen ein wichtiger Teil des Lebens. Er bestimmt das Einkommen und beeinflusst in erheblichem Masse die Zufriedenheit. Wir wollten deshalb wissen, wie das Verhältnis der Schweizerinnen und Schweizer zu ihrer Arbeit ist, und haben uns die Daten des Bundesamts für Statistik mal genauer angeschaut. Diese fünf Fakten sind uns dabei aufgefallen:

Schweizer arbeiten immer weniger und haben mehr Ferien

Wir rühmen uns oft für unseren Fleiss und unsere Arbeitsmoral. Doch Eigenwahrnehmung und Wirklichkeit klaffen hier auseinander. Denn die wöchentliche tatsächliche Arbeitszeit nimmt seit Jahren kontinuierlich ab. Damit sind die effektiv geleisteten «produktiven» Stunden gemeint, wenn man Absenzen und Überzeit mit einrechnet.

1991 schufteten die Schweizerinnen und Schweizer im Durchschnitt noch 35,3 Stunden pro Woche. Mittlerweile sind es nur noch 31,8 Stunden, also dreieinhalb weniger. Zwar hat die wöchentliche Arbeitszeit von Teilzeiterwerbstätigen (weniger als 90-Prozent-Pensum) im Vergleich zu früher zugenommen. Das kann den Rückgang bei den Vollzeitangestellten aber nicht kompensieren.

Der Anteil der Erwerbstätigen mit atypischen Arbeitszeiten (samstags, sonntags, abends, nachts) war zwischen 2010 und 2018 ebenfalls rückläufig. Selbes gilt für Jobs auf Abruf. Dafür profitiert mittlerweile fast jeder Zweite von flexiblen Arbeitszeiten.

Gleichzeitig haben die Schweizer immer mehr Ferien. Per Gesetz gibt es ein Anrecht auf mindestens vier Wochen pro Jahr (beziehungsweise fünf Wochen bis zum vollendeten 20. und ab dem 50. Lebensjahr). Im Schnitt erhalten Arbeitnehmende, die Vollzeit angestellt sind, aber jährlich 5,1 Wochen. Vor zwanzig Jahren waren es noch 4,7 Wochen.

Immerhin kann man vielen Schweizern zugutehalten, dass sie durchaus bereit wären, mehr zu arbeiten. Fast jeder zehnte Teilzeiterwerbstätige gibt an, dass er innerhalb von drei Monaten für einen Job mit erhöhtem Pensum verfügbar wäre, aber bisher nichts gefunden hat.

Der Stress am Arbeitsplatz nimmt zu

Trotz weniger Stunden pro Woche und mehr Ferien steigt die Zahl der Personen, die den Arbeitsplatz als Belastung empfinden. Jeder Fünfte gab 2017 bei der letzten Gesundheitsbefragung an, «immer oder meistens» im Job Stress zu erleben, auf weitere 45 Prozent der Erwerbstätigen trifft das «manchmal» zu. Beide Anteile haben gegenüber 2012 zugenommen.

Ein Grund für den Anstieg ist der Zeitdruck, dem viele regelmässig ausgesetzt sind. Die Hälfte gibt an, mindestens drei Viertel der Arbeitszeit in hohem Tempo oder unter Termindruck arbeiten zu müssen (oder beides zusammen). Zudem sind fast zwei Drittel mit hohen Anforderungen konfrontiert und müssen beispielsweise die eigene Arbeit wegen unvorhergesehener Aufgaben häufig unterbrechen.

Als Folge davon fühlen sich viele der gestressten Personen bei der Arbeit emotional erschöpft. Emotionale Erschöpfung gilt als Zeichen für ein hohes Burn-out-Risiko und steht in Verbindung mit Depressionen.

Diskriminierung ist ein Problem

Ein weiterer Grund für den Stress im Job dürfte die Diskriminierung sein, die mehr als jeden zehnten Schweizer betrifft. Im Jahr 2017 haben 11,5 Prozent der Erwerbstätigen mindestens eine der folgenden Formen von Gewalt erlebt: Drohungen und Erniedrigungen, körperliche oder verbale Gewalt, Einschüchterung, Mobbing oder sexuelle Belästigung.

