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Der Fussball-Liga-CEO im Interview«Wir möchten ab September ohne Einschränkungen bei den Zuschauern spielen»

Claudius Schäfer spricht über den Neustart der Super League und Christian Constantin, über seinen Lohnverzicht und den neuen TV-Vertrag ab 2021.

Muss sich in diesen Tagen um viele offene Fragen kümmern: Claudius Schäfer, der CEO der Swiss Football League.
Muss sich in diesen Tagen um viele offene Fragen kümmern: Claudius Schäfer, der CEO der Swiss Football League.
Foto: Alessandro della Valle/Keystone

Hatten Sie in den letzten Monaten schlaflose Nächte?

Es waren intensive, stressige Zeiten, und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte immer gut geschlafen. Es gab und gibt viele offene Fragen im Schweizer Fussball, aber nun ist die Entwicklung in vielen Bereichen erfreulich.

Am Freitag entschieden sich die 20 Clubs der Swiss Football League sehr deutlich für die Fortsetzung der Saison und gegen eine Super-League-Aufstockung auf 12 Teams. In den Wochen zuvor hatte man den Eindruck erhalten, die Vereine seien nicht besonders solidarisch unterwegs, jeder dachte nur an sich selber, was dem Image der Liga abträglich war.

Ich bin nicht ganz einverstanden mit dieser Einschätzung. Wir sprechen von einigen wenigen Vertretern, die leider bezüglich Kommunikation zu oft und lautstark den Weg über die Medien wählen. Das ist nicht konstruktiv. Alle kennen meine Telefonnummer und diejenige des Präsidenten Heinrich Schifferle.

Und warum spricht die Liga nicht endlich mit Sions egoistischem Präsidenten Christian Constantin und macht ihm unmissverständlich klar, dass er mal wieder die Grenzen überschritten hat?

Es ist nicht so, dass wir nie mit Christian Constantin sprechen. Er hat oft eine klare Meinung und geht dann seinen eigenen Weg. Ich würde einen konstruktiven Dialog bevorzugen. Aber er hat auch sehr viel für den FC Sion getan, er engagiert sich stark im Fussball …

… na ja, in erster Linie schadet er ihm, weil er macht, was er will, weil er droht, klagt, prozessiert und ein schlechtes Licht auf die Branche wirft.

Ich kann Ihnen leider nicht vollständig widersprechen. Die Androhung von Klagen nach demokratisch gefällten und sehr klaren Entscheiden ist für den Zusammenhalt und das Funktionieren der Liga alles andere als förderlich. Das haben auch die Clubs an der Versammlung vom Freitag klar zum Ausdruck gebracht.

Wäre es möglich, Constantin aus der Liga zu verbannen?

Das geht nicht, der FC Sion gehört ihm. Laut unseren Statuten ist ein Ausschluss eines Clubs nur dann möglich, wenn es triftige Gründe dafür gibt und sich drei Viertel aller 20 Vereine dafür aussprechen. Allerdings steht dort auch geschrieben, dass es die Pflicht jedes Vereins ist, den Interessen der Liga und den anderen Mitgliedern nicht zu schaden.

«Wichtig ist jetzt, dass wir auch gegen aussen als Einheit auftreten. Dazu benötigt es jeden Club.»

Claudius Schäfer

Am Freitag verlor Constantin mal wieder zwei Abstimmungen klar. Aber er hat die Klagen gegen die Fortsetzung der Liga und gegen die Ablehnung einer Liga-Aufstockung bereits vorbereitet.

Er kam leider nicht nach Bern an die Versammlung, um sich einzubringen. Und die Abstimmung bezüglich Weiterspielen war deutlich mit 17:2, bei einer Enthaltung. Danach sprach sogar einer der zwei unterlegenen Clubs davon, dass man das Ergebnis akzeptieren müsse und konstruktiv in die Zukunft gehen soll …

… das war der Vertreter von Xamax.

