Der Geistertanker

Eine Million Barrel Öl, 100 Millionen Dollar wert: Der Tanker United Kalavryta irrt im Golf von Mexiko umher. Washington warnt: Lasst die Finger davon. Was hat es damit auf sich?

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Matthias Chapman@matthiaschapman

Die Bilder, welche die Agentur Reuters von der United Kalavryta verbreitet (siehe Bildstrecke oben), wirken wie aus einem Agentenfilm: schlechte Auflösung, wenig Farbe und mit einem Fadenkreuz in der Mitte versehen. Entstanden sind sie aus Videoaufnahmen, welche die Küstenwache am 25. Juli von dem Tanker machte, als er im Golf von Mexiko auftauchte.

Zwar steht hinter den Bildern keine Agentengeschichte, wohl aber haftet dem Tanker etwas Mysteriöses, Geisterhaftes an. Bis jetzt will niemand in Amerika das Ölschiff richtig wahrhaben. Es kreist in internationalen Gewässern – Ausgang der Reise ungewiss.

Es geht schlicht um die Kurdenfrage

Verpackt im Bauch des Supertankers ist zwar einfach eine schwarze, schmierige Flüssigkeit – eigentlich aber geht es um etwas viel Grösseres als nur den Verkauf dieses Öls: Es geht um die Kurdenfrage.

Der Inhalt der United Kalavryta stammt nämlich aus dem Norden des Irak, genau genommen aus dem Kurdengebiet. Das ist zwar noch nichts Aussergewöhnliches. Neu aber ist, dass das Öl aus dem Nordirak im grossen Stil von der kurdischen Regionalregierung in Eigenregie transportiert, verschifft und ins Ausland gebracht wird. Das Wichtigste daran: Die Einnahmen werden von irakischen Kurden beansprucht und sollen nicht mehr nach Bagdad fliessen.

Die Haltung der USA

Damit das allerdings nicht passiert, hat Bagdad interveniert. Ein von der irakischen Zentralregierung engagierter Anwalt hat in den USA die Löschung der United Kalavryta verhindert. Zwar wogte der juristische Streit noch ein paar Tage hin und her – einmal sollten US-Marshals den Tanker inspizieren, dann war die Umladung auf See in kleinere Schiffe geplant –, inzwischen will sich aber offenbar niemand mehr die Finger an der heiklen Ladung verbrennen.

Und was sagt Washington dazu? «Die Position der USA ist es, mögliche Käufer zu warnen: ‹Kauft dieses Öl nicht, es könnte euch rechtliche Probleme einhandeln›», sagt US-Sicherheitsexperte Steve Coll gegenüber BBC. Offiziell wollen sich die USA also nicht in den innerirakischen Konflikt einmischen, geschweige denn eine Spaltung des Landes provozieren. Coll sagt aber auch, dass sowohl Europa als auch die USA längerfristig ein Interesse daran haben werden, wenn das Öl der Kurden Richtung Westen fliesst.

Neue Pipeline vom Kurdengebiet in die Türkei

Zwar haben die Kurden schon seit Jahren Öl auf eigene Faust verkauft. Nun aber sehen sie mit dem Wanken der Zentralregierung in Bagdad und mit der jüngsten Eroberung der Ölstadt Kirkuk ihre Chance gekommen.Das Wichtigste daran: Eigene Öleinnahmen würden die Autonomie der Kurden wesentlich stärken.

Und das Potenzial scheint gross: Eine Million Barrel Öl pro Tag wollen die Kurden im Nordirak fördern. Und das über die nächsten 15 Jahre. Damit auch der Verkauf ins Rollen kommt, wurde im Januar eine neue Pipeline in Betrieb genommen, die vom Kurdengebiet in die Türkei führt.Dort dürfte auch die United Kalavyrta beladen worden sein.

Weitere Tanker mit kurdischem Öl unterwegs

Derweil wartet der Supertanker noch immer vor Texas auf einen neuen Entscheid – oder einen waghalsigen Käufer. Übrigens soll es sich bei der United Kalavyrta nicht um den einzigen mit kurdischem Öl beladenen Tanker handeln, der derzeit in internationalen Gewässern unterwegs ist.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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