Viel Unsauberes im grünen Portfolio

Der Hype um erneuerbare Energien als Finanzanlage flacht ab, die Anlageberater warnen vor hohen Risiken. Und es gibt kaum noch Fonds, die voll auf Cleantech setzen.

Solarkraftwerk in Neuendorf SO: Finanzanlagen in alternativen Energien zahlten sich bisher kaum aus, auch wegen der Solarbranche.

Solarkraftwerk in Neuendorf SO: Finanzanlagen in alternativen Energien zahlten sich bisher kaum aus, auch wegen der Solarbranche.

(Bild: Keystone)

Dominik Balmer@sonntagszeitung

Die US-Internetseite Greentechmedia.com glänzt mit Sarkasmus. Sie listet Unternehmen aus der Solarbranche auf, die in den letzten Jahren pleitegegangen sind – illustriert mit einem Totenkopf. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» liefert Zahlen: Sie rechnet aus, wie viel Börsenkapital allein deutsche Solarfirmen seit ihren Kurshöchstständen bis zu diesem Sommer verbrannt haben – es sind total mehr als 30 Milliarden Euro.

Die ganze Branche krankt – betroffen ist freilich nicht nur die Solarbranche. Auch in der Windindustrie kommt es zu Konkursen. Und im Sommer musste gar ein österreichisches Biomassekraftwerk Insolvenz anmelden.

«Die Risiken sind hoch»

Angesichts solcher Ausfälle ist es kein Wunder, dass die Anlageberater die Finger von der Cleantech-Branche lassen. «Ich rate Privatkunden ab, grössere Summen in Einzeltitel von Unternehmen für erneuerbare Energien zu investieren. Die technologischen Risiken sind hoch, weshalb Themenfonds oder eine Diversifikation in verschiedene Titel zu empfehlen sind», sagt Simon Graa, Leiter Finanz und Vorsorge der Saanenbank. Eines der Probleme: Die noch junge Industrie ist von Subventionen getrieben. Es fragt sich, wie sicher diese Unterstützungen in Anbetracht der knappen Finanzhaushalte europäischer Staaten noch sind. Spanien zum Beispiel hat jüngst die Subventionen gekappt.

Fonds bergen weniger Risiken als Einzeltitel. Doch selbst bei Kollektivanlagen sind die Anlageberater vorsichtig. «Es ist anspruchsvoll, Fonds aus dem Bereich der erneuerbaren Energien zu empfehlen», sagt Simon Wyss, Leiter Asset Management bei der Privatbank Von Graffenried AG.

Verwirrende Nomenklatur

Will ein Anleger trotzdem in erneuerbare Energien investieren, fangen seine Probleme erst an. Denn es gibt nur wenige Fonds, die ausschliesslich darauf setzen – also nur auf Solarfirmen oder Windturbinenhersteller (siehe Kasten). Der Grund: Mit den Unternehmen, die untergegangen sind, ist auch das Anlageuniversum geschrumpft. Um dennoch eine gewisse Streuung des Risikos zu erreichen, müssen die Fondsmanager die Gelder ausserhalb der Cleantech-Branche anlegen. Die Konsequenz: «Ein Nachhaltigkeitsfonds sieht heute oft fast gleich aus wie ein normaler Aktienfonds», sagt Johannes Wyss, Leiter Anlageberatung der Interlakner Bank EKI.

Schwierig macht es auch die verwirrende Nomenklatur. Anleger finden Schlagworte wie «Climate», «Green», «Smart Energy», «Clean Energy» und «Nachhaltigkeit». «Aufgrund dieser Heterogenität ist es kaum möglich, allgemeine Empfehlungen für einen Fonds abzugeben», sagt Wyss von der Privatbank Von Graffenried AG. So müssten Ausrichtung und Investitionsstrategie eines Fonds jeweils analysiert werden. Mit anderen Worten: Es gibt keine klaren Kriterien, welche Aktien nun als grün, smart oder nachhaltig gelten. «Man staunt zum Teil, welche Aktientitel man in den Fonds findet», sagt Graa von der Saanenbank. «Es ist nicht immer nur das im Fonds drin, was auch draufsteht.»

Beispiele gibt es viele, besonders extrem ist der Smart-Energy-Fonds von Robecosam – das Zürcher Unternehmen hat sich nachhaltiges Investieren auf die Fahne geschrieben. Unter den Top-10-Positionen finden sich im Smart-Energy-Fonds mit Honeywell und KBR Konzerne, die auch Rüstungsgüter herstellen. Umstritten ist Honeywell, eines der weltweit grössten Unternehmen: Der Konzern baute die Streubomben, die das US-Militär im Vietnam-Krieg einsetzte.

Verteidigung rückläufig

«Der Fonds kann in alternative Energiequellen investieren. Die Anlagestrategie ist aber breiter gefasst», sagt Robecosam-Sprecher François Vetri. Grundsätzlich gehe es um eine Lösung für die grösste Herausforderung der Energiegeschichte: «Mehr Energie, weniger CO2.» Beide Unternehmen trügen dazu bei. Zudem seien die Umsätze im Verteidigungsbereich rückläufig.

Das Problem zeigt sich auch bei anderen Fonds, die erneuerbare Energien postulieren, etwa beim Climate-Fonds von Swisscanto. Unter den Toppositionen finden sich eine Kartonherstellerin, ein Chemiekonzern und ein Biotechunternehmen. Das sind wohl keine Unternehmen, die ein ökologisch gesteuerter Anleger erwarten würde. «Der Fonds investiert in Unternehmen, die über ein nachhaltiges Businessmodell verfügen und ihre Industrie weiterentwickeln», sagt Swisscanto-Portfoliomanager Roman Boner. Wie andere Kollektivanlagen hat auch der Klimafonds viel Geld verloren. Sein verwaltetes Vermögen schmolz von 160 Millionen auf heute 70 Millionen Euro.

«Noch herrscht Angst vor»

Trotz der Krise in der Solarindustrie und der damit verbundenen Skepsis der Anlageberater ist Boner überzeugt, dass erneuerbare Energie auch für Anleger Zukunft hat. «Noch herrscht die Angst vor», sagt er. Die Erinnerungen an das Platzen der «kleinen Energieblase» seien zu frisch. Aber, und das stimmt ihn zuversichtlich, «der Energiehunger der Welt ist ungebrochen, und das CO2-Problem ist ungelöst». So gesehen seien die erneuerbaren Energien schlicht unentbehrlich.

Berner Zeitung

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