Fisch ist so teuer wie noch nie

Hintergrund

Auf den Weltmärkten werden derzeit Rekordpreise für Fisch bezahlt. Was dahinter steckt, wie Coop und Migros darauf reagieren – und bei welchen Arten sich die Preise jüngst verdoppelt haben.

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Matthias Chapman@matthiaschapman

«Bei einzelnen Seafood-Produkten aus Asien haben wir innerhalb von rund fünf Jahren eine Verdoppelung des Preises erlebt», sagt Chefeinkäufer Theodor Pulver von der Coop-Tochter Bell. Noch heftiger ist der Aufschlag bei Tintenfisch aus Asien. «Hier hatten wir einen 100-prozentigen Anstieg in zwei Jahren.» So kostet Tintenfisch für den Importeur nicht mehr 4 Dollar, sondern 8 Dollar pro Kilogramm. «Die Tendenz bei den Fischpreisen geht stetig nach oben», sagt auch Fisch-Importeur Jacques Eng von der Einkaufsgenossenschaft Casic in Basel.

Die lokalen Fischer – zum Beispiel in Vietnam – würden ihren Fang oft nicht mehr den Exporteuren, sondern den lokalen Händlern verkaufen, heisst es bei Schweizer Marktkennern. Diese bekämen inzwischen genausogute Preise für ihre Ware. Und das hat Konsequenzen: «Die Mengen an wildgefangenen Spezies, die wir in Asien beschaffen können, gehen zurück», sagt Pulver von Bell.

FAO spricht von «Versorgungsengpässen»

Die Gründe für die gestiegenen Preise liegen – nebst mehr behördlichen Auflagen und höherem Logistikaufwand – mehrheitlich beim zunehmenden Bedarf in den Schwellenländern, allen voran China. Im Reich der Mitte steigt der Konsum an Austern und anderen Muscheln jährlich um 20 Prozent, schrieb die Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organisation) in ihrem jüngsten «Food Outlook». Eine ähnliche Entwicklung finde bei anderen Seafood-Produkten statt. «In den nächsten Monaten werden Versorgungsengpässe bei gewissen Fischarten die Preise weiter in die Höhe treiben», warnte die FAO.

Gestiegen sind die Preise für die Schweizer Importeure auch beim beliebten Lachs. «Im August 2012 lag der Marktpreis für ganzen Frischlachs um 40 Prozent tiefer als heute», erklärt Bell-Chefeinkäufer Pulver. Zahlten Schweizer Importeure vor knapp einem Jahr noch 4 Euro pro Kilogramm, sind es heute 7 Euro. «Wir bewegen uns hier nahe am Allzeithoch», so der Marktkenner.

Weniger Weichtiere aus Asien

Beim Lachs sind es die europäischen Züchter, die den Preis bestimmen. «Der Output der Züchter kann gesteuert werden, und so wird der Preis gemacht. Es kommt auch zu Spekulation», sagt Pulver. Migros stellt Preissteigerungen laut Stellungnahme «speziell beim Wildfang» fest. Zum Wildlachs aus Alaska heisst es bei Migros: «Die Preise steigen wegen der hohen Nachfrage, getrieben durch ein hohes Produktimage, von einer Saison zur nächsten beträchtlich.»

Die Preise für Fischprodukte steigen natürlich auch im Endverkauf. «Im Detailhandel bezahlt man heute teilweise stolze Preise, welche Fischprodukte schon fast zu einem Luxusprodukt machen», sagt der Basler Fischimporteur Jacques Eng.

Die Schweiz als Rosinenpickermarkt

Wie reagieren die Käufer darauf? «Ab einem bestimmten Preis sinkt automatisch die Nachfrage. Die Kunden steigen dann auf günstigere Produkte um», erklärt Pulver. Das kann zum Beispiel Poulet sein. Schweizer Konsumenten haben die steigenden Preise bisher mit finanzieller Power wettgemacht. Kenner sprechen auch von einem «Rosinenpickermarkt». Will heissen, Schweizer Fischkonsumenten kaufen nur das «Beste vom Besten». Wie lange das hiesige Käufer noch mitmachen, bleibt offen. Bereits zurückgefahren hat Bell den Einkauf von Weichtieren aus Asien wie zum Beispiel Tintenfisch und Sepia.

Was aber tun die anderen Schweizer Fischverkäufer? «Wir können zwar auf andere Fischarten ausweichen, aber die Preise steigen natürlich übers gesamte Spektrum», erklärt Pulver. Migros setzt bei seinen Kunden auf ein Ausweichen: «Für die preissensiblen Kunden gibt es beispielsweise von teurer gewordenen Fischarten verwandte Sorten, die weniger bekannt und daher preiswerter sind.»

Schweizer Produktion steigern?

Nicht ausgeschöpft ist die Schweizer Produktion. «Diese kann noch gesteigert werden», sagt der Bell-Mann. Gerade mal zwei Prozent des gesamten Verbrauchs an Fischprodukten in der Schweiz wird durch inländische Produktion gedeckt. Bell ist zum Beispiel an zwei neuen Fischzuchtanlagen beteiligt. In Frutigen wird Stör (und somit auch Kaviar) sowie Egli produziert, in Wolhusen Tilapien. Dass vom gesamten Schweizer Konsum von 71'290 Tonnen (2011) aber einmal 20 Prozent aus heimischer Produktion stammen könnten, hält Pulver für «völlig utopisch». Dies, auch wenn Schweizer Fisch sehr gefragt ist. Für Eglifilet zahlen Schweizer Konsumenten bis zu 80 Franken pro Kilogramm, das ist vergleichbar mit Rindsfilet.

Der Absatz von Fischprodukten in der Schweiz nahm zwischen 1984 und 2011 um fast 80 Prozent zu. In den letzten Jahren flachte die Kurve allerdings ab. Eine ähnliche Entwicklung erwartet Pulver bei den Preisen allerdings nicht, im Gegenteil: «Der Preistrend wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen.»

Die Gegenbeispiele

Auch wenn der FAO-Fischpreis-Index konstant nach oben zeigt, es gibt gegenteilige Beispiele. So streicht Migros heraus, dass sich zum Beispiel die Bestände von Gelbflossen-Thunfisch oder auch Kabeljau in den letzten Jahren erholt hätten – mit entsprechender Auswirkung auf den Preis. Der ging wieder runter. Das wird vermutlich die Ausnahme bleiben.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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