Der grosse Gas-Deal

Hintergrund

Der Schweizer Energiekonzern Axpo und seine Partner sollen als Gewinner aus dem Pipeline-Duell um kaspisches Gas hervorgehen. Doch worum geht es eigentlich genau? Eine Erklärung in sechs Punkten.

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Matthias Chapman@matthiaschapman

In den nächsten Tagen soll in Aserbeidschans Hauptstadt Baku der Entscheid bekannt werden, welche Pipeline für den Transport des Gases aus dem Kaspischen Meer den Zuschlag bekommt. Für die Schweiz ist die Sache darum interessant, weil mit dem Energiekonzern Axpo auch ein hiesiger Player im Spiel ist. Gestern wurde aber bereits bekannt, dass das Axpo-Konkurrenzprojekt Nabucco den Zuschlag nicht erhalten hat. Damit dürfte mit grosser Wahrscheinlichkeit klar sein, dass die Trans Adriatic Pipeline (TAP) von Axpo und Partnern morgen in Baku zum auserwählten Projekt gekürt wird.

Worum geht es? Im Kaspischen Meer wurde 1999 das Gasfeld Shah Deniz entdeckt. Es enthält jüngsten Schätzungen zufolge Gasmengen, die einem Öl-Äquivalent von bis zu 3 Milliarden Barrel entsprechen, Tendenz steigend. Die Förderung des Gases wird seit 2006 von BP betrieben. Mit Shah Deniz II weitet BP die Produktion stark aus, neue Anlagen zur Förderung und Verarbeitung werden gebaut. Shah Deniz II, welches vom Betreiber als eines der weltgrössten Gasprojekte bezeichnet wird, befindet sich noch in der Planungsphase. Erwartet wird, dass ab 2019 anfänglich 10 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich Richtung Zentraleuropa geleitet und verkauft werden können. Später sollen es mit technischen Verbesserungen bis zu 20 Milliarden Kubikmeter sein.

Wer darf das Gas transportieren? Welchen Weg das Gas aus dem Kaspischen Meer nehmen soll, war lange umstritten. Nun soll die Entscheidung aber gegen Nabucco – und damit zugunsten von TAP (Trans Adriatic Pipeline), an dem der Schweizer Energieversorger Axpo beteiligt ist – gefallen sein. Die Pipeline muss allerdings erst noch gebaut werden. Nabucco hätte den Weg von der Westküste der Türkei über osteuropäische Staaten nach Österreich gefunden. Dieses Projekt wurde von der EU favorisiert. Mit dem Projekt TAP soll das Gas von der westtürkischen Grenze durch Griechenland und die Adria nach Italien fliessen.

Was bringt der Deal Axpo? Der Schweizer Energieversorger Axpo ist mit gut 40 Prozent am Projekt TAP beteiligt. Erst jüngst reiste Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann nach Baku, um für das «Schweizer Projekt» zu werben. In erster Linie profitiert aber Axpo: nämlich, indem es an günstigeres Gas für seine Gaskraftwerke in Italien kommt. Allerdings verweist Axpo darauf, dass später auch Schweizer Endverbraucher beliefert werden könnten. Axpo hat schon Dutzende Millionen an Vorinvestitionen ins TAP-Projekt gesteckt.

Was bringt die TAP-Anbindung der Schweiz? Das Gas aus dem Kaspischen Meer sei wichtig für die Versorgungssicherheit der Schweizer Wirtschaft, sagte Bundesrat Schneider-Ammann in Baku. Dem widersprach allerdings umgehend der Verband der schweizerischen Gasindustrie, wie der VSG gegenüber SRF klarmachte. Der Schweizer Erdgasverbrauch würde zu zwei Dritteln aus Lieferungen von EU-Staaten (vor allem Norwegen) gedeckt, liess man verlauten. Nur ein Fünftel beziehe man aus Russland, und dies sei mit bindenden Verträgen abgesichert.

Wie sieht die Sache für Europa aus? Lange hatte Brüssel für Nabucco geworben. Man sah darin die bessere Chance, seine Bezugsquellen zu differenzieren und die Abhängigkeit von Russland zu verringern. Zudem hätte Nabucco den wirtschaftlich schwachen Ländern Südosteuropas wie Bulgarien, Rumänien, Serbien und Ungarn einen besseren Zugang zu günstiger Energie verschafft. Allerdings geriet das Projekt immer mehr in Bedrängnis. Der deutsche Energieversorger RWE stieg aus, Nabucco wurde als zu teuer und überdimensioniert kritisiert. Kommt hinzu, dass die mutmasslich siegreiche TAP im wirtschaftlich gebeutelten Griechenland mit geschätzten Investitionen von einer halben Milliarde Euro für einen willkommenen Konjunkturanstoss sorgt.

Wer sind die Gegner? Keine Freude an einer neuen Bezugsquelle für Gas haben die Umweltverbände. Insbesondere, dass Axpo in Italien weiter auf Gaskraftwerke zur Stromerzeugung setzt, stösst wegen des CO2-Ausstosses auf Kritik. WWF-Klimaexperte Patrick Hofstetter nannte das jüngst gegenüber SRF «sehr bedenklich». Axpo entgegnete, dass mit den Gaskraftwerken alte Stromerzeugungsanlagen, die mit Öl betrieben würden, ersetzt würden. Und so gesehen sich der CO2-Ausstoss stattdessen vermindere. Keine Freude am Gasbezug aus Aserbeidschan haben auch Menschenrechtler. Sie kritisieren den Staat am Kaspischen Meer, der autokratisch regiert wird. Demokratische Grundprinzipien würden dort nicht beachtet.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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