Wird nun der Klassenbeste bestraft?

Interview

Brüssel klopft Exportweltmeister Deutschland auf die Finger. thunertagblatt.ch/Newsnetz-Autor Philipp Löpfe findet das gut so. Was auf den ersten Blick irritiert, muss er uns im Interview erklären.

Ist sein Erfolg auch der Misserfolg der Anderen? Der deutsche Leichtathlet Robert Harting, der 2009 den WM-Tiel im Diskuswerfen gewann.

Ist sein Erfolg auch der Misserfolg der Anderen? Der deutsche Leichtathlet Robert Harting, der 2009 den WM-Tiel im Diskuswerfen gewann.

(Bild: Reuters)

Matthias Chapman@matthiaschapman

Unter dem Titel «Der deutsche Nachfrage-Staubsauger» hat Philipp Löpfe gestern über die negativen Auswirkungen des deutschen Exportwunders geschrieben. Da war die Rede von «komparativem Wettbewerbsvorteil» und «Opportunitätskosten». Doch hält, was in der Theorie einleuchtet, auch in der Praxis stand? Wir haben nachgehakt.

Deutschland ist Klassenbester und wird nun dafür gerügt. Das ist doch widersinnig! Wenn wir Staaten wie Unternehmen betrachten, dann macht das tatsächlich keinen Sinn. Denn Unternehmen kämpfen in der Regel um mehr Marktanteile. Es ist aber ein falsches Verständnis, Staaten mit Unternehmen zu vergleichen.

Warum? Jedes Land will doch durch möglichst geschickt gewählte Rahmenbedingungen seinen Unternehmen dazu verhelfen, dass sie möglichst konkurrenzfähig sind. Es kann nicht das Ziel des internationalen Handels sein, dass sich Staaten gegenseitig Marktanteile am Gesamtkuchen abjagen. Genau das führt ja zu den gefährlichen Ungleichgewichten. Das Ziel müsste es sein, dass alle mehr haben. Der Ökonom David Ricardo hatte das im 19. Jahrhundert am Beispiel der Engländer und Portugiesen erklärt. Die Briten verkaufen den Portugiesen Kleider und umgekehrt kauft Portugal bei den Engländern Wein. Wenn das im Gleichgewicht steht, haben beide etwas davon.

Also die Engländer müssten zur Wahrung des Gleichgewichts auch portugiesischen Wein kaufen, wenn dieser nicht gut schmeckt. Das ist nicht freier Markt, sondern Planwirtschaft. Es geht ja ums Prinzip. Das Beispiel kann auch mit Italien und Spanien durchgeführt werden.

Das löst aber das Problem nicht. Es geht doch um die Frage, was im freien Markt passiert. Sprich, die Deutschen verkaufen ihre Produkte in die ganze Welt, während die Südeuropäer mit ihren Produkten offenbar nicht konkurrenzfähig sind. Bleiben wir beim europäischen Markt. Die Ungleichgewichte sind erst entstanden, seit Deutschland vor rund 10 Jahren mit der sogenannten Agenda 2010 seine Produktionskosten um 30 Prozent gegenüber den anderen europäischen Staaten gesenkt hat. Das hat – vor allem – die südeuropäischen Wirtschaften in Schieflage gebracht.

Man kann es den Deutschen doch nicht zum Vorwurf machen, wenn sie sich für den Weltmarkt fittrimmen, wenn sie jetzt Autos verkaufen, die von China bis Mexiko äusserst gefragt sind. Die Chinesen kaufen ja nicht deutsche Autos, weil sie billig sind, sondern weil sie Autos in dieser Qualität nicht herstellen können. Und noch soviel zur Agenda 2010: Das war eine Überreaktion von Gerhard Schröder. Er hatte die hohen Wiedervereinigungskosten im Nacken und fürchtete sich vor vermeintlich starker Konkurrenz aus dem Osten. Rückblickend muss man sagen, diese Bewegung Deutschlands hätte nicht so heftig ausfallen sollen.

David Ricardo und seine Gesetz des komparativen Wettbewerbsvorteils sind doch reine Theorie. Kanzlerin Merkel wird sich nicht darum scheren. Ricardo bildet nach wie vor die Grundlage der internationalen Handelstheorie. Wer sich nicht damit befasst, der wird mit den Folgen leben müssen.

Und die sind? Wenn Deutschland das Gleichgewicht zerstört, schadet es sich letztlich selbst. Es muss damit rechnen, dass ein grosser Teil der seiner Schulden - derzeit rund 1000 Milliarden Euro - nicht zurückbezahlt werden.

Dann müsste ja China auch in Panik geraten, weil das Reich der Mitte den Amerikanern weit über 1000 Milliarden Dollar ausgeliehen hat. Die Chinesen sind deswegen auch mehr als nervös...

