«Kapitalverkehrskontrollen sind dann unumgänglich»

Die Finanzmärkte reagieren auf das andauernde Tauziehen zwischen der Eurogruppe und Athen mit Optimismus. Experten von CS und UBS erklären warum. Und wie hoch sie das Risiko eines Grexit sehen.

In Zypern lösten die Kapitalverkehrskontrollen einen Ansturm auf die Banken aus: Leute stehen vor einem Bancomaten der Laiki Bank in Nikosia Schlange. (21. März 2013)

In Zypern lösten die Kapitalverkehrskontrollen einen Ansturm auf die Banken aus: Leute stehen vor einem Bancomaten der Laiki Bank in Nikosia Schlange. (21. März 2013)

(Bild: Reuters Yorgos Karahalis)

Athen will schon am Donnerstag den Antrag auf Verlängerung der Hilfsprogramme stellen. Die Eurogruppe hatte der neuen Regierung nach den gescheiterten Gesprächen vom Montag ein Ultimatum bis Freitag gestellt. Was in dem Schreiben der Griechen stehen wird, ist noch nicht bekannt.

An den Finanzmärkten verteilt man jedoch bereits Vorschusslorbeeren. Der Index der Schwergewichte in der Eurozone, der Euro Stoxx 50, legte bis zum Handelsschluss um 0,8 Prozent zu, auch der Schweizer SMI stieg um mehr als ein halbes Prozent. Der Euro war gegenüber dem Franken so stark wie nie seit der Aufhebung des Euromindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank: Er wurde schon am Morgen kurzzeitig für 1.07 Franken gehandelt, hielt sich danach knapp darunter und stand bis kurz vor 19 Uhr bei 1,071 Franken.

Ähnlich verhielten sich die Anleger schon in den letzten Tagen: Als die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der griechische Premierminister Alexis Tsipras bei ihrem ersten Treffen freundlich aufeinander zugingen; als Athen versicherte, man wolle alles tun, um eine Lösung zu finden; als Brüssel Bereitschaft für ein gewisses Entgegenkommen signalisierte.

Negative Signale

Anders als in der Vergangenheit werden die positiven Signale nun deutlich höher gewichtet als die negativen. Denn auch die gibt es. So lehnte Tsipras bisher ein Hilfsprogramm ab, das auch Spar- und Reformauflagen enthält. Er argumentiert, dies wäre Betrug an den Wählern. Sie hätten die Linksradikalen gewählt, weil diese die Sparmassnahmen und Reformen ablehnen.

Der Regierungssprecher, der den Antrag ankündigte, sprach denn auch von einer «Verlängerung des Kreditabkommens». Das Wort «Programm», das auch die Reformen beinhaltet, lehnt die neue Regierung ab. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, der als grösster Gegenspieler der Regierung Tsipras gilt, sagte hingegen schon gestern im ZDF-«Heute Journal»: «Es gibt auch gar keine Kreditabkommen. Es ist ein Hilfsprogramm für Griechenland.»

UBS: Differenzen sind nicht fundamental

In der Analyseabteilung der UBS wertet man solche Meinungsverschiedenheiten als eher semantisch. Letztlich wollten beide Seiten verhandeln, und die griechische Seite sei nun auch bereit, Bedingungen für die Finanzhilfe zu akzeptieren. Es stünden schwierige Verhandlungen an, «aber wir glauben, Griechenland wird während dieser Zeit genug Geld erhalten», schreibt die Investmentabteilung in einer Mitteilung von gestern Abend. Denn sollte das derzeitige Hilfsprogramm, das bis zum 28. Februar läuft, nicht verlängert werden, könnte Athen laut Beobachtern schon im März zahlungsunfähig sein.

Allerdings sieht die Grossbank ein «erhebliches Risiko», dass Griechenland die von der Eurogruppe gesetzte Frist von Mitternacht am kommenden Freitag verpassen könnte. Sollte eine Einigung zustande kommen, dann wohl nur, wenn sich die Regierungschefs direkt einschalten. Insgesamt schätzt die UBS das Risiko eines Euroaustritts Griechenlands immer noch auf 10 bis 20 Prozent und die Wahrscheinlichkeit einer Zahlungsunfähigkeit in den nächsten zwölf Monaten auf 20 bis 30 Prozent.

CS: Drei Gründe für Optimismus der Märkte

Die Credit Suisse sieht die Wahrscheinlichkeit einer Einigung im Schuldenstreit bei 75 Prozent. Für die Robustheit der europäischen Aktienmärkte und der Einheitswährung sieht Europaspezialist Oliver Adler von der CS-Analyseabteilung drei Gründe:

  • Erstens sind heute mindestens 75 Prozent der griechischen Staatsschulden nicht mehr in den Händen der Privatwirtschaft, sondern im Besitz von Institutionen wie der Europäischen Zentralbank (EZB), dem Internationalen Währungsfonds (IMF) oder des Eurorettungsschirms (EFSF). Ausserdem stützt die EZB griechische Banken stark mit Liquiditätshilfen. «Ein allfälliger Bankrott des Landes hätte nicht mehr so grosse Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft», sagt Adler gegenüber thunertagblatt.ch/Newsnetz.
  • Zweitens präsentiert sich die Weltwirtschaft insgesamt robuster.
  • Drittens, sollte in Griechenland etwas schiefgehen, stützt die EZB de facto mit ihrem Quantitative Easing, dem Anleihenkaufprogramm, die anderen potenziell gefährdeten Staaten wie Spanien und Portugal. «Das ist sicher ein ganz grosser Unterschied zu früheren Phasen der Eurokrise», erklärt Adler.

Besonders in Deutschland ist die Ansicht recht verbreitet, ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone sei sogar wünschenswert. So sagte etwa Marc-Oliver Lux, Geschäftsführer bei Dr. Lux & Präuner in München, gegenüber der «Welt»: «Ein Grexit, ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro, ist vermutlich das Beste, was Europa passieren kann.»

Hohe politische Kosten eines Grexit

CS-Analyst Oliver Adler ist da skeptischer. Einerseits würde das zwar ein Zeichen setzen, dass die EU auf Disziplin pocht und man die Gläubiger nicht einfach ausnutzen kann. Das könnte auch zu einer Stärkung des Euro führen. Andererseits könnte der Schaden beträchtlich sein, wenn der Euro ein Mitglied verliert. Der Fall sei vor allem politisch sehr komplex. Es gäbe insbesondere auch Risiken wie die mögliche Abwendung Athens von Europa und eine Hinwendung zu Russland zu bedenken. Und nicht zuletzt auch eine grosse Finanzkrise, die in Griechenland wohl ausbrechen würde.

Statt eines Grexit sind bei einem Scheitern der Verhandlungen auch andere Entwicklungen denkbar. So könnte die EZB von der griechischen Zentralbank die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen verlangen. «Für den Fall, dass das Hilfsprogramm am 28. Februar ohne Verlängerung oder anderweitige Regelung ausläuft, sind Kapitalverkehrskontrollen wohl unumgänglich», sagt Adler. Das Beispiel Zyperns habe gezeigt, dass man damit nicht lange warten kann.

rub

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