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Raiffeisen-Affäre könnte für Verwaltungsräte teuer werden

Falls Ex-Chef Pierin Vincenz der Bank geschadet hat, muss der Verwaltungsrat mit Regressforderungen rechnen.

Die laufenden Ermittlungen kosten die Raiffeisen wohl deutlich über 10 Millionen Franken. Foto: Samuel Schalch
Die laufenden Ermittlungen kosten die Raiffeisen wohl deutlich über 10 Millionen Franken. Foto: Samuel Schalch

Mit dem Abgang von Rita Fuhrer und Angelo Jelmini sind vom alten Verwaltungsrat der Raiffeisen, dem die Finanzmarktaufsicht Finma Totalversagen vorwarf, nur noch drei Vertreter übrig: Philippe Moeschinger, Daniel Lüscher und Urs Schneider. Und sie wollen im November ebenfalls ausscheiden.

Mit ihrem Abschied ist das Kapitel Raiffeisen für sie aber möglicherweise noch nicht abgeschlossen. Sowohl der Verwaltungsrat als auch die Geschäftsleitung wurden am Wochenende nicht entlastet. Das gibt der drittgrössten Bankengruppe der Schweiz die Möglichkeit, die alte Führungsspitze mit Haftungsklagen zur Verantwortung zu ziehen, sollte Raiffeisen ein Schaden entstanden sein.

Hier preschte Interimspräsident Pascal Gantenbein in bemerkenswerter Weise vor: «Der Bericht der Finanzmarktaufsicht zeigt, dass der Raiffeisenbank kein finanzieller Schaden entstanden ist, vom Image mal abgesehen», sagte er der «SonntagsZeitung». «Ein finanzieller Rückgriff ist daher kein Thema.» In der Medienkonferenz erklärte er seine Haltung unter anderem damit, dass dank des Verkaufs der von Vincenz eingegangenen Beteiligungen Raiffeisen einen Gewinn gemacht habe.

Pascal Gantenbein hat sich nach der Delegiertenversammlung an die Medien gewandt und angekündigt, dass er sich einem Auswahlverfahren für das Präsidium stellen werde. (16. Juni 2018)
Pascal Gantenbein hat sich nach der Delegiertenversammlung an die Medien gewandt und angekündigt, dass er sich einem Auswahlverfahren für das Präsidium stellen werde. (16. Juni 2018)
Davide Agosta/Ti-Press, Keystone
Vizepräsident Gantenbein verkündete zudem den Rücktritt zweier Verwaltungsräte.
Vizepräsident Gantenbein verkündete zudem den Rücktritt zweier Verwaltungsräte.
Davide Agosta/Ti-Press, Keystone
Rund um den Hauptsitz von Raiffeisen in St.Gallen wurde eine rote, von Künstlerin Pipilotti Rist konzipierte Stadtlounge, geschaffen. Das öffentliche Wohnzimmer ist ein beliebter Treffpunkt.
Rund um den Hauptsitz von Raiffeisen in St.Gallen wurde eine rote, von Künstlerin Pipilotti Rist konzipierte Stadtlounge, geschaffen. Das öffentliche Wohnzimmer ist ein beliebter Treffpunkt.
Keystone
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Im Interview fügt Gantenbein mit Blick auf mögliche Regressforderungen zwar noch an, dass die Bank abwarten werde, was die interne Untersuchung ans Tageslicht bringe. Diese nimmt derzeit Ex-Swisslife-Präsident Bruno Gehrig mit der Kanzlei Homburger vor. Und auch Raiffeisen betont, dass hierzu noch nicht das letzte Wort gesprochen sei, Ansprüche würden «laufend» geprüft. Aber: Bis dato lässt die Bank die alten Verwaltungsräte offenbar in Ruhe.

Finanzieller Aufwand

Dabei ist nach Ansicht von Experten für Raiffeisen bereits jetzt ein finanzieller Aufwand angefallen. «Raiffeisen ist zumindest ein Schaden durch die Kosten für die laufende Untersuchung durch Bruno Gehrig und die Kanzlei Homburger entstanden», sagt Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht der Uni Bern. Was diese Ermittlung die Bank kostet, ist laut Raiffeisen noch nicht klar. Auf Anfrage erklärt eine Sprecherin, dass die Bank nicht vorhabe, die Kosten dafür zu kommunizieren.

Bereits im Januar sprach CEO Patrik Gisel von einem hohen einstelligen Millionenbetrag. Heute dürften es deutlich über 10 Millionen sein. Wenig überzeugend findet Kunz das Argument Gantenbeins, dass Raiffeisen mit den Beteiligungskäufen Gewinne gemacht habe. «Selbst wenn Raiffeisen eine Beteiligung mit Gewinn verkauft hat, heisst das noch lange nicht, dass der Bank hier kein Schaden entstanden ist», sagt Kunz. «Um das zu bemessen, muss geklärt werden, ob der Kaufpreis überrissen war.»

Video – «Ich hatte mit Pierin Vincenz keinen Kontakt»

Patrik Gisel, Chef der Raiffeisen Schweiz, über die schwierige Delegiertenversammlung. (16. Juni 2018) Video: SDA

Gantenbein stützt seine Aussage, dass bisher kein Schaden ersichtlich sei, auf den Finma-Bericht. Doch darin schliesst die Aufsicht nicht aus, dass ein Schaden vorliege. So bemängelt die Finma unter anderem, dass der Verwaltungsrat Vincenz nie dazu gezwungen habe, seine privaten Beteiligungen offenzulegen. Damit habe der Verwaltungsrat es Vincenz zumindest potenziell ermöglicht, eigene finanzielle Vorteile auf Kosten der Bank zu erzielen. Der Ex-Raiffeisen-Chef wird unter anderem verdächtigt, über den Mittelsmann Stocker am Einstieg von Raiffeisen bei der Beteiligungsfirma Investnet verdient zu haben. Vincenz bestreitet das.

Das Team um Gehrig muss noch rund 20 Beteiligungsgeschäfte untersuchen. Noch schlagkräftiger sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Zürich. Gelingt ihr der Nachweis, dass Vincenz die Bank geschädigt hat, wird es für die ausgeschiedenen Verwaltungsräte noch ungemütlich.

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«Das ist Teil einer Kommunikationsstrategie»: Wirtschaftsredaktor Holger Alich.

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