1:1 unter Dominatoren

Sie sind die wichtigsten Währungen der Welt, Dollar und Euro. Und sie sind bald wertgleich. Was das mit dem P-Wort zu tun hat und warum der nächste Mittwoch entscheidend wird.

Kosten bald gleich viel: Dollar und Euro auf der Waage.

Kosten bald gleich viel: Dollar und Euro auf der Waage.

(Bild: Reuters)

Robert Mayer@tagesanzeiger

Im Wochentakt revidieren Devisenspezialisten derzeit ihre Prognosen für den Euro-Dollar-Kurs nach unten. Vor kurzem noch galt ein Wechselkurs von 1.10 Dollar je Euro mit Blick auf die nächsten sechs Monate als realistisches Szenario, nachdem die europäische Gemeinschaftswährung zu Jahresbeginn mit 1.20 Dollar gehandelt worden war. Doch schon vergangene Woche durchbrach der Euro die psychologisch wichtige 1.10er-Marke, kaum hatte die Europäische Zentralbank (EZB) die Details ihres Programms zum Aufkauf von Eurostaatsanleihen bekannt gegeben. Worauf viele Bankanalysten das «Wechselkursziel» für den Halbjahresausblick auf 1.05 Dollar zurückstuften. Und bereits ist auch diese Schwelle erreicht: Im gestrigen asiatischen Devisenhandel fiel der Euro mit 1.0494 Dollar sogar kurzzeitig darunter – ein Niveau, das zuletzt Anfang 2003 erreicht wurde. Allerdings setzte heute Vormittag eine Gegenbewegung ein mit einer europäischen Valuta, die sich auf gut 1.06 Dollar erholte.

Vom Tempo, mit dem die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar an Wert verloren hat, zeigen sich die Experten allesamt überrascht. Allein in den letzten sechs Tagen beträgt die Kurseinbusse 6 Prozent, seit Jahresbeginn summiert sich das Minus auf knapp 13 Prozent und innert Jahresfrist auf rund 24 Prozent. Eine solche Dynamik im Austauschverhältnis des weltweit mit Abstand wichtigsten Währungspaares wurde bislang nur einmal verzeichnet: kurz nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im Oktober 2008. Was Wunder, dass an den Finanzmärkten gegenwärtig das Stichwort Parität in vieler Munde ist. Bis wann Dollar und Euro im Verhältnis 1:1 gehandelt werden, ist aus Sicht vieler Devisenexperten inzwischen eher eine Frage von Wochen als von Monaten, getreu dem Motto «Der Trend ist dein bester Freund».

US-Notenbank vor wichtiger Weichenstellung

Eine wichtige Weichenstellung wird am 18. März erfolgen, wenn die Federal Reserve (Fed) ihr nächstes geldpolitisches Statement verkündet. Die grosse Frage dabei: Werden die US-Notenbanker den Weg für eine erste Leitzinserhöhung im Juni ebnen? Falls dem so ist, müssten sie in ihrem Communiqué den zuletzt regelmässig verwendeten Passus streichen, wonach das Fed bei Zinserhöhungen «geduldig» («patient») sein könne. Eine wachsende Zahl von Beobachtern neigt zur Einschätzung, dass das P-Wort in der Fed-Mitteilung von nächster Woche fehlen wird. Zur Begründung verweisen sie auf den US-Arbeitsmarkt, der im Februar knapp 300'000 neue Stellen kreiert und sich damit erneut in starker Verfassung präsentiert hat.

Signalisiert die US-Notenbank tatsächlich ihre Bereitschaft zur baldigen Straffung der Geldpolitik, dürfte dies dem Dollar zusätzlichen Auftrieb geben – nicht nur gegenüber dem Euro. Genau hier liegt indes ein gewichtiges Argument gegen eine Zinserhöhung bereits im Frühsommer: Die starke weltweite Dollaraufwertung belastet die Ertragskraft von US-Konzernen mit umfangreichen Überseeaktivitäten und schränkt deren Exportmöglichkeiten ein. Der Dollar-Index, der die Kursentwicklung der US-Valuta gegenüber einem gewichteten Korb anderer Währungen misst, kletterte im gestrigen asiatischen Handel vorübergehend über die Schwelle von 100; damit blickt er auf einen mehr als 25-prozentigen Anstieg in den vergangenen zwölf Monaten zurück. Wie lange die amerikanische Politik – und namentlich das für Wechselkursfragen zuständige Finanzministerium – diesem Höhenflug ohne vernehmliches Murren noch zuschauen wird, muss sich weisen.

Wachsendes Zinsgefälle zwischen den USA und Europa

Doch dessen ungeachtet, welchen Kurs die Federal Reserve einschlagen wird – das Zinsgefälle zwischen den USA und der Eurozone dürfte sich aller Voraussicht nach weiter vergrössern. Und der Dollar als Anlagewährung damit noch attraktiver werden. Dafür sorgt die EZB mit ihren in dieser Woche lancierten Anleiheaufkäufen. Diese treiben die Kurse von Eurostaatspapieren in die Höhe und damit deren Renditen in den Keller. Zehnjährige deutsche Bundesanleihen rentierten heute Morgen mit gerade noch 0,2 Prozent – ein neues Allzeittief. Gleiches gilt für die Zehnjahresrendite spanischer Schuldscheine, die heute erstmals überhaupt unter die 1-Prozent-Marke gefallen ist.

US-Staatstitel mit gleicher Laufzeit bewegen sich demgegenüber relativ stabil um die 2 Prozent herum. Im Zuge des dramatischen Renditerückgangs von Bundesanleihen, die im Euroraum als Benchmark gelten, hat sich die deutsch-amerikanische Zinsdifferenz auf ausserordentliche 1,9 Prozentpunkte ausgeweitet; zuvor war sie über lange Zeit innerhalb eines Korridors von 1,5 Prozentpunkten verblieben. Solange dieses starke Gefälle bestehen bleibt und die aktuellen Zeichen sogar auf eine weitere Vertiefung deuten – Experten sehen zehnjährige Bundesanleihen in Richtung 0 Prozent tendieren –, dürfte auch die Stärke des Dollar Bestand haben.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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