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Im Winter steigen die Aktienkurse

Der diesjährige Winter hatte vor allem in der ersten Hälfte viele sonnige Tage. An den Aktienmärkten hat dagegen ein stabiles Winterhoch schon eine lange Tradition.

Der Schneemann hat gut lachen – er muss Börsenmakler sein.
Der Schneemann hat gut lachen – er muss Börsenmakler sein.
Ivan Kmit

Der Anleger kann fast eine Bank drauf setzen: Auf eine lange Sommerflaute und ein kräftiges Herbsttief folgt mit grosser Regelmässigkeit ein schöner Börsenwinter. Dieses Muster gehört zu den auffälligsten Regelmässigkeiten an diesen sonst so ­wenig berechenbaren Märkten.

Ein Börsenhoch und Sommer, das passt einfach nicht zusammen, Aktienanleger ziehen ganz offensichtlich die Kälte vor. Dies auch heuer: Die deutliche Kurserholung an fast allen Märkten hat exakt mit dem Kälteeinbruch im November begonnen.

Der Winter-Sommer-Effekt, in den angelsächsischen Ländern auch Halloween-Effekt genannt, lässt sich weltweit nachweisen. Für den Leitmarkt USA haben unter anderem die beiden Ökonomen Jeffrey und Yale Hirsch nachgewiesen, dass die Monate November bis April meist ausgesprochen starke Börsenmonate sind, während die Monate Mai bis Oktober nur schwach abschneiden. Seit 1950 brachten die Wintermonate im Durchschnitt stolze 17,4 Prozent ein, während in den Sommermonaten sogar ein Minus von 3,4 Prozent resultierte.

Der neuseeländische Finanzmarktforscher Ben Jacobsen seinerseits hat die Saisonalität gleich in 109 Ländern erforscht. Seine Resultate: Im Winterhalbjahr rentieren die Aktienmärkte weltweit 6,9 Prozent, im Sommerhalbjahr bescheidene 2,4 Prozent.

Und die Schweiz? Tickt sie wieder einmal völlig anders? Die Genfer Bank Pictet hat nachgerechnet: Nach ihren Berechnungen sind die Aktienkurse in den letzten neunzig Jahren im Schnitt um 7,8 Prozent pro Jahr oder um 0,7 Prozent pro Monat gestiegen. Doch in drei Monaten war die Performance im Durchschnitt negativ: im März, im Mai und im September. Und in der Periode von April bis Oktober lag – wen wunderts noch – meist nur wenig drin.

Im Zeitraum 1998–2016 ergeben sich für den Schweizer Aktienindex SPI konkret folgende Resultate: Einer durchschnittlichen Winterperformance von 5,8 Prozent (Strategie «November bis April») steht eine negative Sommerperformance von 0,6 Prozent (Strategie «Mai bis Oktober») gegenüber (siehe Tabelle).

Die Gründe für die wiederkehrende Winterrally

Für die auf den ersten Blick überraschende Tatsache, dass sich die Performanceunterschiede zwischen Sommer und Winter trotz der zunehmenden Professionalisierung der Finanzindustrie in den letzten Jahren nicht eingeebnet haben, werden eine ganze Reihe von Gründen genannt.

Für den Dezember- und Januareffekt werden beispielsweise Bonuszahlungen, 13. Monatslöhne und Gewinnverschiebungen ins neue Jahr verantwortlich gemacht. Oder auch die Tatsache, dass viele Pensionskassen und institutionelle Anleger Ende und Anfang Jahr die grössten Mittel anzulegen haben. Auch steuerlich bedingte Geldverschiebungen werden gelegentlich genannt.

Jean-Evrard Dominicé, Leiter der Londoner Beauregard Capital, hat eine noch plausiblere Begründung. Es gebe solche Marktineffizienzen, die sich aus dem rationalen Verhalten der Marktakteure ergäben, erklärt Dominicé: «Genau das ist mit der Saisonalität der Fall: Rationale Investoren nehmen am Anfang des Jahres mehr Risiko auf sich, um die angestrebten Renditeziele zu erreichen, und reduzieren das Risiko dann im Laufe des Jahres, sobald sie ihre Performanceziele erreicht haben.»

Für einen professionellen Vermögensverwalter, der Aktiven von Dritten betreue, mache dieses Verhalten noch mehr Sinn: Denn für ihn gehe es nicht nur um Anlageziele, sondern auch um seine Karriere. Habe der Vermögensverwalter die Ziele seiner Klienten im Laufe des Jahres erreicht, gebe es für ihn keinen Grund mehr, weiterhin riskante Anlagen zu halten und so vielleicht die ganze Performance zu verlieren.

Mit der zunehmenden Professionalisierung der Finanzbranche hat sich die Saisonalität sogar noch intensiviert. Die Studien von Jacobsen bestätigen dies: «Tatsächlich ist der Halloween-Effekt in den letzten fünfzig Jahren stetig stärker geworden. Dies vor allem in den entwickelten ­Ländern.»

Rückenwind von der globalen Wirtschaft

Diese Zusammenhänge sollten den im vergangenen Jahr nicht besonders verwöhnten Fans von Schweizer Aktien Mut machen. Dies umso mehr, als die Chancen für eine kräftige Winterrally nicht nur aus saisonalen Gründen gut stehen.

Rückenwind für die Märkte kommt auch von der globalen Wirtschaft, die aktuell flott vorankommt. Und dies nicht nur in den USA, sondern auch in Japan und vielen europäischen Ländern, etwa in Deutschland, Grossbritannien oder Schweden. Die Weltbank erwarte deshalb, dass sich das weltweite Wachstum von 2,3 auf 2,7 Prozent ­beschleunigen wird.

Christoph Bernhard, Chefstratege der Bank Vontobel, zeigt sich deshalb zuversichtlich für die globalen Aktienmärkte. Noch deutlich optimistischer sind Marc Possa, Partner bei der VV-Vermögensverwaltung, und die Mehrheit der deutschen Marktstrategen: «Der Aufschwung bei ­Aktien geht weiter», erklären sie unisono. Die Schweizer Banken und Vermögensverwalter haben auf diese Zuversicht bereits reagiert und ihre Aktienquoten für 2017 mehrheitlich deutlich hochgefahren.

So zuversichtliche Perspektiven könnten endlich jene Investoren hinter dem Ofen hervorlocken, die auch in den letzten zwölf Monaten passiv an der Seitenlinie abgewartet haben.

Ein Blick in die Statistiken der Nationalbank zeigt, wie gross die Zurückhaltung nach wie vor ist: Die als ­kündbare Kundeneinlagen und als Sichtgeldeinlagen bei den Banken gebunkerten flüssigen Mittel liegen mit 1500 Milliarden Franken nur leicht unter dem absoluten Rekordstand vom August 2016. In den ersten Monaten des Jahres werden also gerade institutionelle Anleger mehr Risiken eingehen müssen, um anlagemässig auf einen grünen Zweig zu kommen.

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