Als die Migros Flugblätter über Bern abwarf

Die Migros macht zum 125.Geburtstag des Gründers Gottlieb Duttweiler Teile ihres Archivs im Internet zugänglich. Dieses zeigt, mit welchen Widerständen die Migros bei ihrer Expansion nach Bern zu kämpfen hatte.

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Stefan Schnyder@schnyderlopez

Die Migros-Verkaufswagen waren in Bern nicht willkommen

Heute ist es kaum zu glauben: Die Migros hatte in ihren Anfängen viel Widerstand zu überwinden. Die kleinen Ladenbesitzer, die Markenartikelhersteller und bürgerliche Kreise beurteilten den Markteintritt des unkonventionellen Detailhändlers mit viel Argwohn. Im Jahr 1930 expandierte die Migros nach Bern. Nicht ohne Probleme.

Im Migros-Archiv ist diese Episode nachzulesen: «Am 25.Februar 1930 eröffnet die Migros AG den ersten Laden in Bern. Zwei Tage später fahren drei Verkaufswagen aus, und Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler telegrafiert dem Stadtpräsidenten, er solle nicht zulassen, dass ‹Geld- und Cliqueninteressen über die klaren Volksinteressen siegen.› Doch die bewilligungslosen Wagen werden von der Polizei beschlagnahmt. Am nächsten Tag regnet es Flugblätter vom Himmel. Die Verkaufswagen fahren erst nach einjährigem Prozessieren wieder. Doch bald werden die Gebühren so stark angehoben, dass die Wagen nicht mehr rentieren. Dafür machen die Berner Migros-Läden Rekordumsätze. Wie hat Duttweiler doch geschrieben: ‹Wir sagen euch, dass unser Schifflein, leicht und schlank, pfiffig gesteuert, von der Freundschaft der Konsumenten hochgehoben, über diese Woge tanzen wird!› Übrigens: Die Migros-Wagen können im Kanton Bern erst 1960 wieder fahren.» Das Beispiel zeigt: Duttweiler war ein Meister im Aushecken von unkonventionellen Formen des Protests.

Haco in Gümligen gehörte zu den ersten Lieferanten

Die Migros setzte seit ihren Anfängen voll auf Eigenmarken. Deshalb musste sie auf die Suche von Lebensmittelherstellern gehen, die bereit waren, sie zu beliefern. Die Firma Haco in Gümligen gehörte zu den ersten Lieferanten der Migros. Im Migros-Archiv ist die Zusammenarbeit beschrieben. Hier ein Auszug aus dem Text:

«Im Februar 1929 treffen sich zwei Männer mit Vornamen Gottlieb im Bahnhofbuffet Zürich. Der eine ist Migros-Gründer Duttweiler, der andere, Dr.Lüscher, ist Leiter der Haco AG. Diese 1922 gegründete Firma produziert das Malzpräparat Hacosan sowie Bouillon und Speisewürze. Duttweiler möchte diese Artikel in der Migros verkaufen, wenn auch unter anderem Namen, damit sie nicht als Haco-Produkte erkennbar sind. Das ist mehr als eine Formsache, denn die Lieferanten der Migros sind regelmässig Opfer von Boykotten der anderen Detailhändler und der Konsumgenossenschaften. Die beiden Männer werden sich schnell einig und verabreden, künftig zusammenzuarbeiten. Im August 1929 nimmt die Migros Hacosan, das sie unter dem Namen Eimalzin führt, sowie Tex-Ton-Würze, die bei der Migros Toro-Würze heisst, ins Sortiment auf. Der Lebensmittelhandel reagiert sofort mit einem Boykott der Haco-Produkte. Doch Lüscher lässt sich nicht beeindrucken.»

Ein Nachtrag: Heute erzielt Haco etwa die Hälfte des Umsatzes mit Migros-Produkten – zum Beispiel auch mit den Farmer-Stängeln.

Unter www.orangergarten.ch/archiv finden Sie weiteres historisches Matrial zur Geschicht der Migros. Das Herunterladen von Dokumenten ist für nicht kommerzielle Zwecke gratis.

Berner Zeitung

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