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Das Wachstum der Wirtschaft basiert auch auf Illusionen

In den USA, Japan und den meisten europäischen Staaten wächst die Wirtschaft nur noch dank Staatsverschuldung. Die Schweiz bildet eine Ausnahme.

Autoindustrie in den USA. Amerikas Wirtschaft gilt als Wachstumslokomotive.
Autoindustrie in den USA. Amerikas Wirtschaft gilt als Wachstumslokomotive.
Keystone

Das Wachstum der Wirtschaft, gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) von einzelnen Staaten oder Wirtschaftsräumen, erscheint in der Öffentlichkeit als Mass aller Dinge. Sind die BIP-Wachstumsraten hoch, freuen sich Regierungen und die meisten Medienschaffenden. Sind sie tief oder schrumpft das BIP, herrscht Katzenjammer.

Im ablaufenden Jahr überwog vorerst der Jammer: «Die Schweiz gehört beim Wachstum zu den Schlusslichtern», titelte etwa die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) im September, nachdem das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) seine neuste Quartalsschätzung veröffentlicht hatte.

Demnach stieg das BIP der Schweiz im zweiten Quartal 2017 um 0,3 Prozent, nachdem es im ersten Quartal um 0,1 Prozent zugenommen hatte. Im dritten Quartal registrierte das Seco eine Zunahme von 0,6 Prozent, und die Onlineausgaben von «Tages-Anzeiger», «Bund» und «Basler Zeitung» kommentierten optimistisch: «Es geht aufwärts.» Auch Radio SRF rapportiert vierteljährlich BIP-Ergebnisse, die sich meist hinter der Kommastelle bewegen.

Langfristige Entwicklung

Mit der Veröffentlichung und Kommentierung von Quartalszahlen fördern Seco und Medien die kurze Sicht; eine Sicht, die zudem oft falsch ist, weil die ersten unzuverlässigen Schätzungen später korrigiert werden.

Wer die Entwicklung einer Volkswirtschaft seriös beurteilen will, muss sie langfristig analysieren und neben den BIP-Raten andere Indikatoren berücksichtigen. Darum basieren die folgenden Daten auf dem Zeitraum seit der Jahrtausendwende.

Von 2000 bis 2016 stieg das Schweizer BIP real (nach Abzug der Teuerung) und unter Berücksichtigung der letzten Korrek­turen um 31 Prozent. Pro Jahr entspricht das einer mittleren Zuwachsrate von 1,7 Prozent.

Die Schweizer Volkswirtschaft wuchs in diesen sechzehn Jahren zwar etwas weniger stark als jene der USA (plus 38 Prozent), aber stärker als im europäischen Durchschnitt (plus 25 Prozent) und viel stärker als im Euroraum (plus 18 Prozent). Selbst die viel gelobte deutsche Volkswirtschaft wuchs mit 28 Prozent etwas weniger stark als jene der Schweiz.

Mehr Personen, mehr Arbeit

Trotzdem hält sich die Begeisterung der Schweizer Wachstumsfreunde in Grenzen. Und zwar aus den folgenden zwei Gründen:

  • Bevölkerung: Mehr als die Hälfte der BIP-Zunahme in der Schweiz ist seit der Jahrtausendwende auf die starke Zunahme der Bevölkerung zurückzuführen. Das heisst: Der grössere Wirtschaftskuchen muss unter mehr Menschen verteilt werden. So stieg das BIP pro Kopf der inländischen Wohnbevölkerung seit dem Jahr 2000 lediglich um 14 Prozent. Dabei – so zeigen Einkommens- und Vermögensstatistiken – hat der Anteil derjenigen Personen, die schon früher ein grosses Stück des Wirtschafts­kuchens erhielten, seit dem Jahr 2000 überdurchschnittlich ­zugenommen, während viele Leute mit unterdurchschnittlichem Lebensstandard nicht profitierten oder sogar Einbussen am Wohlstand hinnehmen mussten.
  • Produktivität: Etwa gleich stark wie die Bevölkerungszahl erhöhte sich seit dem Jahr 2000 in der Schweiz das Arbeitsvolumen. Pro Arbeitsstunde nahm das BIP und damit die Produktivität der Schweizer Wirtschaft bis 2016 nur um 13 Prozent zu. Diese bescheidene Produktivitätssteigerung mag man mit der NZZ als «Achillesferse der Schweiz» beklagen. Oder man kann sich freuen, dass mehr Arbeitskräfte am Schweizer Arbeitskuchen mitbacken und die Arbeitslosigkeit hierzulande kleiner ist als in den meisten andern Industriestaaten.

