Seilbahnen wollen Gelder aus dem ÖV-Topf

Mit den Bundesgeldern für den Ausbau der Bahninfrastruktur werden nicht nur Schienen gebaut. Auch Seilbahnen möchten an den Topf. Das könnte zu versteckter Tourismusförderung führen.

Die luftige Verbindung zwischen Schattdorf und Haldi in Uri hofft auf eine Mitfinanzierung durch den Bund. Foto: Sabina Bobst (Keystone)

Die luftige Verbindung zwischen Schattdorf und Haldi in Uri hofft auf eine Mitfinanzierung durch den Bund. Foto: Sabina Bobst (Keystone)

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Vor vier Jahren sagte die Schweiz Ja zu einem Fonds für den Ausbau von Schienen, Fahrleitungen und anderer Bahn­infra­struk­tur. Die Vorlage mit dem Namen Fabi erhielt an der Urne 62 Prozent Ja-Stimmen. Auch Urs Stuber stimmte Ja. Der Thuner, der regelmässig im Wallis Ferien macht, ist nun aber negativ überrascht. Denn ein Teil des Bundesgeldes könnte für einen Seilbahnausbau verwendet werden, von dem er selbst als Feriengast betroffen wäre. «Für ein reines Wintersportprojekt», sagt er. Dafür sei das Geld des Bahninfrastrukturfonds nicht gedacht.

Bundesgelder für Tourismusprojekte – geht das? «Nein», heisst es beim Bundesamt für Verkehr, das über die Anträge entscheidet. Geld gebe es nur, wenn die Seilbahn eine Erschliessungsfunktion habe. Sprich wenn ein Dorf nicht anders als über eine Seilbahn oder nur mit Mehraufwand erreicht werden kann. Ein Beispiel ist das autofreie ­Mürren im Berner Oberland, das über eine Seilbahn erschlossen ist. Wenn eine solche Bahn die Infrastruktur erneuern muss, kann sie Geld aus dem Fonds ­beantragen.

Allerdings: Ob eine Seilbahn eine Erschliessungsfunktion hat oder nicht, ist nicht immer einfach zu beurteilen. Denn in vielen Fällen wird die Bahn sowohl von der einheimischen Bevölkerung als auch von Touristen genutzt. Damit haben Gemeinden einen Anreiz, ihrer Seilbahn eine Erschliessungsfunktion nachzuweisen, auch wenn eine Investition in erster Linie den Tourismus fördern soll. Denn nur so kommen sie an Bundesgeld. Die Beurteilung, ob eine Erschliessungsfunktion gegeben ist oder nicht, ist daher heikel. «Ich beneide das Bundesamt für Verkehr nicht um diese Entscheidungen», sagt Christian Laesser, Tourismusprofessor an der Universität St. Gallen.

Ob eine Seilbahn eine Erschliessungsfunktion hat oder nicht, ist nicht immer einfach zu beurteilen. 

Drei Gesuche für eine Mitfinanzierung sind derzeit beim Bundesamt hängig. Sie stammen von den Seilbahnen Stalden–Staldenried und Betten Talstation–Betten Dorf, die sich beide im Wallis befinden, sowie von der Seilbahn Schattdorf–Haldi in Uri. Bei einem Teil dürfte eine Mitfinanzierung durch den Bund unumstritten sein.

Ein umstrittenes Beispiel ist jedoch die projektierte Bahn im Wallis, gegen die sich Feriengast Urs Stuber wehrt – wegen eines Ferienhauses seiner Familie, das sich unter der geplanten Linie befinde. Und weil er es nicht angebracht findet, dass für ein solches Projekt Bundesgeld beantragt werden soll.

Direkt ins Skigebiet gondeln

Die Seilbahn soll vom Dorf Fiesch auf die Sonnenterrasse Bellwald führen. Sie soll eine in die Jahre gekommene bestehende Seilbahn ersetzen. Aber geplant ist nicht einfach ein Ersatz, sondern eine Erweiterung. Die heutige Seilbahn führt zum Dorfkern von Bellwald. Dort ist Endstation. Die neue Seilbahn soll hingegen ins Skigebiet von Bellwald fahren und unterwegs einen Zwischenstopp einlegen: Dieser ist aber am Dorfrand von Bellwald geplant, die neue Bahn fährt damit nicht wie die alte das Dorfzentrum an.

Für den Grossteil der Dorfbevölkerung wäre die neue Streckenführung ein Nachteil. Sie muss einen weiteren Weg zur Station zurücklegen. «Die permanente Wohnbevölkerung wird dann eher Auto fahren», sagt Stuber, der eine Renovation der bestehenden Seilbahn für sinnvoller hält.

Dem Tourismus wäre die Direktverbindung ins Skigebiet hingegen zuträglich. Zumal das Skigebiet von Bellwald über die neue Seilbahn an die grosse Wintersportregion Aletsch-Arena angebunden würde. Das Skigebiet mit Fiescheralp, Bettmeralp und Riederalp ist nämlich ebenfalls per Seilbahn von Fiesch aus erreichbar. Feriengäste könnten also von Bellwald her mit einmal ­umsteigen in Fiesch in die Aletsch-Arena gelangen. Bislang ist das nicht möglich. Denn die Talstation der bisherigen Seilbahn liegt nicht in Fiesch, sondern im kleinen Weiler Fürgangen.

Die Direktverbindung ins grössere Fiesch dürfte zwar auch für die Bellwalder Einwohner praktisch sein. Aber selbst der Bellwalder Gemeindepräsident Martin Bittel verhehlt nicht, dass die neue Anlage den Tourismus ankurbeln soll. Der obere Teil der Seilbahn, der von Bellwald Dorf zur Talstation der touristischen Anlagen führt, würde ja vor allem dem Tourismus dienen. «Diesen Teil müssen wir aber auch grösstenteils selbst berappen», sagt Bittel. Allerdings ist unklar, ob die gesamte Anlage ohne das Geld des Bundes überhaupt realisiert werden könnte.

Aus den Projektunterlagen geht hervor, dass die Gemeinde fest mit einem Bundesbeitrag rechnet, da es sich um ein «Fabi-Projekt» handle. Die Gesamtkosten werden auf 16,5 Millionen Franken geschätzt. Die Gemeinde geht davon aus, dass der Bund 50 Prozent der Kosten übernimmt. Bislang hat Bellwald über den Kanton Wallis erst eine lose Anfrage beim Bundesamt für Verkehr deponiert. Das eigentliche Gesuch muss noch eingereicht werden.

Wäre ein Bus billiger?

Tourismusprofessor Christian Laesser hält es grundsätzlich für richtig, wenn Seilbahnen Aufgaben des öffentlichen Verkehrs übernehmen – und dafür auch Geld erhalten. Es gelte jedoch, viele Abwägungen vorzunehmen: Wie stark ist die Erschliessungsfunktion zu gewichten? Wie stark soll die Bahn touristisch genutzt werden? Wie viele Leute braucht es, um eine Erschliessung zu rechtfertigen? Und müssen das Einheimische sein? Oder gehen auch Zweitwohnungsbesitzer? Gibt es eine winterfeste ­Zufahrtsstrasse? Und wenn ja, wäre es dann nicht billiger, einen Bus fahren zu lassen? Die Entscheidung sei komplex, sagt Laesser. Auch im umstrittenen Fall von Bellwald.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 22:13 Uhr

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