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Gegenwind für die Exporteure

Der Euro notierte gestern zum Franken auf einem neuen Tiefststand. Warum reisst die Finanzkrise nun auch die Gemeinschaftswährung mit, und was bedeutet dies für den Konsumenten? Die Antworten zu den wichtigsten Fragen.

Der Euro kostete gestern zeitweise Fr. 1.43 und schloss bei Fr. 1.45. Warum leidet die Gemeinschaftswährung unter Schwindsucht?

Für den UBS-Währungsspezialisten Thomas Flury liegt ein Grund für die Frankenstärke an den derzeit «in diesem Ausmass unerwarteten und überraschend» schlechten Wirtschaftsdaten in der Eurozone. Zudem würden derzeit «systematisch und radikal» in Franken eingegangene Kredite aufgelöst, sagte Flury der Nachrichtenagentur SDA. Dies heisst: Staaten, Unternehmen und auch Private aus Osteuropa hatten in den vergangenen Jahren Kredite in Franken aufgenommen, weil die Zinsen für Frankenkredite sehr tief lagen. Nun bezahlen sie diese Kredite zurück und fragen entsprechend Franken nach. «Diese Positionsbereinigungen sind die Folge von fünf Jahren Tiefzinspolitik», sagte Flury. Nach Beendigung dieser Vorgänge könnte der Eurokurs laut Flury gegenüber dem Franken aber wieder steigen. Für andere Experten ist die erneute Frankenstärke eine Folge der Tatsache, dass die Schweiz in Krisen als sicherer Hafen dient.

Zwingt diese Entwicklung die Schweizerische Nationalbank zu Zinssenkungen?

Die meisten Schweizer Ökonomen gehen davon aus, dass die Nationalbank in nächster Zeit den Leitzins weiter senken wird. Derzeit liegt das Zielband für den Leitzins bei 2,0 bis 3,0 Prozent. Nationalbank-Präsident Jean-Pierre Roth liess Mitte Monat verlauten, die Nationalbank habe Spielraum für eine weitere Zinssenkung. Eine solche hätte den Effekt, dass die Nachfrage nach Schweizer Franken gedrosselt würde. Die Nationalbank könnte auch durch die Europäische Zentralbank unter Druck kommen: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet machte gestern Aussagen, die Experten als Hinweis auf eine bevorstehende Zinssenkung deuteten.

Warum schadet ein schwacher Euro der Schweizer Exportwirtschaft?

Ist der Franken zum Euro stark, verteuern sich die Käufe von Schweizer Produkten für Private und Unternehmen im Euro-Raum. Das wiederum belastet die Geschäftsaussichten der Schweizer Exportwirtschaft, insbesondere der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie). Denn: «Hält die aktuelle Situation längerfristig an, erhöht sich der Druck auf die Margen», sagt Ruedi Christen, Leiter Kommunikation des Branchenverbands Swissmem. Mit einem Anteil am Bruttoinlandprodukt von knapp einem Fünftel ist die MEM-Industrie eine wichtige Stütze der Schweizer Wirtschaft. An der MEM-Branche hängen 345000 Arbeitsplätze. Sie ist damit der grösste industrielle Arbeitgeber der Schweiz. Warum der Euro derart wichtig für die Schweizer MEM-Wirtschaft ist, zeigen folgende Zahlen: Die MEM-Industrie produziert jährlich Waren im Wert von 98 Milliarden Franken, wovon Produkte für 78 Milliarden Franken exportiert werden. Davon gehen zwei Drittel in den EU-Raum.

Wie wirkt sich der schwache Euro auf die Schweizer Tourismusbranche aus?

In den letzten Jahren ist in der Schweiz die Zahl von Logiernächten ausländischer Gäste stark gestiegen – vor allem begünstigt durch den starken Euro. 2006 betrug die Steigerungsrate 7,2 Prozent, 2007 6,5 Prozent und im ersten Semester 2008 immerhin noch 5,7 Prozent. Die Schwäche des Euro dürfte bereits in der kommenden Wintersaison deutliche Spuren in der Schweizer Beherbergungsstatistik hinterlassen. Erwartet wird ein Minus im tiefen einstelligen Prozentbereich. Angesichts der knapp 15 Milliarden Franken, welche ausländische Touristen 2007 in der Schweiz ausgaben, ist allerdings bereits ein geringfügiger Rückgang für die Tourismusindustrie gut spürbar.

Werden dafür Ferienreisen in die Euro-Zone günstiger?

Ja. Für Reisen in den EU-Raum werden die Preise sinken. In den Reisekatalogen für die nächste Sommersaison dürfte sich der schwächere Euro auswirken. Ganz Schlaue buchen ihre Ferienreisen im Internet über einen deutschen Reiseanbieter und profitieren so schon heute von tieferen Preisen, da diese Arrangements in der Regel in Euro zu bezahlen sind. Auch Schweizer Besucher der beliebten Christkindl-Märkte in Deutschland dürfen sich freuen:?Dank dem schwachen Euro sind ihre Einkäufe im Vergleich zum Vorjahr rund 15 Prozent günstiger.

Werden Produkte aus dem Euro-Raum in den Supermärkten billiger?

Davon ist eher nicht auszugehen. Das heutige Preisniveau dürfte vorerst stabil bleiben. Die Detailhändler haben für haltbare Produkte längerfristige Verträge mit fixen Preisen vereinbart. Es ist aber gut möglich, dass Produkte, deren Preise praktisch täglich festgelegt werden, günstiger werden. Beispiele dafür sind Gemüse und Früchte aus der EU. Sollte die Euro-Baisse allerdings längere Zeit anhalten, könnten die Preise auch für die anderen Produkte ins Rutschen geraten. Vor allem für die beiden Grossverteiler hat der tiefe Euro aber auch negative Folgen: Vor allem in Grenznähe dürften Schweizer wieder vermehrt im Ausland einkaufen. In den letzten Jahren hatte sich dieser Trend stark abgeschwächt.

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