Wählt man als Massstab nicht das BIP insgesamt, sondern das BIP pro Kopf der Wohnbevölkerung, so schmilzt im gewählten Zeitraum der Wachstumsvorsprung der Schweiz, oder es steigt der Rückstand. Das zeigen folgende Vergleichszahlen: Von 2000 bis 2016 stieg das BIP pro Kopf in Deutschland um 18 Prozent, in den USA um 15, in der Schweiz um 14 und im Schnitt der EU um 12 Prozent.

Wichtig ist der Inhalt

Wichtiger als das Volumen oder dessen Aufblähung ist jedoch der Inhalt eines Kuchens. Das gilt auch für die Wirtschaft. Denn nicht alles, was wächst, ist gut. Das BIP als allmächtiger Massstab unterscheidet nicht, ob die Getreideernte, der Autobestand, die Aufenthaltstage in Spitälern oder Schäden von Katastrophen wachsen. Das mindert die Aussagekraft des BIP als Mass für den Wohlstand.

Die Ausgaben des Staates und die damit einhergehende Staatsverschuldung mehren das BIP ebenfalls. Und das ist von besonderem Belang. Denn in den meisten westlichen Volkswirtschaften wächst die Wirtschaft nur noch auf Pump, weil die Staatsschulden prozentual und absolut stärker zunehmen als die Bruttoinlandprodukte.

Das belegen die Daten der wichtigen Wirtschaftsräume USA, EU, Japan sowie ­Deutschland in den Jahren 2000 und 2016; als Massstab wählen wir hier den US-Dollar als ­globale Leitwährung (siehe auch die Grafik «Wirtschaft und Schulden»).

In den USA stieg das Bruttoinlandprodukt von 2000 bis 2016 nominal (also inklusive Teuerung) um 8750 Milliarden Dollar oder um 89 Prozent.

In der gleichen Zeit erhöhten sich die Staatsschulden um 14'730 Milliarden Dollar respektive um 282 Prozent. Das heisst: Ohne zusätzliche Staatsverschuldung wäre die US-Wirtschaft seit dem Jahr 2000 geschrumpft. Dieser Befund relativiert euphorische Berichte über die «Wachstumslokomotive USA».

In Japan stieg das BIP in den Jahren von 2000 bis 2016 nominal nur um 240 Milliarden US-Dollar (plus 5 Prozent), während die schon damals hohen Staatsschulden um 5570 Milliarden US-Dollar (plus 90 Prozent) zunahmen.

In allen 28 EU-Staaten zusammen wuchs das nominale Bruttoinlandprodukt gegenüber dem Ausgangsjahr 2000 um 8070 Milliarden Dollar (plus 87 Prozent), die Staatsverschuldung um 9190 Milliarden Dollar (plus 164 Prozent).

Dabei sind von Land zu Land deutliche Abweichungen festzustellen: Überdurchschnittlich zugenommen haben die Staatsschulden – gemessen am Bruttoinlandprodukt – etwa in Griechenland, Spanien, Italien und Frankreich. In Deutschland hingegen erhöhte sich die Staatsverschuldung weniger stark als das BIP.

Staats- und Privatschulden

Die Schweiz gehört zu den wenigen Ländern, die ihre Staatsschulden, gemessen am nominalen BIP, gegenüber dem Jahr 2000 vermindern konnten. Die Schulden der privaten Haushalte hingegen stiegen massiv.

Ihr Anteil am BIP liegt heute bei 130 Prozent und ist höher als in den meisten andern Industrieländern. Hauptgrund: hohe Hypothekarschulden auf – im internationalen Vergleich – sehr teuren Liegenschaften. Ein Immobiliencrash könnte darum viele Hauseigentümer und ihre Banken in den Ruin treiben.

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