In reichen Ländern wächst der Graben zwischen den Regionen

Eine neue Studie untersucht das Auseinanderklaffen in der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Schweiz steht noch gut da.

Mit der Wirtschaftskraft von Paris können die anderen Regionen Frankreichs nicht mithalten. Foto: Getty Images

Mit der Wirtschaftskraft von Paris können die anderen Regionen Frankreichs nicht mithalten. Foto: Getty Images

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Welche Bedeutung haben wirtschaftliche Gräben innerhalb der entwickelten Länder? Dieses Themas nimmt sich der Internationale Währungsfonds (IWF) in einem gestern vorab veröffentlichten «analytischen Kapitel» seines Weltwirtschaftsausblicks an. Die ungleiche ökonomische Entwicklung in den Regionen gilt als wichtige Ursache für den Erfolg populistischer Politiker – etwa für Trumps Wahl. Auch den Brexit hat sie befördert.

Laut der Untersuchung sind die wirtschaftlichen Gräben innerhalb von entwickelten Ländern zuweilen grösser als zwischen ihnen. So ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf in den USA 90 Prozent grösser als jenes in der Slowakei. Doch das Pro-Kopf-BIP im US-Bundesstaat New York übertrifft jenes des Bundesstaats Mississippi sogar um 100 Prozent.

Bis in die 1980er-Jahre verminderten sich diese inländischen Unterschiede, seither haben sie sich wieder ausgeweitet. Anders in den Schwellenländern: Dort sind zwar die Gräben zwischen den Regionen rund doppelt so gross, aber im letzten Jahrzehnt haben sie sich stärker reduziert als in den reichen ­Nationen.

Cluster-Wirkung von Zentren

In einer summarischen Darstellung zeigt der Bericht, dass die regionale Ungleichheit in der Schweiz innerhalb der OECD – dem Club der reicheren Länder – neben Frankreich und Japan zu den tiefsten gehört. Gemessen wurde die Ungleichheit hier durch das Verhältnis der 10 Prozent reichsten Regionen zu den 10 Prozent ärmsten.

Eine ausgeprägte Ungleichheit ergibt sich in Frankreich ­allerdings, wenn man nur die reichste Region mit den übrigen vergleicht. Angesprochen ist hier Paris. Die Wirtschaftskraft gemessen am BIP ist hier rund doppelt so gross wie bei den übrigen Regionen im Mittel (Median). Ähnliche und grössere Ausreisser bei der reichsten Region zeigen sich in Grossbritannien und in den USA.

Es ist ein Teufelskreis

Die Cluster-Wirkung von Zentren ist ein Grund für die regionale Ungleichheit. Dort konzentrieren sich die produktivsten Branchen. Der Umstand, dass in der relativ kleinen Schweiz die Distanzen zu den Zentren gering sind, dürfte ein Grund für die relativ geringen Unterschiede zwischen den Regionen sein. Dennoch existieren sie auch hier, wie die letzte Lohnstrukturerhebung zeigt: So liegt der im Tessin bezahlte mittlere ­Monatslohn mit 5563 Franken fast 1000 Franken tiefer als im Schweizer Mittel von 6502 Franken.

Markante Unterschiede zeigen sich auch in den gleichen Branchen. Bekannte Beispiele für abgehängte Regionen sind jene in Ostdeutschland, Städte wie Sheffield in Grossbritannien oder die Industrieregionen im sogenannten Rostgürtel der USA, die vor allem durch den Abstieg der Auto-Produktionsstadt Detroit bekannt sind. In solchen Regionen kann es zu einem Teufelskreis nach unten kommen. Wie die IWF-Untersuchung festhält, leidet die Wirtschaft dort unter einer geringeren Produktivität – selbst im Industriesektor, der dort neben der Landwirtschaft übervertreten ist. Die Informationstechnologie oder Jobs aus dem Dienstleistungssektor, die eine hohe Qualifikation erfordern, sind kaum vertreten.

Kein Ventil durch Migration

Ein Ausgleich zwischen den Regionen durch Migration findet kaum statt – ausser dass besser Gebildete aus den zurückbleibenden Regionen abwandern. Schliesslich ist dort nicht nur das Einkommen geringer als anderswo, sondern auch das Bildungs- und Gesundheitsniveau und der Anteil der am Arbeitsmarkt Beteiligten. Höher sind dagegen die Arbeitslosigkeit und die Kindersterblichkeit.

Untersucht hat der IWF schliesslich, wie der technologische Fortschritt und die wirtschaftliche Öffnung auf die regionale Ungleichheit wirken. Er kam zum überraschenden Schluss, dass nur die technologische Entwicklung die Lage verschlimmert. Andere Studien haben allerdings schon deutliche negative Effekte auch durch die wirtschaftliche Öffnung gezeigt – vor allem in US-Industrieregionen, die unter der chinesischen Importkonkurrenz litten.

Als Lösung schlägt der IWF gezielte Bildungsinitiativen in den zurückgebliebenen Regionen vor. Ausserdem sollen die Staaten bei Investitionen vermehrt schwächere Regionen berücksichtigen.

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