Joker! Wichtig ist jetzt, dass wir auch gegen aussen als Einheit auftreten. Dazu benötigt es jeden Club. Fussball ist das Top-Sportprodukt in der Schweiz, es interessiert sehr viele Menschen. Nun dürfen wir wieder spielen, darum soll es gehen. Wir sind uns der Verantwortung bewusst und werden alle Vorgaben des Bundes selbstverständlich einhalten.

Das Bundesliga-Gesundheitskonzept wirkt fast schon wie aus der Zeit gefallen, es wurde vor ein paar Wochen geschrieben. Es ist absurd, wenn sich Spieler beim Torjubel nicht berühren dürfen, kurz zuvor aber im Zweikampf waren oder in einer Freistossmauer eng nebeneinander standen.

Es geht darum, die Regeln zu 100 Prozent umzusetzen. Nicht alles mag dabei auf den ersten Blick nachvollziehbar sein. Aber: Die Fussballer haben auch eine Vorbildfunktion. Und wenn wir das gut machen, steigen die Chancen, dass wir vielleicht bald wieder Zuschauer in den Stadien haben werden.

Ab wann erwarten Sie sogar wieder uneingeschränkte Zulassungsbedingungen in den Arenen?

Bis am 31. August 2020 gilt das Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen. Es kann aber schnell gehen, das haben die letzten Tage und Wochen gezeigt. Und sicher ist auch eine Portion Hoffnung dabei, wenn ich sage, dass wir ab der neuen Saison ohne Einschränkungen bei den Zuschauern spielen möchten.

30’000 Besucher im Stade de Suisse an einem YB-Heimspiel am ersten Spieltag am 11. September?

Das hört sich heute unwirklich an. Aber die Veränderungen bei dieser Pandemie kann keiner voraussagen. Derzeit gibt es kaum neue Fälle in der Schweiz. Und für die Vereine in unseren Ligen sind die Zuschauereinnahmen nun einmal sehr wichtig.

Ein Fussballspiel vor einem vollen Stadion: Momentan ein Relikt aus dem vergangenen Jahr, wie im November zwischen YB und St. Gallen.
Ein Fussballspiel vor einem vollen Stadion: Momentan ein Relikt aus dem vergangenen Jahr, wie im November zwischen YB und St. Gallen.
Peter Klaunzer/Keystone

Warum wartet auf die Ligen eigentlich ein so strenges Programm mit Partien wochenlang im Drei-Tage-Rhythmus bis Anfang August?

Weil es nicht anders möglich ist. Die Teams benötigen nach der langen Pause Zeit zur Vorbereitung. Und die Saison sollte laut dem provisorischen Terminplan des europäischen Fussballverbandes Uefa am 2. August zu Ende sein, damit danach die europäischen Wettbewerbe fortgesetzt werden können. Und weil es im August schon mit den Qualifikationspartien der nächsten Saison im Europacup losgeht.

Kurzarbeit für Spieler und Angestellte wird laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft nicht mehr erlaubt sein, dagegen wollen sich die Vereine wehren. Wie sehen Sie die Chancen?

Wir sind optimistisch, dass die Kantone auf unsere Begehren eingehen werden. In Österreich etwa erhalten die Clubs 15 Prozent, weil die Spieler ja nicht das gewohnte Arbeitspensum leisten. Wir haben ein Rechtsgutachten durch Spezialisten erstellen lassen, welches ebenfalls zum Ergebnis kommt, dass der Arbeitsausfall nachweisbar ist und Kurzarbeitsentschädigung geltend gemacht werden kann.

Die Bundeskredite mit der Solidarhaftung bezüglich Spielerlöhnen können auch kaum in Ihrem Sinn sein.

Wir sind über die Bereitschaft des Bundes, Darlehen zu gewähren, sehr zufrieden. Nun werden wir mit dem Bund bis Ende Juni einen Darlehensvertrag ausarbeiten, einige Unklarheiten sind dabei noch zu klären.

Sie sprachen im Tamedia-Fussball-Podcast «Dritte Halbzeit» bereits im März davon, dass man über Subventionen für Fussballvereine sprechen müsse.

