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16 Jahre Haft – Schmidheiny zieht Urteil weiter

Im grössten Asbest-Prozess Europas ist das Urteil gesprochen. Das Gericht in Turin hat den Schweizer Stephan Schmidheiny und den belgischen Baron Jean-Louis de Cartier zu je 16 Jahren Haft verurteilt.

Die beiden ehemaligen Mitbesitzer der Eternit S.p.A., Stephan Schmidheiny (Bild) und Baron Jean-Louis de Cartier de Marchienne wurden zu je 16 Jahren Haft verurteilt.
Die beiden ehemaligen Mitbesitzer der Eternit S.p.A., Stephan Schmidheiny (Bild) und Baron Jean-Louis de Cartier de Marchienne wurden zu je 16 Jahren Haft verurteilt.
Martin Reusch, Keystone
Holte eine 16-jährige Gefängnisstrafe heraus: Ankläger Raffaele Guariniello nach dem Urteilsspruch.
Holte eine 16-jährige Gefängnisstrafe heraus: Ankläger Raffaele Guariniello nach dem Urteilsspruch.
Keystone
Aufgrund der inzwischen eindeutig festgestellten Gesundheitsgefahren, die von Asbest ausgehen, ist der Einsatz heute in vielen Staaten verboten, unter anderem in der ganzen Europäischen Union (EU) und der Schweiz (seit 1990). Im Bild: Asbestfasern.
Aufgrund der inzwischen eindeutig festgestellten Gesundheitsgefahren, die von Asbest ausgehen, ist der Einsatz heute in vielen Staaten verboten, unter anderem in der ganzen Europäischen Union (EU) und der Schweiz (seit 1990). Im Bild: Asbestfasern.
Keystone
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Nach einem rund zweijährigen Prozess: Das Gericht in Turin hat den Schweizer Milliardär Stephan Schmidheiny und den früheren belgischen Eternit-Manager Jean-Louis Marie Ghislain de Cartier de Marchienne für schuldig befunden. Die beiden Angeklagten waren bei der Urteilsverkündung nicht anwesend. Sie müssen für je 16 Jahre ins Gefängnis.

Schmidheiny will das Urteil aber an die nächsthöhere Instanz weiterziehen. Dies kündigte sein Sprecher Peter Schürmann in einer Medienmitteilung an. Für die Verteidigung von Stephan Schmidheiny sei dieses Urteil völlig unverständlich, schreibt Schürmann. Deshalb werde es an die nächsthöhere Instanz weitergezogen. Staatsanwalt Raffaele Guariniello sprach nach der Urteilsverkündung hingegen von einem «historischen Prozess».

Die Staatsanwaltschaft hatte für die beiden ehemaligen Mitbesitzer der Eternit S. p. A. (Genua) je 20 Jahre gefordert. Die Verteidigung hatte einen Freispruch verlangt. Die Anklage gegen die beiden Unternehmer lautete auf vorsätzliche Tötung in rund 3000 Krankheits- und Todesfällen und Verursachung einer Umweltkatastrophe. Der Prozess hatte am 10. Dezember 2009 vor dem Strafgericht in Turin begonnen.

Auch Schadenersatz

Neben der 16-jährigen Haftstrafe hat das Strafgericht die Angeklagten auch zu Schadenersatzzahlungen in Millionenhöhe verurteilt. Die beiden ehemaligen Mitbesitzer der Eternit S. p. A. (Genua) müssen laut Urteil 25 Millionen Euro an die Gemeinde Casale Monferrato, 20 Millionen Euro an die Region Piemont und 15 Millionen Euro an die Inail zahlen, die staatliche italienische Unfallversicherung. De Cartier muss ausserdem der Gemeinde Cavagnolo 4 Millionen Euro Schadenersatz zahlen.

Zudem müssen die beiden Unternehmer zwischen 70'000 und 100'000 Euro an acht Organisationen bezahlen, darunter an Gewerkschaften und an den WWF. Entschädigt werden ausserdem rund 4500 Zivilparteien. Die Asbestopfer und ihre Familien sollen Schadenersatzzahlungen in der Höhe von mehrheitlich zwischen 30'000 und 35'000 Euro erhalten. Dies geht aus der vom Gerichtspräsidenten vorgelesenen Liste hervor.

Sicherheit vernachlässigt

Im Prozess ging um die Frage, wer für Sicherheitsmängel in vier italienischen Eternit-Werken verantwortlich war, in einem Zeitraum zwischen 1966 bis zum Konkurs der italienischen Holding 1986. Die betroffenen Werke: Casale Monferato und Cavagnolo (beide im Piemont), Bagnoli in Kampanien und Rubiera in Reggio Emilia. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatten Schmidheiny und de Cartier das Sagen in den italienischen Werken.

Staatsanwalt Raffaele Guariniello beschuldigt sie, absichtlich die Sicherheit in den Eternit-Werken vernachlässigt und damit asbestbedingte Erkrankungen und Todesfälle in Kauf genommen zu haben.

Die Verteidigung beklagte, der Prozess in Turin sei unfair: Unter anderem habe die Anklage den Verteidigern eine Einsicht in Krankenakten der Opfer verweigert, in dem die Staatsanwaltschaft diese nicht als Beweise eingebracht habe. Auf diesen Akten beruhten jedoch Gutachten, die im Prozess eine zentrale Rolle gespielt hätten.

«Jetzt wissen alle: Asbest ist ein Killer»

Vor der Urteilseröffnung gaben sich Angehörige der Asbest-Opfer zuversichtlich. «Egal, wie das Urteil auch ausfällt, es wird einen Sieg geben: Jetzt wissen alle, dass Asbest ein Killer ist», sagte Romana Blasotti Pavesi, Präsidentin eines Komitees von Opfern und deren Angehörigen, der Zeitung «Repubblica».

Auch Asbest-Betroffene aus Frankreich sind nach Turin gekommen, um den letzten Tag im Eternit-Prozess mitzuverfolgen. Pietro Rinalduzzi, Präsident einer Opfervereinigung, sagte, dass es in Frankreich etwa 3000 Betroffene gebe. Ausserdem erklärte er, dass das französische Gesundheitsministerium pro Opfer eine Entschädigung von 150'000 bis 200'000 Euro ausrichte. Prozesse wie in Turin habe es in Frankreich allerdings bisher nicht gegeben.

Mehrere Bürgermeister aus der Nähe von Casale Monferrato, dem Standort eines der Eternit-Werke, waren heute Morgen ebenfalls im Saal. Sie kündigten an, dort auszuharren und sich das Urteil anhören zu wollen. Der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello erwartete ein Urteil, das den Asbest-Opfern Hoffnung gebe. Er hoffe, dass dieses Urteil einen Präzedenzfall schaffen könnte, sagte er.

Grosser Ansturm

Es handelt sich um den ersten Asbest-Strafprozess und um den ersten Prozess, bei dem die Angeklagten nicht Filialleiter, sondern die höchsten Firmen-Chefs sind. Am Prozess nehmen auch über 6000 Zivilparteien teil. Die Asbest-Opfer hoffen auf Entschädigung und darauf, dass mit dem Prozess ein Präzedenzfall geschaffen wird.

Für die Urteilsverkündung in Turin wurden rund 160 Delegationen aus Italien und dem Ausland erwartet. Um für den Ansturm gerüstet zu sein, wird das Justizministerium seinen grossen Saal mit 700 und zwei weitere mit je 250 Plätzen öffnen. Daneben hat die Provinz Turin angekündigt, einen Saal mit 300 Plätzen zur Verfügung zu stellen.

SDA/mrs/bru

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