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Die tragische Figur Bernanke

Fed-Chef Ben Bernanke war angetreten, die Kommunikation der US-Notenbank zu revolutionieren. Transparenz sollte das Orakeln ablösen und für weniger Unruhe sorgen. Damit ist er gescheitert.

Geht in Ruhestand: Ben Bernanke hat sein Amt abgegeben. (Archivbild)
Geht in Ruhestand: Ben Bernanke hat sein Amt abgegeben. (Archivbild)
Keystone
Völlig offen liess Bernanke bisher, wie er sich seine Zeit nach dem Abschied vom Fed-Vorsitz vorstellt. Geht er wieder an eine Uni, sucht er sich einen lukrativen Posten im Bankensektor, berät der Republikaner künftig Politiker?
Völlig offen liess Bernanke bisher, wie er sich seine Zeit nach dem Abschied vom Fed-Vorsitz vorstellt. Geht er wieder an eine Uni, sucht er sich einen lukrativen Posten im Bankensektor, berät der Republikaner künftig Politiker?
Keystone
... und hier mit Timothy Geithner, dem ehemaligen US-Finanzminister (l.), Christine Lagarde, der Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) (2. v. l.), und Christian Noyer, dem Chef der französischen Zentralbank.
... und hier mit Timothy Geithner, dem ehemaligen US-Finanzminister (l.), Christine Lagarde, der Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) (2. v. l.), und Christian Noyer, dem Chef der französischen Zentralbank.
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Er wollte es anders machen als seine Vorgänger: Transparenz war sein Motto. Wenn die Notenbanken offen kommunizieren, welche Absicht sie verfolgen und von welchen Daten sie sich leiten lassen, dann sollte das Unruhe an den Märkten verhindern. Bernanke wollte berechenbar sein.

Das war eine Revolution in der Welt der Notenbanker. Denn Berechenbarkeit war vor ihm unter Zentralbanken verpönt. Nur ja keine klare Aussage zur zukünftigen Geldpolitik, war das Motto. Die dem gesetzlichen Auftrag entsprechende Generalfloskel, dass man die Inflation unter Kontrolle halten wolle, musste reichen. Alles andere blieb verklausuliert. Analysten mussten dann daraus entziffern, was ein Notenbanker mit seinen Aussagen wohl gemeint haben könnte. Fähigkeiten in Sprachentzifferung waren hier mindestens so wichtig wie ökonomische Analysen. Bernankes Vorgänger Alan Greenspan war legendär für diese Art der Kommunikation – er war das «Orakel», die «Sphinx» oder, wie ein Zauberer, der die Märkte nach seinem Gusto steuern konnte, der «Maestro».

Codes sind nicht Bernankes Stil

Bernanke hat damit aufgeräumt. Er war der erste US-Notenbankchef, der nach den jeweiligen Beschlüssen des geldpolitischen Entscheidungsgremiums vor die Presse trat, um das Beschlossene zu erläutern und sich den Fragen der Journalisten zu stellen. In Codes zu sprechen, ist nicht sein Stil.

Doch er hat die Rechnung ohne sein Publikum gemacht: die professionellen Analysten und Notenbank-Sprachdeuter. Um Transparenz bemüht, hat er im Frühling offengelegt, dass seine Notenbank gegen Ende Jahr die Käufe von Staatsanleihen und verbrieften Hypothekarpapieren im Umfang von 85 Milliarden Dollar langsam zurückfahren werde und sie im nächsten Jahr gänzlich einstelle, wenn die Bedingungen für die Verbesserung der US-Wirtschaft günstig blieben – aber nur dann. Um allen Missverständnissen vorzubeugen, betonte er immer wieder, dass die Geldschleusen auf jeden Fall weit offen bleiben. Das untermauerte er mit der Zusage, dass die Leitzinsen noch sehr lange auf tiefsten Werten bleiben werden – mindestens bis die Arbeitslosigkeit unter 6,5 Prozent gefallen ist. Das erwartet man beim Fed erst im Jahr 2015.

Die Botschaft kam auf den Märkten ganz anders an: als Ende der lockeren Geldversorgung. Das meinten die professionellen Marktbeobachter aus Bernankes Worten zu lesen. So kam es zum Paradox, dass Bernankes Offenheit genau zu dem führte, was er auf jeden Fall verhindern wollte: Zu einer Verschlechterung der Bedingungen für den weiteren Aufschwung. Die Aktienmärkte stagnierten. Und noch wichtiger: Die für die Wirtschaft besonders wichtigen langfristigen Zinsen stiegen deutlich an. Das verteuert die Investitionen und den Schuldendienst.

Erwartungen sind nur schwer steuerbar

Als dann Bernanke gestern verkündete, die Notenbank werde ihre Anleihenkäufe noch nicht zurückfahren, war das für alle die grosse Überraschung. Die Langfristzinsen sanken und die US-Börse erreichte ein neues Allzeithoch. Bernanke wurde an seiner Pressekonferenz beschuldigt, widersprüchliche Signale auszusenden. Das hat er allerdings nicht getan. Die Signale waren vor allem die Folge der Interpretation auf den Märkten. So wehrte sich Bernanke schon fast händeringend mit der Bemerkung, er könne die Geldpolitik doch nicht davon abhängig machen, was auf den Märkten gerade erwartet wird.

Doch die Erwartungen bestimmen die Preise auf den Aktien-, Anleihen- und Währungsmärkten, daher kann sich kein Notenbanker um sie scheren. Und Erwartungen lassen sich nicht wie gewünscht steuern, auch mit grösster Transparenz nicht, wie Ben Bernanke erfahren musste. Er hat damit das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte, die Unruhe an den Märkten hat zu- und nicht abgenommen, ebenso die Marktschwankungen. Die alten Tage der «Maestros» mit ihren verklausulierten Botschaften an der Spitze der Notenbanken wünscht sich kaum jemand zurück. Wie die Notenbanken am wirkungsvollsten kommunizieren, bleibt eine offene Frage.

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