«Head of Wichtig» – das steckt wirklich hinter Jobtiteln

In der Geschäftswelt boomen immer kreativere Bezeichnungen wie «Chief of Sleep» oder «Datenheld». Doch ist das überhaupt sinnvoll?

«Unser Beruf ist eine der wichtigsten Säulen unserer Identität», sagt Arbeitspsychologin Anne Huth. (Foto: iStock)

«Unser Beruf ist eine der wichtigsten Säulen unserer Identität», sagt Arbeitspsychologin Anne Huth. (Foto: iStock)

Holger Alich@Holger_Alich

Das Angebot klingt wie ein Traumjob für Faulpelze: Denn Ikea Schweiz sucht einen «Chief of Sleep» – und das im Teilzeitpensum. Es geht bei dem Job aber primär nicht um das Testschlafen in Ikea-Betten, sondern mehr um ausgeschlafenes Marketing. Denn der «Chief of Sleep» ist laut Anzeigentext zuständig für «die Entwicklung und Umsetzung von kreativem Content rund ums Schlafen». Und diese Inhalte sollen vorzugsweise über soziale Medien verbreitet werden. Die Aktion ist eine Zusammenarbeit mit Virtue, der Leadagentur von Ikea.

Was in den USA schon lange in Mode ist, verbreitet sich seit einigen Jahren auch in der Schweiz: kuriose Jobbezeichnungen. Längst tauchen sie nicht nur in den Stellenausschreibungen von Start-ups auf, sondern auch von grossen etablierten Unternehmen wie SBB, Ikea oder Nestlé. So suchen die SBB gerade einen «Splunk Enthusiast». Und der Schweizer Nahrungsmittelriese Nestlé möchten einen «Junior Brand Activation Manager» einstellen. «Wichtig ist, dass jeder in der Unternehmung weiss, was sich hinter dem entsprechenden Jobtitel befindet», mahnt Markus Rueff, Leiter Personalabteilung beim Schweizer Zeitarbeitsriesen Adecco. «Alles, was Verwirrung stiftet, sollte vermieden werden.»

Die Welt der Jobtitel ist aber unübersichtlich geworden. Doch man kann grob zwischen drei Arten unterscheiden: die sinnvollen Titel, die es braucht, weil ein Beruf neu ist und es dafür noch keine Bezeichnung gibt. Die Angebertitel, die aus etwas Banalem etwas toll Klingendes machen, häufig durch eine englische Übersetzung. Und die kreativen Titel, mit denen ein Unternehmen zeigen will, wie es tickt.

«Die englische Variante klingt immer schicker.»Anne Huth, Arbeitspsychologin

Dass es beim Schweizer Industrieriesen auch einen Chief Digital Officer in der Chefetage gibt, ist primär Ausdruck der Tatsache, dass ABBs gesamtes Geschäft von der Digitalisierung betroffen ist und das Thema entsprechend hoch gewichtet wird. Auch den Data-Analysten, der digitale Daten analysiert und auswertet, und den Social-Media-Manager, der mit Kunden über soziale Netzwerke kommuniziert, zählen Experten zu den sinnvollen Titeln, da sie neue Tätigkeiten umfassen, für die es neue Bezeichnungen braucht.

Doch gefühlt stärker verbreitet ist die zweite Variante, jener der Angebertitel. Ohne Manager, Senior oder Head of X scheint gar nichts mehr zu gehen. Da heisst der Aussendienstmitarbeiter auch mal Sales Manager oder Field Operator, obwohl sich die Geschäftsreisen auf kurze Besuche der Zweigstelle im Nachbarort beschränken. Besonders vorsichtig sollte man beim Young Professional Officer sein. Das ist der Praktikant. Die englische Variante «klingt immer schicker», sagt die Arbeitspsychologin Anne Huth. Ein Titel transportiert Prestige und ist von daher durchaus wichtig für Mitarbeitende, sagt Huth. Sie bezweifle zwar, dass sich allein durch einen gut klingenden Titel ein dauerhafter massiver Motivationssprung erreichen lasse. Dennoch könnten Unternehmen Mitarbeitern durch bestimmte Titel zeigen, wie wichtig sie für die Firma sind. «Unser Beruf ist eine der wichtigsten Säulen unserer Identität», sagt Huth.

Die Expertin, die auch Führungskräfte berät, hält jedoch nicht viel davon, wenn sich Mitarbeiter ihre Titel selbst aussuchen dürfen. Da kommt es häufig zu Fantasieungetümen und relativ sinnfreien Aneinanderreihungen von Anglizismen. Dafür hält das Internet ganze Listen und Jobtitelgeneratoren bereit. So wird aus dem Lehrer der Knowledge Navigator, aus dem Gärtner der Technical Horticultural Maintenance Officer und aus dem Fensterputzer der Vision Clearance Engineer.


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Doch nicht immer geht es nur darum, wie ein Titelträger sich mit seiner Stellenbezeichnung fühlt oder welchen Eindruck diese auf Geschäftskunden macht. Mit der dritten Art der Stellentitel, den kreativen, wollen Unternehmen auch etwas über sich selbst ausdrücken, indem sie einen Datenhelden, eine Kundenservice-Fee oder ein Verkaufsgenie suchen. Wenn zum Beispiel eine kreative Marketingagentur Mitarbeiter sucht, die nicht so klassisch konservativ sind, dann kann man das über den Stellentitel ausdrücken, sagt Sandra Stirle vom Personaldienstleister Manpower. Auch der von Ikea gesuchte «Chief of Sleep» ist dafür ein Beispiel, betont denn auch die Stellenanzeige, dass es darum geht, den Schweizern das Thema Schlafen «innovativ und mit einer Prise Humor» zu vermitteln.

Manche Stellenbezeichnungen sind auch absichtlich unverständlich für viele, nach dem Motto: Wer sie nicht versteht, wird sowieso nicht gesucht. Vor allem in der IT-Branche ist das üblich. Ein Android Developer etwa entwickelt das gleichnamige Betriebssystem, und ein Scrum Master leitet Projekte nach der Managementmethode Scrum. Nur: Wie finden potenzielle Designhörner und Sprachtalente Stellenangebote auf Jobportalen? Die Kunst ist erst mal, gefunden zu werden, sagt Stirle.

Und dabei gilt: Klarheit vor Kreativität. Denn die meisten Leute suchten nach Qualifikationen und Ausbildungsberufen. Daher sagt auch Adecco-Experte Rueff: «Um die Stelle für Jobsuchende auffindbar zu machen, sollten die Titel so nahe wie möglich an der Tätigkeit sein.» Sonst riskierten Unternehmen, dass keine Bewerbungen eingehen. «Jobtitel wie ‹Growth Hacker› für eine Marketingstelle oder ähnliche Bezeichnungen können immer noch für interne verwendet werden», sagt Rueff.

Sind Ihnen im Berufsleben auch schon seltsame Jobtitel begegnet? Teilen Sie es uns in der Kommentarspalte mit.

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