Liechtenstein wird zum Las Vegas von Europa

Das Fürstentum punktet bald mit einer höheren Casino-Dichte als dieUS-Stadt. Doch die Bürger rebellieren dagegen, dass ihr Land zum Zockerparadies wird.

Vaduz by Night: Die Zocker kommen vor allem aus der Schweiz, aus Österreich und Deutschland. Foto: Getty Images

Vaduz by Night: Die Zocker kommen vor allem aus der Schweiz, aus Österreich und Deutschland. Foto: Getty Images

Gleich hinter dem Grenzübergang vom österreichischen Feldkirch her steht der graue Klotz mit den hohen Fenstern links an der Strasse. «Einen Goldrausch», mindestens aber einen «goldenen Herbst» versprechen die Betreiber des Etablissements ihren Besuchern. Als VIPs würden sie sich fühlen, in jedem Fall aber «ganz speziell». Nachts sind die Fenster des Gebäudes in süffiges Blau oder Rot getaucht, und ganz oben an der Dachkante strahlt ein Leuchtschriftzug weithin sichtbar in das Obere Rheintal: «Casino Schaanwald».

Auf der Hauptstrasse, die Liechtenstein seiner Länge nach durchzieht, sind es von hier aus 20 Kilometer nach Balzers am anderen Ende des Fürstentums. Dort soll auch eine Spielbank entstehen, wogegen Bürger sich allerdings wehren. In Ruggell rollen die Spielkugeln schon länger, in Triesen demnächst. Für mehrere Glücksspielhäuser sind Konzessionen beantragt, weitere werden gerade geplant.

Bald höhere Casino-Dichte als Monaco und Macau

Liechtenstein, jahrzehntelang verschwiegenes Versteck für schmutziges Geld aus der ganzen Welt, entwickelt sich neuerdings zur Spielhölle Europas. Im Vergleich zu den 38 000 Einwohnern des Zwergstaats ist die ­ Casino-Dichte demnächst grösser als in Las Vegas, Macau oder Monaco.

Die Zocker kommen vor allem aus der Schweiz, aus Österreich und Deutschland. Das Geschäft mit ihnen boomt. Profiteur der Goldgräberstimmung ist neben den Spielbankbetreibern das Land Liechtenstein. Statt der erwarteten 3 Millionen spülten die ­Casinos im vergangenen Jahr 12 Millionen Schweizer Franken in die Kasse des Fürstentums. Und das, obwohl die Steuern auf Spieleinsätze weitaus niedriger sind als in den umliegenden Ländern.

Liechtenstein kassiert über die Geldspielabgabe 17,5 bis 40 Prozent der Bruttospielerträge. Zum Vergleich: Die Schweiz zieht 40 bis 80 Prozent der Differenz zwischen Spieleinsätzen und Gewinnen als Abgabe ein. Ein lukratives Geschäft also für die Betreiber von Casinos.

Auch ausserhalb des Gerichtssaals wird der Kampf nicht zimperlich geführt.

Vor allem die Schweizer Spielbanken spüren die neue Konkurrenz im kleinen Nachbarland. «Die Erträge an den Standorten Bad Ragaz und St. Gallen sind regelrecht eingebrochen», beklagte Hermann Bürgi, Präsident der Eidgenössischen Spielbankenkommission, im «Blick».

Ausgelöst hat den Boom in Liechtenstein ein Tabubruch.150 Jahre lang war das Glücksspiel in dieser Form im katholisch geprägten Fürstentum verboten. 2015 und 2016 lockerten Regierung und Landtag jedoch mit dem Segen des Fürstenhauses das Geldspielgesetz. Im August 2017 eröffnete mit dem Casino Admiral in Ruggell die erste Spielbank. Zwei Monate später folgte jene in der Nachbargemeinde Schaanwald.

