Die Opfer der US-Trinkgeldkultur

Vor allem Frauen sind übermässig sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Ohne den Zusatzverdienst könnten sie nicht leben. Die Servicequalität beeinflusst die Zahlungen nur unwesentlich.

Allein eine aussergewöhnliche Bekleidung ist wichtiger als die Servicequalität: Eine Service-Beschäftigte der Kette Hooters serviert Pouletflügel.

Allein eine aussergewöhnliche Bekleidung ist wichtiger als die Servicequalität: Eine Service-Beschäftigte der Kette Hooters serviert Pouletflügel. Bild: Tony Bock via Getty Images

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Wer zum ersten Mal in die USA reist, dem fallen in Restaurants dort zwei Dinge besonders auf: die sehr tiefen Preise und die ausserordentlich freundliche Bedienung. Was viele nicht wissen: Im offiziellen Preis ist die Bedienung nicht enthalten. Das Servicepersonal hat meist nur einen kleinen Fixlohn und ist auf Trinkgelder angewiesen.

Positiv ausgelegt setzt dieses Trinkgeldsystem dem Personal Anreize, die Kunden möglichst gut und freundlich zu bedienen. Durch diesen persönlichen Einsatz kann das Servicepersonal den eigenen Lohn selbst beeinflussen und ihn steigern.

Die Realität ist für die Betroffenen sehr viel weniger romantisch. Der gesetzliche Mindestlohn für Serviceangestellte mit Trinkgeld beträgt 2.13 Dollar pro Stunde (rund 2 Franken), in 19 Staaten der USA liegt der Fixlohn auch entsprechend tief, ansonsten liegt er bei mehr als dreimal höheren 7.25 Dollar. Ohne Trinkgeld ist daher kaum ein Überleben möglich.

Das Elend der Trinkgeldjobs

Gemäss US-Arbeitsministerium sind sieben der zehn schlechtestbezahlten Jobs solche in Restaurants, in vier davon sind Trinkgelder Bestandteile des Lohns. Der Anteil von Frauen, die in solchen Jobs arbeiten, liegt bei 70 Prozent. Gemäss Saru Jayaraman, die sich intensiv mit dieser Branche auseinandergesetzt hat und für die Abschaffung des Trinkgeldsystems lobbyiert, unterschreiten die so Beschäftigten dreimal mehr die Armutsgrenze als die übrigen Beschäftigten, und sie sind deutlich häufiger sexueller Belästigung ausgesetzt als alle anderen in den USA.

In einem aktuellen Artikel der «New York Times» berichten verschiedene Serviceangestellte von ihrem Alltag. Gemäss diesen Erzählungen gehen die Belästigungen von anzüglichen Bemerkungen über direkte sexuelle Anspielungen bis zu intimen Berührungen, Fotografieren in den Ausschnitt und dem Versuch, auch nach der Arbeit den Frauen nachzustellen.

Laut dem Zeitungsbericht haben viele Frauen erklärt, dass sie einem heiteren Flirten mit Kunden an sich nicht abgeneigt seien. Einige, aber nicht alle, mögen auch deren Komplimente. Manchmal kommt es auch im gegenseitigen Einverständnis zu Treffen ausserhalb des Jobs, bis hin zur Heirat.

Doch das Machtgefälle am Arbeitsplatz ist den meisten unwillkommen – und damit alle damit zusammenhängenden Avancen der Kundschaft wie die Frage nach einem Date oder nach privaten Telefonnummern. Die Frauen (und wenigen Männer) lassen gemäss den Berichten viel mehr über sich ergehen, als sie sonst akzeptieren würden, weil sie auf das Trinkgeld der Kunden angewiesen sind. Und vielen Kunden ist das auch sehr bewusst.

Schminke und Berührungen steigern den Verdienst

Wie der Trinkgeldforscher Michael Lynn festhält, «besteht nur eine schwache Beziehung zwischen der Qualität der Bedienung und den Trinkgeldern». Lynn hält deshalb in einer Empfehlung für das Restaurantpersonal fest, mit welchen Methoden dieses gemäss seinen Untersuchungen die Trinkgelder erhöhen kann: Als ersten von zwanzig Tipps empfiehlt der den Frauen den Gebrauch von Make-up. Als zweiter Tipp folgt, dass sie etwas Aussergewöhnliches anziehen sollten. Ebenfalls gut fürs Trinkgeld ist laut Lynns Forschung unter anderem, wenn die Angestellte nahe beim Kunden steht, ihn berührt, lächelt, ihm Komplimente macht, ihn unterhält und ihm zum Abschied Süssigkeiten reicht.

In einem Buch schreibt die bereits erwähnte Saru Jayaraman, die Ursprünge der spezifischen US-Trinkgeldkultur würden auf die Sklaverei zurückgehen. Als diese schwarzen Sklaven anfänglich befreit worden seien, hätten sie oft in solchen Servicejobs ohne offizielle Bezahlung und abhängig von solchen freiwilligen Bezahlungen der Kunden gearbeitet. Diese Jobs fanden sich hauptsächlich in ursprünglichen Fast-Food-Restaurants, wo die vom Land zugewanderten Arbeiter nur sehr kurz eine Speise einnahmen.

Auch für Arbeitgeber von Nachteil

Die «Kultur» hat sich bis heute gehalten, obwohl selbst die Restaurantbetriebe Nachteile daraus haben. So leidet zum Beispiel das interne Klima. Das ebenfalls schlecht verdienende Küchenpersonal sieht sich oft gegenüber dem Servicepersonal benachteiligt. Und weil die Trinkgeldvergabe gemäss Untersuchungen oft diskriminierend ist und wenig mit der Serviceleistung zu tun hat, kann das auch die Zusammenarbeit zwischen den Bediensteten vergiften. So erhalten zum Beispiel Männer mehr als Frauen, Weisse mehr als alle anderen Ethnien, Junge mehr als Ältere, gut Aussehende mehr als weniger gut Aussehende.

Restaurantbesitzer, die das System ändern wollen, müssen für eine höhere fixe Bezahlung allerdings die Preise für die Kundschaft nach oben anpassen, da sie selbst mit äusserst engen Margen wirtschaften. Doch damit verlieren sie oft Marktanteile oder müssen ihren Betrieb gleich ganz schliessen. Deshalb kann es keine Lösung ohne gesetzliche Regelung für alle geben. Doch eine Entwicklung in diese Richtung für die ganzen USA ist nicht wahrscheinlich. Denn Umfragen machen klar, dass die Restaurantbesitzer das Trinkgeldsystem und die damit verbundene Macht sehr schätzen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.03.2018, 17:51 Uhr

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