Niedrigqualifizierten in der Schweiz droht der Job-Absturz

Die relative Arbeitslosigkeit von Schlechtausgebildeten hat hierzulande stärker zugenommen als in allen anderen OECD-Ländern. Die Ökonomen stehen vor einem Rätsel.

Was zum stärkeren Anstieg des Arbeitslosigkeitsrisikos für Niedrigqualifizierte in der Schweiz geführt hat, bleibt ein Rätsel. Foto: Keystone

Was zum stärkeren Anstieg des Arbeitslosigkeitsrisikos für Niedrigqualifizierte in der Schweiz geführt hat, bleibt ein Rätsel. Foto: Keystone

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

In keinem Land der OECD – der Vereinigung der Industrieländer – ist die relative Arbeitslosigkeit der Geringqualifizierten in den letzten Jahrzehnten so stark angestiegen wie in der Schweiz. Die relative Arbeitslosigkeit bezeichnet das Verhältnis der Arbeitslosigkeit von Gering- zu Hochqualifizierten. 1991 lag die Arbeitslosenquote der Niedrigqualifizierten noch bei tiefen 1,2 Prozent (1,3 Prozent bei Hochqualifizierten), 2014 belief sie sich auf hohe 8,8 Prozent (3,2 Prozent bei Hochqualifizierten).

Die relativen Löhne zwischen Gering- und Hochqualifizierten sind im gleichen Zeitraum dagegen weitgehend stabil geblieben. Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Studie der Ökonomen Lukas Mohler, Rolf Weder und Simone Wyss. Dass der internationale Vergleich mit dem Jahr 2014 endet, liegt daran, dass seither Daten aus anderen OECD-Ländern fehlen. In jenem Jahr waren in der Schweiz rund 2,7-mal so viele Geringqualifizierte wie Hochqualifizierte als arbeitslos gemeldet.

Damit lag die Schweiz noch im OECD-Mittelfeld. In Deutschland war damals die relative Arbeitslosigkeit der Tieferqualifizierten fast fünfmal so hoch. Dass diese Quote in der Schweiz jüngst sogar etwas zurückgegangen ist, bedeutet laut Rolf Weder, Wirtschaftsprofessor in Basel und Mitautor der Studie angesichts immer wieder aufgetretener Schwankungen nicht allzu viel: «Es ist unwahrscheinlich, dass sich am Trend der letzten Jahrzehnte in jüngster Zeit etwas stark geändert hat.»

Unverdächtiger Aussenhandel

Doch was sind die Gründe dieser Entwicklung. Die Autoren der Studie haben untersucht, welchen Einfluss die wirtschaftliche Öffnung gemessen am Aussenhandel der Schweiz hatte – konkret den Zusammenhang mit den Importen und Exporten der Schweiz in den Jahren 1991 bis 2008. Sie konnten keinen finden. Vorsichtigerweise schrieben die Autoren in ihrer Studie allerdings, dass detailliertere Daten etwa bis auf Firmenebene zu einem anderen Schluss führen könnten. Doch insgesamt bleibe es ein Rätsel, was zum stärkeren Anstieg des Arbeitslosigkeitsrisikos für Niedrigqualifizierte in der Schweiz geführt hat.

Viele Firmen begannen, alles dem Gewinn unterzuordnen. Leidtragende waren die Beschäftigten – insbesondere die weniger qualifizierten.Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes

Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, kritisiert an der Studie den Fokus auf die generellen Handelsdaten, um den Einfluss der wirtschaftlichen Öffnung zu untersuchen: Es sei entscheidend zu sehen, was in den Firmen geschehen ist. Denn dort habe seit Anfang der 1990er-Jahre sehr vieles geändert. «Viele Firmen begannen, alles dem Gewinn unterzuordnen. Leidtragende waren die Beschäftigten – insbesondere die weniger qualifizierten.»

Die Arbeitslosigkeit stieg. Für Menschen mit psychischen Problemen hatte es kaum mehr Platz. «Sie wurden in die IV abgedrängt», sagt der Gewerkschaftsökonom. Ausserdem sei in keinem Land die Arbeitslosigkeit in den Jahren zwischen 1991 und 2014 so stark angestiegen, wie in der Schweiz. «Wir sind diesbezüglich von der beneideten Ausnahme zum Normalfall geworden», sagt Lampart.

Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), weist darauf hin, dass im Jahr 2004 die Personenfreizügigkeit in Kraft getreten sei und das frühere Kontingentsystem abgelöst habe: «Die Zuwanderung hat das Qualitätsniveau der Beschäftigten in der Schweiz massiv erhöht, gleichzeitig existiert andererseits weiterhin eine Nachfrage nach Geringqualifizierten», sagt Zürcher.

Flexibilitätsreserve Ausländer

Der Amtschef verweist überdies auf die in der Schweiz besondere Rolle ausländischer Arbeitskräfte in Jobs, die weniger Qualifikationen erfordern. «Die Flexibilitätsreserve der Schweiz sind noch immer die Ausländer – vor allem die weniger qualifizierten». Denn sie seien es, «die bei einer schlechteren Konjunktur oder bei saisonalen Schwankungen die Stelle verlieren und bei einer besseren Lage wieder eingestellt werden». Als Beispiel dafür nennt er den Tourismus, wo kaum mehr Schweizer beschäftigt sind. Die schwankende Beschäftigung dieser Beschäftigten schlägt sich in höheren Anteilen bei der erfassten Arbeitslosigkeit nieder.

Darauf weist auch Nicole Hostettler hin, Leiterin des Amtes für Wirtschaft und Arbeit im Kanton Basel-Stadt: «Niedrigqualifizierte arbeiten oft in deutlich weniger stabilen Arbeitsverhältnissen oder in Branchen mit starken saisonalen Schwankungen. Solche Schwankungen sieht man in Basel-Stadt beispielsweise in den Branchen Gastronomie oder in der Bauwirtschaft.»

Das Risiko, arbeitslos zu werden, sei darum hier höher. «Jedoch stehen die Chancen gut, auch aufgrund der Saisonalität, schneller wieder eine Stelle zu finden», sagt Hostettler. Als Problem für die Niedrigqualifizierten fügt Hostettler ebenfalls den Strukturwandel hin zu höheren Qualifikationen an, weil einst einfache Tätigkeiten automatisiert wurden. Diese Entwicklung ist allerdings keine Schweizer Eigenheit.

Fehlende Lohnflexibilität?

Eine andere mögliche Erklärung für die grössere Empfindlichkeit der Tieferqualifizierten in der Schweiz liefert Studien-Co-Autor Rolf Weder: «Vermutlich ist die Zunahme der Arbeitslosigkeit unter den Geringqualifizierten die Konsequenz der geringen Flexibilität bei den Löhnen», sagt er mit Verweis auf das Studienergebnis, gemäss dem die relativen Löhne von Tief- zu Hochqualifizierten sich kaum verändert haben.

Vermutlich ist die Zunahme der Arbeitslosigkeit unter den Geringqualifizierten die Konsequenz der geringen Flexibilität bei den Löhnen.Rolf Weder, Co-Autor Studie

Daniel Lampart vom Gewerkschaftsbund macht deutlich, dass das nicht an den Gesamtarbeitsverträgen liegen könne: «In der Industrie gab es kaum GAV mit Mindestlöhnen. Diese traten erst nach dem Betrachtungszeitraum der Studie in Kraft.» Wie einige befragten Experten überdies betonen, können die Löhne der Betroffenen kaum mehr gesenkt werden. Ausserdem zeigen ökonomische Studien, dass Lohnsenkungen in allen Bereichen äusserst selten vorkommen.

Als weitere Erklärung bringt Rolf Weder die Immigration ins Spiel, weil in den 90er-Jahren die Zuwanderung von Niedrigqualifizierten gefördert wurde. Doch das sei nicht gesichert. Die Untersuchung von ihm und seinen Kollegen werfe aber zumindest ein neues Licht auf die Debatte über die Lohnungleichheit: «Wir reden viel über die Lohnschere in der Schweiz – vielleicht sollten wir den Fokus mehr auf die relative Arbeitslosigkeit legen, das heisst die grössere Betroffenheit der Geringqualifzierten durch Arbeitslosigkeit», sagt Rolf Weder.

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