Wir müssen hier unterscheiden zwischen dem Profibereich und der Nachwuchsarbeit, welche für einen Club absolut zentral, aber auch kostenintensiv ist. Für den Profibereich stehen mit den erwähnten Darlehen hoffentlich bald Lösungen bereit. Die Nachwuchsarbeit ist jedoch im Bereich Breitensport anzusiedeln, und hier sind wir klar der Meinung, dass auch SFL-Clubs Zugang zu diesen A-fonds-perdu-Beiträgen haben müssen.

«Wir haben im Schnitt für die Monate März bis Juni auf 16 Prozent unseres Lohnes verzichtet.»

Claudius Schäfer

Wie solidarisch ist eigentlich die Swiss Football League selber? Haben Sie ebenfalls auf Geld verzichtet?

Ja. Wir haben im Schnitt für die Monate März bis Juni auf 16 Prozent unseres Lohnes verzichtet, bei Angestellten mit höheren Löhnen ist es mehr. Bei uns sind alle ausser mir zudem auf Kurzarbeit gesetzt.

In den letzten Wochen arbeiteten sich viele Menschen, die oft im Schatten der mit Abstand populärsten Sportart standen, am Fussball ab. Wie haben Sie das aufgenommen?

Es waren und sind komplizierte Zeiten. Und mir ist auch klar, dass nicht alle Entwicklungen im Fussball ideal sind. Wir sind exponiert und dürfen uns keine Exzesse leisten. Wir müssen aber noch besser kommunizieren, welche gesellschaftlich wichtige Rolle der Fussball spielt.

Für Sie geht der Stress sofort weiter, der neue TV-Vertrag ab 2021 muss ausgehandelt werden.

Wir sind wegen Corona spät dran, haben aber nun die Sicherheit, welcher Modus ab der Saison 2021/22 gespielt wird.

Erhoffen Sie sich trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage eine Erhöhung des Betrags von 40 Millionen Franken inklusive Marketing im Jahr?

Für unsere Liga in der relativ kleinen Schweiz mit den verschiedenen Landessprachen sind TV-Einnahmen, wie wir sie aus den grossen Märkten kennen, nicht erreichbar. Und derzeit wäre es nicht seriös, irgendwelche Beträge zu nennen. Es geht zuerst darum, dass wir nun verschiedene Grundsatzentscheide treffen, etwa wie viele Partien wir im Free-TV zeigen wollen. Derzeit ist es ein Spiel pro Runde. Sind es weniger, erhöht das die Exklusivität für Pay-TV-Sender. Dann müssen wir die Anspielzeiten definieren. Und schliesslich, welche Art von Paketen wir anbieten. Wünschenswert wäre natürlich ein Bieterwettwerb …

Zur Zeit ist die Super League auf SRF und Teleclub zu sehen, doch bald könnten auch andere Anbieter einsteigen.
Zur Zeit ist die Super League auf SRF und Teleclub zu sehen, doch bald könnten auch andere Anbieter einsteigen.
Gaetan Bally/KEYSTONE

… mit neuen Anbietern wie DAZN, Mysports, Sky oder Amazon …

… das werden wir im Sommer sehen. Aber uns wurde klar signalisiert, dass sich verschiedene Sender interessieren. Und wichtig ist mir auch zu betonen, dass wir mit unserem Partner Teleclub sehr zufrieden sind. Er überwies Ende April auch fristgerecht die letzte Tranche der Saison, obwohl damals noch völlig unklar war, wie es mit dem Spielbetrieb weitergeht. Das war eine schöne, starke Geste.

Bei aller Erleichterung über die Fortsetzung des Betriebs bleibt eine Frage: Was passiert, wenn der Fussball im Herbst oder Winter erneut pausieren muss, weil die Corona-Pandemie wieder stärker wird?

Dieses Notfallszenario möchte ich mir gar nicht erst vorstellen. Gibt es noch einmal so eine Situation wie im ersten Halbjahr 2020, dann sehe ich nicht nur in der Schweiz sehr schwarz für den Fussball.

7 Kommentare
    Rolf Gugger

    Subventionen? Glasklares NEIN!