Psychisch belastend kann es auch sein, wenn man nur Befehle befolgen muss und sich selbst nicht einbringen kann. Ein Drittel der Erwerbstätigen ist von diesem Problem betroffen, hat also geringen Gestaltungsspielsraum am Arbeitsplatz. Diese Personen geben an, mindestens eine der folgenden Situationen nie oder selten zu erleben: Mitbestimmung bei der Arbeit, freie Pauseneinteilung, Fähigkeiten voll einsetzen können, immer wieder Neues lernen.

Die meisten sind zufrieden mit ihrem Job

Zwar ist Diskriminierung für einen nicht unerheblichen Teil der Erwerbstätigen ein Problem. Die bedeutende Mehrheit profitiert aber von der Hilfe und Unterstützung ihrer Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit: Im Jahr 2017 gaben mehr als 71 Prozent an, «meistens» oder «immer» darauf zählen zu können. Weiter können zwei Drittel die Hilfe und Unterstützung der vorgesetzten Person in Anspruch nehmen.

Das wirkt sich direkt auf die Zufriedenheit aus, die bei drei Vierteln der Erwerbstätigen «sehr hoch» oder «hoch» ist. Dieser Anteil ist seit Jahren ziemlich stabil.

Die Arbeitsmotivation und das subjektive Wohlbefinden auf der Arbeit werden nicht nur durch das Teamgefüge, sondern auch durch das Gefühl beeinflusst, eine sinnvollen Job zu haben. In der Schweiz geben rund 84 Prozent der Erwerbstätigen an, die meiste Zeit (50 Prozent) oder immer (34 Prozent) eine sinnvolle Arbeit zu erledigen.

Die Work-Life-Balance stimmt

Viele scheinen zudem Job und Privatleben gut trennen zu können oder zumindest eine gute Aufteilung gefunden zu haben. Nur 12 Prozent gaben auf einer Skala von 0 (überhaupt keine Beeinträchtigung) bis 10 (sehr starke Beeinträchtigung des Privatlebens) einen Wert von über 8 an.

Das hat sicher auch mit der Flexibilität der Arbeitgeber zu tun. Über zwei Drittel der Arbeitnehmenden haben die Möglichkeit, aus familiären Gründen Anfang und Ende ihrer Arbeitszeit um mindestens eine Stunde zu verschieben. Etwa, weil sie ihre Kinder oder betagten Eltern betreuen müssen. Jeder Zweite kann seine Arbeitszeit gar so organisieren, dass er bei Bedarf ganze Tage freinehmen kann, ohne Ferientage beziehen zu müssen.

Diese Möglichkeit trägt zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei und wird künftig noch wichtiger sein. Denn im Zuge der aktuellen Krise sind flexibles Arbeiten und Homeoffice gefragter denn je. Corona hat verändert, wie wir leben und arbeiten. Für immer? (Das haben wir eine Zukunftsforscherin gefragt: Hier geht es zum Interview)

15 Kommentare
    Thomas Balmer

    Stress tritt dann ein, wenn die Anforderungen grösser sind, als die Möglichkeiten die man hat. Es ist nicht die Arbeitsmenge, sondern der Aufwand, der es zur Bewältigung braucht. Aus meiner Sicht ist es klar, woher diese Überlastung kommt-denn die neue Arbeitswelt lastet dem Einzelnen immer mehr Aufgaben zu und eliminiert die Sekretariate zu Gunsten einer scheinbaren Effizienz. So kommt es, dass man sich bei Sitzungseinladungen mit dem Öffnen und Sichten von ausufernden Unterlagen selbst befassen muss, statt die schriftlichen Unterlagen umgehend nach dem Öffnen des Couverts in einer sorgfältigen Zusammenfassung lesen zu können. Da alles sehr schnell geht, wird immer noch eine oder mehrere Korrekturen oder Ergänzungen nachgeliefert und am Schluss muss man sehr gut aufpassen, dass es sich nicht um eine veraltete oder ungültige Ausgabe handelt. Weiter kommt dazu, dass immer wenn man sich allmählich an ein Programm gewöhnt hat und weiss, wo all die gebrauchten Funktionen unter den unendlich vielen nicht gebrauchten Funktionen versteckt sind- kommt eine neue Version, die alles auf den Kopf stellt und mit ganz neuen, bisher unbekannten Kinderkrankheiten den Werktätigen plagt und stresst. Dazu gibt es ungezählte und oft unnötige Rapporte, Infos und andere Irrläufer wie Formulare, die zu wenige Buchstaben zulassen und mehr.... und da fragt man sich warum man gestresst ist. Vielleicht sollten wir einmal darüber nachdenken, was der wahre Fortschritt wäre.