Der Libor ist einfach nicht totzukriegen

Trotz Manipulationsskandal: Der Referenzzinssatz bleibt bei den Banken verankert.

Basiszins für Hypotheken: Der Libor soll die Grundlage für bis zu 15 Prozent der Schweizer Hypotheken sein.

Basiszins für Hypotheken: Der Libor soll die Grundlage für bis zu 15 Prozent der Schweizer Hypotheken sein.

(Bild: Keystone Gaetan Bally)

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos

Er spielt die Hauptrolle in einem grossen Betrugsfall und soll daher möglichst rasch verschwinden – doch so einfach dürfte die Abkehr vom Referenzzinssatz Libor nicht werden. Die Tentakel des in Ungnade gefallenen Libor seien in der Finanzbranche überall, so Josh Dixit, der Schatzmeister der Deutschen Bank, gegenüber der «Financial Times» (Artikel bezahlpflichtig).

Der Libor ist der wichtigste Referenzzinssatz, auf dem viele Wertpapiere und Hypotheken basieren. Er stellt den Referenzwert für Finanzprodukte im Umfang von 420 Billionen Dollar dar. Daher ist er nicht nur wichtig für die Banken und die Vermögensverwalter, sondern auch für die Konsumenten. Den Libor aufzugeben, sei machbar, aber es sei eine Mammutaufgabe mit grossen Risiken und damit wohl bedeutender als der Brexit, so Dixit.

Aus Libor wird Saron

Bis Ende 2021 soll der Libor abgelöst werden. Es werden derzeit verschiedene Alternativen zum Libor und seinem europäischen Pendant Euribor entwickelt. In der Schweiz soll dereinst der Saron den Libor ablösen, SOFR heisst der Zins in den USA, Sonia in Grossbritannien.

Für Josh Dixit laufen die Vorarbeiten aber zu langsam ab. Das Problem sei, dass viele Banken noch zu wenig unternehmen würden, um ihre Mitarbeiter und ihre Kunden über die Umstellung zu informieren. «Abgesehen von den Grossbanken, ist das Verständnis bei weitem noch nicht dort, wo es sein sollte», so Dixit.

Erst vor wenigen Wochen haben die Aufsichtsbehörden in Grossbritannien und in den USA davor gewarnt, dass die Umstellung auf die neuen Zinsen zu lange dauern könnte. Sie könnten daher Banken dazu zwingen, beim Wechsel vorwärtszumachen.

Liborhypos gefragt

Flexible Liborhypotheken sind auch in der Schweiz beliebt. 10 bis 15 Prozent des gesamten Marktvolumens sollen auf dem Zins basieren. Wie die Banken hierzulande die Umstellung meistern, ist noch nicht klar. Viele Institute dürften derzeit damit beschäftigt sein, die Umstellung vorzubereiten. Bis dahin könnte die Nachfrage nach Liborhypotheken aufgrund der für sie günstigen Bedingungen weiter steigen.

So schreiben die Experten des Vergleichsdienstes Comparis, dass sich Hypothekarnehmer bei länger tief bleibenden Zinsen zusehends die Frage stellen dürften, ob eine Liborhypothek nicht vorteilhafter wäre. Denn in den vergangenen Jahren seien Kunden mit Liborhypotheken günstiger gefahren als Eigenheimbesitzer mit Festhypotheken. «Die Schwierigkeit für Hypothekarkunden besteht darin, das richtige Zeitfenster für eine langfristige Fixierung der Zinsen zu finden», so Dominik Weber von Comparis. Denn bei einer Verteuerung der Liborhypotheken bleibt oft kaum Zeit für eine günstige Anschlussfinanzierung. Dies, da Zinsen für Festhypotheken oft schneller reagieren würden.

Der Libor wurde manipuliert

Wenn ein anhaltender Zinsanstieg auch im Libor erkennbar sei, seien die langfristigen Zinsen schon lange vorher auf ein höheres Niveau angestiegen. «Wer auf Kontinuität und Budgetsicherheit setzt, ist mit einer Festhypothek sicher besser bedient als mit einer Liborhypothek, die Zinsschwankungen unterliegt», so Weber von Comparis.

Der Libor wurde von einem Bankenpanel mit elf Geldhäusern festgesetzt. Sie meldeten ihre Konditionen einem neutralen Gremium, das den Zins täglich berechnete. Das System wurde in den 80er-Jahren eingeführt.

2011 stand es im Zentrum eines Finanzskandals. Denn der Zinssatz wurde über Jahre von mehreren Banken über geheime Absprachen manipuliert, darunter befand sich auch die UBS. Sie bezahlte eine Strafe von 1,5 Milliarden Franken. Mit den neuen Zinssätzen sollen das nun nicht mehr möglich sein.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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