Google will Gamer in die Wolke locken

Der Internetriese greift die Platzhirsche Sony, Microsoft und Nintendo an – mit Videospielen, für die es keine Konsole mehr braucht.

Google peilt die Bildqualität 4K an. Kritiker befürchten, dass die Games ruckeln werden. <nobr>Foto: Getty Images</nobr>

Google peilt die Bildqualität 4K an. Kritiker befürchten, dass die Games ruckeln werden. Foto: Getty Images

Andreas Flütsch@tagesanzeiger

Videogames sind ein lukratives Geschäft mit weltweit über 130 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr, schätzen Marktforscher von IHS Markit. Google will sich davon ein Stück abschneiden. Der Internetriese lanciert heute Dienstag den Service Stadia mit zehn beliebten Videospielen, darunter Toptitel wie «Assassin’s Creed Odyssey» und «Just Dance 2020» von Ubisoft. Stadia startet zeitgleich in 14 Ländern – die Schweiz ist noch nicht dabei.

Im Visier hat Google Platz­hirsche wie Sony, Microsoft und Nintendo, die mit ihren Spielkonsolen Playstation, Xbox und Switch lange beim Videogamen dominierten. Das will Google ­ändern. Wer mit Stadia spielt, braucht keine Konsole, keinen PC mehr: Die Daten für die Games  kommen übers Internet direkt aus einem der Rechenzentren von Google.  Im Branchenjargon nennt sich das Cloud Gaming – oder Neudeutsch: Gamen in der Wolke.

Das Wachstum von Online­games, die auf mobilen Geräten wie Smartphones oder Tablets laufen, lockt Google. Mobiles ­Gaming ist auf eine Grösse von 60 Milliarden Dollar jährlich ­angewachsen und ist weit grösser als der Bereich Spielkonsolen und Computerspiele mit 34 Milliarden Dollar jährlich.

Das Potenzial wird in Studien auf weltweit rund 2,1 Milliarden ­Benutzer beziffert. Verglichen damit, ist das Publikum der Konsolen von Sony, Microsoft und Nintendo mit 200 bis 250 Millionen anspruchsvollen Spielern laut Microsoft viel kleiner. Dieses Geschäft bleibt zwar lukrativ, aber der nächste Wachstumsschub wird anderswo erwartet: Marktkenner rechnen damit, dass Gamen in der Wolke in fünf bis zehn Jahre zum grössten ­Absatzkanal für Videospiele aufsteigt.

Tempo ist fast alles

Das Projekt birgt  technische ­Risiken. Geschwindigkeit ist die grösste Hürde. Denn Google will bei Videospielen das wiederholen, was Netflix bei Filmen und Serien schaffte: Inhalte müssen nicht heruntergeladen, sondern können gestreamt werden – sie fliessen via Internet vom Rechenzentrum quasi live auf die Endgeräte der Kunden.

Damit das funktioniert, braucht es viel Tempo. Für Videogames in HD-Qualität reiche eine Übertragungsrate von 20 Megabit pro Sekunde, sagte Google der «Financial Times». Google peilt aber die höhere Bildqualität 4K an, was 30 Megabit pro Sekunde erfordert. Und was unter anderem auch davon abhängt, ob die speziell für Google entwickelten Grafikprozessoren das nötige Tempo im Spielablauf bringen. Und ob die Komprimierung der Spielinhalte so gut ist, dass sie entscheidend weniger Bandbreite braucht.

Sony dürfte «Fortnite» kaum über Google verbreiten wollen.

Kritiker befürchten, dass die durch das Internet strömenden Games von Google ruckeln oder gar einfrieren werden wie seinerzeit bei Diensten wie Netflix. Ihr Argument: Bis speziell ausserhalb städtischer Zentren der Löwenanteil der Bevölkerung über ein echt schnelles Internet verfüge, werde ein Jahrzehnt verstreichen – vorausgesetzt, der Umstieg auf den für datenhungrige Anwendungen ausgelegten Mobilfunkstandard 5G stosse künftig auf weniger Widerstand als bislang. 

Offen ist, wieweit Google führende Hersteller von Videogames wie Electronic Arts oder Ubisoft dafür gewinnen kann, ihre Inhalte zur Verfügung zu stellen. Sony etwa hat den eigenen Service für  Spiele aus der Wolke ­gestoppt und sich mit Microsoft zusammengetan. Sony dürfte daher Top­titel wie «Fortnite» künftig kaum über Google verbreiten wollen. Das gilt auch für Microsoft, das über ähnlich potente Rechenzentren verfügt wie ­Google. Womöglich kommt ­Google mit ­Nintendo ins Geschäft.

Misstrauen spielt mit

Dieses Geschäft hat Ähnlichkeiten mit dem Film. Sony, Microsoft, ­Nintendo und reine Spielehersteller wie Ubisoft unterhalten aufwendige Design­studios mit Hunderten Spezialisten. Sie alle werden sehr genau prüfen, ob eine Kooperation mit Google ihnen längerfristig nicht mehr schadet als nützt.

Auch Apple, das unlängst ins Geschäft mit Onlinespielen eingestiegen ist, dürfte das Misstrauen der Spielehersteller zu spüren bekommen, sollte der Hersteller von iPhone und iPad Gaming aus der Wolke lancieren wollen. Völlig bedeckt hält sich Amazon zum Thema, obwohl der weltgrösste Internethändler mit den wohl schnellsten Rechenzentren der Branche bestens aufgestellt ist.

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