Die dritte Etappe von Abes Sonderweg

Premier Shinzo Abe will Japan zum wirtschaftlich offensten Land der Welt machen. Einwanderer passen allerdings nicht in diesen Plan. Jetzt gibt es eine Diskussion, die jener in der Schweiz ähnelt.

Neues Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft gestartet: Shinzo Abe. Foto: Reuters

Neues Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft gestartet: Shinzo Abe. Foto: Reuters

Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Bis zu 200'000 pro Jahr. So viele Einwanderer braucht die japanische Wirtschaft, damit das Ankurbelungsprogramm von Japans Premier Shinzo Abe funktioniert und das Land mit seiner schrumpfenden Bevölkerung wieder wachsen kann. Davon ist Hidenori Sakanaka überzeugt. Er war früher Chef der Tokioter Immigrationsbehörde.

Abe selbst, dessen eigenwilliges Wachstumsprogramm unter dem Namen Abenomics läuft, ist da allerdings anderer Meinung. Er präsentierte am Dienstag die dritte Etappe seiner vor 18 Monaten gestarteten Initiative. Dabei handelt es sich um dringend nötige Strukturreformen – wobei Abe erneut vage blieb, was er genau ändern will. Er betonte vor allem die Wirkung, die er sich von der dritten Etappe – in seiner Terminologie dem dritten Pfeil – erhofft: Sie soll Japan zum wirtschaftlich offensten Land der Welt machen.

Das bedeutet aber nicht, dass Abe das Land auch für Ausländer öffnen will, wie das etwa Sakanaka fordert. Davon hält der Premier wenig. Er will zwar mehr hochspezialisierte Fachleute ins Land holen und grössere Praktikantenkontingente für die Bauindustrie, die Landwirtschaft, die Fischerei und die Pflegeberufe beschliessen. In Wirklichkeit sind diese Praktikanten aber Saisonniers, wie sie die Schweiz früher kannte. «Eine ­Politik der Einwanderung ist das nicht», versichert Abe den Japanern.

Rentner und Roboter sollen ran

Dabei müsste sich Japans Gesellschaft verändern, um wieder wachsen zu können. Und dazu brauche sie Impulse von aussen, sagt der Jurist Sakanaka. «Vielleicht halten es die Japaner nach tausend Jahren für normal, in einem geschlossenen Land zu leben, aber das geht nicht mehr.» An Abe perlt solche Kritik ab. Er glaubt, das Schrumpfen der arbeitenden Bevölkerung mit Frauen, Rentnern, Robotern und Saisonniers kompensieren zu können. Und ohnehin stelle sich der Aufschwung fast von selbst ein, wenn nur genügend Leute an ihn glaubten und sich entsprechend verhielten – also kaufen und investieren.

Damit das klappt, hat Notenbankchef Haruhiko Kuroda riesige Summen in die Wirtschaft gepumpt. Das ist Abes «erster Pfeil». Der «zweite Pfeil» besteht aus enormen Infrastrukturprojekten, für die sich der Staat immer stärker verschuldet. Dazu gehören mehrere hundert Kilometer Schutzwälle gegen Tsunamis, die im Norden gegen den Willen der meisten Anwohner gebaut werden und von denen Experten sagen, sie böten kaum Schutz.

Zusehendes fällt es Abe und Kuroda schwerer, Skeptiker von ihrem Konjunkturprogramm zu überzeugen. Voriges Jahr feierte die Börse jede ihrer Ankündigungen mit einem Kursfeuerwerk. Auf die Präsentation des «dritten Pfeils» hat sie diese Woche kaum reagiert – und schliesslich sogar nachgegeben. Gleichzeitig werden Befürchtungen laut, die Geldschwemme schaffe eine Blase. Zumal Japans Unternehmen ohnehin auf zu viel Bargeld sitzen: Die Nachfrage nach Krediten ist gering.

Tiefere Löhne oder höhere Löhne

Selbst der Notenbankchef liess Abe jüngst wissen, eine lockere Geldpolitik allein wirke nur kurzfristig. Japan könne nicht länger auf Strukturreformen warten. Allerdings gehen die Vorstellungen weit auseinander. So fordern die einen eine weitere Liberalisierung des Arbeitsmarkts mit tieferen Kosten und damit tieferen Löhnen. Die anderen glauben, die Löhne müssten im Gegenteil steigen, damit der Konsum endlich anzieht.

Der pensionierte Jurist Sakanaka hält sich nicht mit solchen Details auf. Er sagt: «Eine Wirtschaft kann nur auf drei Arten wachsen: Entweder wird mehr gearbeitet, mehr konsumiert oder man steigert die Produktivität.» Letzteres sei in Japan kaum möglich. Und mehr arbeiten bedeute entweder länger arbeiten oder mehr Leute einsetzen. Leute, die Japan nicht hat: Wegen der Überalterung verliert das Land derzeit jährlich 110'000 Arbeitnehmer. Das lasse sich auch mit der Mobilisierung von Frauen und einem höheren Rentenalter nicht kompen­sieren, so Sakanaka.

Da könnte die Immigration helfen. «Japan sollte ein Modell für eine geordnete Einwanderung schaffen und die Zuwanderer sorgfältig ausbilden. Wir haben 800 Universitäten, vielen gehen bald die Studenten aus», sagt Sakanaka. Sie wären froh um Einwanderer. Diese würden nach ihrer Ausbildung gleich mehrfach zum Wachstum beitragen – als Werktätige, als Konsumenten und als Steuerzahler. Den Einwand, Zuwanderer würden häufiger kriminell, weist der Jurist zurück: «Wenn wir die Zuwanderer integrieren und gleich behandeln wie die Japa­ner, besteht diese Gefahr nicht.»

Ein bisschen geöffnete Grenzen

Abes Idee, die Grenzen für Spe­zialisten und unterbezahlte Gastarbeiter auf Zeit ein bisschen zu öffnen, hält Sakanaka für «unanständig»: «Damit nützt man sie aus und schafft nur Probleme.» Er hält auch nichts davon, Asiaten zu bevorzugen. «Wie will Tokio eine Weltstadt sein, wenn hier kaum Ausländer wohnen», spottet er. Wenn Japan über 50 Jahre jährlich 100'000 bis 200'000 Leute aufnehme, komme es von einem Migrantenanteil von derzeit 1,6 Prozent auf Werte wie Deutschland, Frankreich oder England. Ohne Immigration dagegen sei der Niedergang von Japans Wirtschaft nicht abzuwenden, so Sakanaka. «Und eine schrumpfende Wirtschaft ist für Inves­toren nicht interessant.»

Manche Japaner fragen, warum ihr reiches Land überhaupt Wirtschaftswachstum brauche. Andere finden, da ihre Nation schrumpfe, müsste man das Wachstum der Wirtschaft pro Kopf ­messen. Dann sähen die Zahlen besser aus. Das stimmt. Nur: Wenn man die Wirtschaftsleistung pro Kopf misst, muss man das auch mit der enormen Staatsverschuldung Japans tun. Dann stiegen die Schulden noch schneller. Und ohne Wirtschaftswachstum hat ­Japan keine Chance, diese Schulden je zurückzuzahlen.

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