Zu den Politikern, die lange für eine liberale Glücksspielpolitik gekämpft hatten, gehörte bis zu seinem Ausscheiden 2013 Wirtschaftsminister Martin Meyer. Inzwischen profitiert er selbst davon, als Chef der Immobiliengruppe ITW, die im Spielcasino-Markt kräftig mitmischt. So in Balzers ganz im Süden des Landes, wo sich Widerstand rührt. Bürger haben eine Initiative gegen das Spielbank-Vorhaben gestartet und Klage vor dem Landgericht in Vaduz eingereicht. Ihre juristischen Chancen stehen allerdings schlecht, wie ein erster Verhandlungstermin Ende August erwies. Auch ausserhalb des Gerichtssaals wird der Kampf nicht zimperlich geführt. Angeblich drohen potenzielle Casino-Betreiber renitenten Bürgern mit Schadenersatzklagen.

Sorgen um das Imagedes Fürstentums

Allerdings mehren sich die Stimmen im Fürstentum, denen der Spielrausch allmählich zu heftig wird. «In der Bevölkerung ist die Angst vor einem Klein Las Vegas gross», notierte das «Vaterland», die Parteizeitung der mitregierenden Vaterländischen Union. Sie schreibt über «Sorgen und Ängste in der Bevölkerung» und setzt sich für eine «sinnvolle Eingrenzung» ein, was die Zahl der Casinos angeht.

Die nötige Lizenz zu erhalten, ist für Betreiber bislang sehr einfach; nun wird vorsichtig darüber nachgedacht, keine neuen Spielbanken mehr zuzulassen. Bisherige Investoren in Spielbanken dürften aber nicht durch strengere Auflagen oder höhere Abgaben verschreckt werden, so die Regierung.

Die Oppositionspartei Freie Liste fordert hingegen drastische Verschärfungen wie etwa eine Verdoppelung der Abgabe. Um die Dimension der Zockerei zu verdeutlichen, wählte ihr Landtagsabgeordneter Thomas Lageder vorige Woche einen prägnanten Vergleich: «Zwei Casinos zusammen haben 2018 ungefähr ein Drittel des Gewinns der Landesbank gemacht.» Das staatliche Geldhaus ist immerhin die Nummer zwei am bekanntlich nicht kleinen Liechtensteiner Bankenmarkt.

«Die Leute, die spielen wollen, werden spielen – ob nun hier in einem Casino oder irgendwo anders.»Landesfürst Hans-Adam II

Auch am Finanzplatz wachsen die Befürchtungen, die Spielwut könnte sich negativ auf das Image des Fürstentums auswirken. Mit viel Mühe hat sich Liechtenstein nach vielen Steuerskandalen in den vergangenen Jahren vom internationalen Pranger als Geldwaschanlage und Steuer­oase weggekämpft.

Mit vielen Ländern tauscht das Fürstentum inzwischen Informationen über steuerrelevante Einkünfte ausländischer ­Anleger aus. Emsig sind die Vertreter von Regierung und Finanzplatz unterwegs, um den skeptischen Rest der Welt davon zu überzeugen, dass Liechtenstein ein sauberer Finanzplatz geworden sei. Ein neues Etikett als Spielhölle ist vor diesem Hintergrund kontraproduktiv, wie Finanzmarktvertreter und Politiker hinter vorgehaltener Hand einräumen.

Offenes Aufbegehren allerdings ist nicht so einfach, schliesslich hat Landesfürst Hans-Adam II. seine Untertanen wissen lassen, er halte es für ­ völlig egal, ob Liechtenstein zwei oder zwanzig Spielcasinos habe. «Die Leute, die spielen wollen, werden spielen – ob nun hier in einem Casino oder irgendwo anders. Ich sehe hier kein riesiges Problem», sagte er.

Umso bemerkenswerter, dass der revolutionärer Umtriebe ­völlig unverdächtige Landtagspräsident Albert Frick dem Monarchen vor wenigen Tagen in die Parade fuhr und öffentlich bekundete, er sei anderer Meinung. Frick warf die Frage auf, die sich viele Liechtensteiner stellen: Dem Land geht es wirtschaftlich exzellent, sein Ruf ist deutlich besser geworden, der Wohlstand ist enorm – braucht es da tatsächlich auch noch all die Zockerei?

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