Der nächste freie Milliardär ist gleich für Sie da

Toll, wenn Philanthropen wie Hansjörg Wyss die Welt verbessern. Unschön, wenn der Staat Dinge wie Naturschutz vermehrt an Private auslagert.

Wo es noch echte Wildnis gibt: Der Yellowstone River vor den Gallatin Mountains in Montana, USA. Foto: William Campbell (Getty)

Wo es noch echte Wildnis gibt: Der Yellowstone River vor den Gallatin Mountains in Montana, USA. Foto: William Campbell (Getty)

David Hesse@HesseTA

Die Erde kann das Geld brauchen. Eine Milliarde Dollar will der in den USA lebende Schweizer Hansjörg Wyss für den Naturschutz auslegen. Dies gab er in der «New York Times» bekannt. Titel seines Essays: «Wir müssen den Planeten retten.»

Möglich, dass dieses Geld tatsächlich etwas bewirken wird. Wyss (83) hat ein erfrischend rustikales Verständnis von Naturschutz, seine Stiftung kauft seit Jahren Wildnis auf, um sie dem Zugriff der Öl- und Gasindustrie zu entziehen. In den USA, in den Wildweststaaten Wyoming, Montana, Idaho, aber auch in Afrika. In der Schweiz, sagte Wyss dieser Zeitung, könne man nichts mehr schützen. «Es ist zu spät. Zu viele Skilifte.»

Für US-Naturfreunde ist der Berner eine Legende: Wo er kauft, bohrt niemand mehr. 450 Millionen Dollar will die Wyss Foundation schon für Naturschutz ausgegeben haben, Wyssens Vermögen schätzt die «Bilanz» auf bis zu acht Milliarden Dollar. Reich geworden ist Wyss mit der Medizintechnikfirma Synthes, auch Schweizer Hochschulen haben substanzielle Spenden von ihm erhalten.

Will über seine Stiftung Landstreifen und Meeresgebiete schützen: Hansjörg Wyss. (Archivbild) Bild: Keystone

Land kaufen, um es vor Ausbeutung zu bewahren: Klingt eindrücklich, aber auch beklemmend. Es gab eine Zeit, da war es der Staat, der Naturinseln schuf – im Auftrag und zugunsten der Allgemeinheit. So entstanden etwa in den USA die Nationalparks, Orte wie Yellowstone und Yosemite. Heute ist die Regierung des 45. US-Präsidenten bemüht, solchen Landschaften den Schutzstatus wieder abzuerkennen und den Weg für kommerzielle Nutzung freizumachen, zuletzt in Utah.

Verkehrte Welt: Der Staat dient einzelnen Profiteuren zu, derweil einzelne Milliardäre die Allgemeinheit retten wollen. Die Wyss Foundation behält ihr Land nie selbst, sondern vermacht es Gemeinden und dem Staat, sodass es öffentlich zugänglich bleibt.

Sieht so die Zukunft aus? Philanthropie ist auf jeden Fall ein Wachstumssektor. Bill Gates, Mark Zuckerberg, aber auch Schweizer Milliardäre wie Ernesto Bertarelli und Philippe Gaydoul sind entschlossen, die Welt nach ihren Vorstellungen und über ihre Stiftungen zum Guten zu formen. Und während die Zahl der Milliardäre weltweit steigt, wie der «Billionaire’s Report» von UBS und PWC aufzeigt, müssen viele Staaten sparen, bei der Bildung kürzen, Postzustellung und Trinkwasserversorgung privatisieren, ja manchmal, wie in England, eigentlich unverzichtbare Leistungen wie die Polizeipräsenz einschränken.

Die Definition von Gemeinwohl kann nicht Sache von Privatpersonen sein.

Sollen private Gönner in die Bresche springen, wenn dem Staat der Schnauf ausgeht? Hahnenwasser, präsentiert von der Bill und Melinda Gates Foundation? Quartierpolizisten, gesponsert von der Chan Zuckerberg Initiative?

Natürlich ist das überspitzt. Natürlich ist es gut und richtig, wenn vermögende Menschen sich gesellschaftlich engagieren. In der Forschung etwa sind private Gönner sicher weniger problematisch als gewinnorientierte Konzerne wie UBS und Nestlé, die an Schweizer Hochschulen Institute finanzieren. Und dennoch: Die Definition von Gemeinwohl kann nicht Sache von Privatpersonen sein. Naturschutz mag weitherum einleuchten, aber manche Weltverbesserung hat niemand bestellt.

Schmerzlich ist überdies, dass manche Philanthropen Geld verteilen, das sie nur durch harte Steueroptimierung erwirtschaften konnten. Siehe Zuckerberg und Facebook. Es ist Geld, das der Allgemeinheit fehlt.

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