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Der falsche Fortschrittsglaube

Schweizer Uhren und Maschinen für China: Das Freihandelsabkommen ist schön und gut – auf dem Weg zu breitem Wohlstand fehlen dem riesigen Land aber zwei Dinge.

Armut neben Reichtum: Ein Mann wühlt in einer Mülltonne auf einer Strasse in Peking.
Armut neben Reichtum: Ein Mann wühlt in einer Mülltonne auf einer Strasse in Peking.
Kim Kyung-hoon, Reuters
Der Wohlstand hat in China längst noch nicht alle erreicht: Ein Dorfbewohner in seinem Haus in Yuangudui beim Kochen.
Der Wohlstand hat in China längst noch nicht alle erreicht: Ein Dorfbewohner in seinem Haus in Yuangudui beim Kochen.
Carlos Barria, Reuters
Benzin ist heute in China nicht so billig wie vor 60 Jahren im Westen: Eine Angestellte ändert die Preisanzeige an einer Tankstelle in Wuhan.
Benzin ist heute in China nicht so billig wie vor 60 Jahren im Westen: Eine Angestellte ändert die Preisanzeige an einer Tankstelle in Wuhan.
Darley Shen, Reuters
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Die Karriere von Bundesrat Johann Schneider-Ammann war bisher nicht mit Höhepunkten gesegnet. Dass er am Wochenende in Peking seine Unterschrift unter ein Freihandelsabkommen mit China setzen konnte, war eine Ausnahme, die ihm herzlich gegönnt sei. Der Vertrag ist wichtig für die Schweizer Wirtschaft, doch wird er vielleicht auch überschätzt. Bereits träumen wir davon, Clearingstelle in Europa für eine neue globale Leitwährung Yuan zu werden und mit Hochpräzisionsmaschinen und Edeluhren gefüllte Container gen Osten zu verschiffen. Freuen wir uns nicht zu früh, China steht vor grossen und sehr heiklen Herausforderungen.

Lange galt Maos Steinzeitkommunismus ökonomisch gesehen als schlechter Witz. Dann begann die Wirtschaft, in zweistelliger Höhe zu wachsen, nicht ausnahmsweise, sondern Jahr für Jahr und über Jahrzehnte. Inzwischen hat China Japan als zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt überholt, und die Wahrnehmung hat sich radikal gewandelt. Experten spekulieren längst nicht mehr ob, sondern wann es die im Abstieg begriffenen USA als Supermacht ablösen wird und wann der Yuan den Dollar als Geld-Leithammel verdrängen wird.

Es geht um Öl und Arbeitskräfte

China ist offiziell immer noch ein kommunistischer Staat. Das wird als Folklore abgetan. In Wirklichkeit sei China eine Marktwirtschaft und die Chinesen wie wir – nur hungriger – und die Wirtschaft stärker und grösser, sagt heute der Mainstream. Diese Sichtweise führt am Kern der Sache vorbei. Ob Kommunismus oder Marktwirtschaft, das ist nicht die Frage. Es geht um billiges oder teures Öl und um Überfluss und Mangel an Arbeitskräften. Und so gesehen hat China schlechte Karten. Seine Voraussetzungen sind ganz anders als diejenigen des Westens vor 60 Jahren.

In der Nachkriegszeit des letzten Jahrhunderts wurde im Westen eine historisch einmalige Wohlstandsgesellschaft geschaffen. Ein breiter Mittelstand konnte sich zunächst immer grössere Wohnungen und Autos leisten – und dann immer luxuriösere Ferien und immer raffiniertere Unterhaltungselektronik. Zwei Bedingungen waren dafür entscheidend: billiges Öl und relativ abgeschottete Arbeitsmärkte. Heute wird der Ölpreis wahrscheinlich nur noch ausnahmsweise unter 100 Dollar pro Fass fallen, und auf den globalisierten Arbeitsmärkten übersteigt das Angebot – auch an qualifizierten Arbeitskräften – die Nachfrage bei weitem. Das hat Konsequenzen.

Keine sicheren Arbeitsplätze

Wer in einer westlichen Industriegesellschaft in den 1960er-Jahren einen Job suchte, konnte zwischen den Angeboten auswählen und jedes Jahr mit einer realen Lohnerhöhung rechnen. Um ihre Mitarbeiter bei der Stange zu halten, übernahmen Arbeitgeber gelegentlich die Pensionskassenbeiträge, stellten Firmenautos zur Verfügung und bauten Sportanlagen. Qualifiziertes Personal war rar. Der internationale Arbeitsmarkt war überschaubar, die Sowjetunion und China hatten sich abgeriegelt, der Begriff «outsourcen» ein Fremdwort.

Junge Schweizer Schul- und Hochschulabgänger konnten es sich in dieser Ära locker leisten, ein Jahr eine Weltreise einzuschalten. Junge Chinesen stehen vor ganz anderen Verhältnissen. Selbst wer einen Universitätsabschluss vorweisen kann, hat keineswegs einen sicheren Arbeitsplatz. Die Hochschulen spucken mehr Absolventen aus, als der Arbeitsmarkt schlucken kann. Anstatt auf einem Trip nach Indien zu sich selbst zu finden, finden sie sich oft an einem schlecht bezahlten Fliessbandarbeitsplatz wieder.

Die «Falle der mittleren Einkommen»

Billiges Öl und Schutz vor Billigkonkurrenz haben den westlichen Industriegesellschaften den Übergang von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft erleichtert. China hingegen muss teures Öl importieren und Heerscharen von jungen Menschen beschäftigen, die vom Land in die Städte strömen. Es droht daher, in die «Falle der mittleren Einkommen» zu plumpsen, denn ohne prosperierenden breiten Mittelstand ist der Umbau der Wirtschaft in Richtung mehr Binnenkonsum und weniger Export nur sehr schwer zu schaffen. «Die chinesische Regierung muss einen Jumbojet während des Landeanflugs umbauen, und die Hälfte der Triebwerke ist dabei defekt», beschreibt Martin Wolf in der «Financial Times» die Situation. «In der Regel verlaufen solche Prozesse selten störungsfrei.»

Die Vorstellung, im 21. Jahrhundert würden die Schwellenländer allmählich den gleichen Lebensstandard und die gleiche Wirtschaftsordnung wie die westlichen Industrienationen im letzten Jahrhundert erreichen, muss revidiert werden. Dazu gibt es auf dem Planeten Erde zu wenig Rohstoffe und zu viele Menschen. Das gilt auch für China. Daher ist es unsinnig, darüber zu spekulieren, wann das chinesische Pro-Kopf-Einkommen das unsrige übersteigen wird. Die bange Frage lautet vielmehr: Werden die Chinesen alt, bevor sie reich werden?

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