Aber den Chinesen haut keiner auf die Finger und sagt, «ihr exportiert zu viel!». Oh doch! Die Kritik an der Exportorientierung der Chinesen hält seit Jahren an. Sie werden von den Amerikanern pausenlos aufgefordert, den Wechselkurs des Renminbi zu erhöhen. Immer wieder gibt es auch Scharmützel um Schutzzölle, von Autopneus bis Pouletbrüstchen. Mit den Japanern war es in den 1980er-Jahren ähnlich.

Zurück nach Europa. Der Exportüberschuss entsteht ja, weil die Unternehmen in ihrer Gesamtheit stark sind. Es ist letztlich also nicht eine Frage von Staaten, sondern von Unternehmen. Natürlich kann der Staat nicht sagen, «hallo Mercedes und Siemens, hält Euch gefälligst an das ökonomische Gesetz von David Ricardo». Der Staat kann aber die Rahmenbedingungen so setzen, dass mehr Ausgleich entsteht. Ein vernünftiger Mindestlohn in Deutschland würde etwa dazu führen, dass der deutsche Mittelstand vermehrt nach Italien und Spanien in die Ferien fahren oder mehr französischen Wein trinken würde. So könnten auch die Handelsbilanzen wieder ins Lot kommen.

Und was, wenn die Deutschen den Zusatzbatzen nicht in italienische Kühlschränke investieren, sondern damit australischen Wein kaufen? Das ist theoretisch möglich, aber in der Praxis unwahrscheinlich. Das Problem ist doch, dass die deutschen Löhne nicht mit dem Wachstum der Produktivität Schritt gehalten haben. Desahlb haben sie zu wenig Geld in der Tasche, um zu konsumieren. Deutschland hat seit vielen Jahren eine Nachfrage-Problem.

Der Deutsche als armer Schlucker, das ist doch ein Irrglaube. Wie oft hörten wir in den letzten Jahren von Autoindustriearbeitern, die ein Weihnachtsgeld von 8000 Euro erhalten haben. Das trifft für Facharbeiter zu. Deutschland hat heute aber auch den grössten Niedriglohnsektor in Europa, 15 Prozent der Arbeitnehmer leben in prekären Verhältnissen.

Man sagt jetzt den Deutschen, sie seien wirtschaftlich zu stark. Dann muss man doch nicht die Deutschen schwächen, sondern die Südeuropäer müssen alles daran setzen, dass sie an Konkurrenzfähigkeit gewinnen. Nochmals, es geht nicht um stark oder schwach, sondern darum, den Welthandel so zu organisieren, dass alle davon profitieren. Sicher heisst das auch, dass die Südländer Fehlentwicklungen korrigieren müssen. Das tun sie auch. In Griechenland ist die Spar-Schmerzgrenze schon lange erreicht, das Land steht am Rand eines Bürgerkrieges. Letztlich geht es darum, den richtigen Mix zu finden zwischen Massnahmen in Deutschland, welche zu mehr Konsum führen und Veränderungen in den südeuropäischen Ländern, um die Konkurrenzfähigkeit zu fördern.

Und was, wenn sich die Deutschen dagegen wehren? Dann wird das schon viel zu grosse Ungleichgewicht in Europa weiter zunehmen. Es besteht die Gefahr, dass jedes Land versuchen wird, sich auf Kosten der anderen gesund zu stossen. Wie die Geschichte zeigt, ist eine solche Entwicklung brandgefährlich. Im schlimmsten Fall können die Ungleichgewichte nur noch durch einen Krieg wieder beseitigt werden.

Also werden die Deutschen akzeptieren müssen, dass Brüssel ihnen auf die Bremse steht? Sie müssen vor allem einmal das Probelm erkennen. Viele deutsche Ökonomen wollen einfach nicht einsehen, dass Staaten keine Unternehmen sind...

... letztlich sind es nicht die Ökonomen, sondern die Politik, welche die Rahmenbedingungen setzt. Klar müssen sich in Deutschland für entsprechende Veränderungen politische Mehrheiten finden. In einer Grossen Koalition mit der SPD hat Kanzlerin Angela Merkel die Möglichkeit, Veränderungen an der unsinnigen Austeritätspolitik einzuleiten, beispielsweise einen flächendeckenen, anständigen Mindestlohn einzuführen.

Noch ein Wort zur Schweiz. Verglichen zur Bevölkerung und zum BIP sind wir ja auch Exportweltmeister. Klopft man uns auch bald auf die Finger? Der Schweizer Exportüberschuss trägt genauso zu Ungleichgewichten im Welthandel bei, wie derjenige Deutschlands. Die Schweiz steht aber weniger im Fokus. Einerseits verkaufen wir nicht Massenware, sondern hoch spezialisierte Güter, die andere nicht herstellen können. Andererseits hat die Schweiz das Glück, dass sie klein ist und deshalb gerade noch unter dem Radar der kritischen Beobachter des Welthandels fliegen kann.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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