Neuer Anlauf für digitale Identität

Die Staats­betriebe geben Gas in Sachen Digitalisierung: Am Dienstag haben sie ihre digitale ID vorgestellt. Das Ziel: Sämtliche Online­geschäfte sollen über ihr ­Log-in erledigt werden.

Dieter ­Bambauer ­propagiert  im Namen von Post und SBB die neue Swiss-ID.

Dieter ­Bambauer ­propagiert im Namen von Post und SBB die neue Swiss-ID. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Passwörter schützen unsere Identität im Netz – und sind ein regelmässiger Quell von Ärger. Sie werden verwechselt, vergessen oder zu oft falsch eingegeben. Egal, ob fürs E-Banking, das Buchen von Flugreisen oder den ­Onlinekleiderkauf: Für alles werden verschiedene, immer kompliziertere Passwörter verlangt – über zehn sind es bereits im Schnitt für den Schweizer Internetbenutzer.

Hier wollen die SBB und die Post Abhilfe schaffen: Gemeinsam lancieren die beiden Unternehmen die Swiss-ID. Die digi­tale Identität soll das Tätigen von ­Onlinegeschäften massiv erleichtern.

Mit einem einzigen Log-in sollen Privatkunden, Unternehmen und Behörden künftig ­Zugang zu möglichst vielen Onlineangeboten erhalten – vom Abwickeln von Billettkäufen und Post- oder Bankgeschäften bis hin zum Buchen eines Hotelzimmers oder zum Kauf eines Fernsehers.

Anbieter dieses Universal-Log-ins ist die Swiss Sign AG, ein Joint Venture von Post und SBB. Ab Herbst dieses Jahres können es die Postkunden nutzen. Ab 2018 auch die Swiss-Pass-Kunden der SBB.

Kunden haben keine Wahl

Die Idee einer schweizweit einheitlichen digitalen Identität ist nicht neu. Die Suisse-ID kam bereits vor sieben Jahren auf den Markt, hat sich aber nicht etablieren können (siehe Infobox). Warum soll der nun in Englisch geschriebenen Version der gleichen ID mehr Erfolg beschieden sein?

«Anders als beim Vorläufer ist die Nutzung der neuen Swiss-ID gratis», sagt Marcel Dobler. ­Dobler ist Swiss-Sign-Verwaltungsrat, Gründer von Digitec und sitzt für die FDP St. Gallen im Nationalrat. Zudem würden SBB und Post zusammen auf einen Schlag bis zu fünf Millionen Kunden generieren.

«Das macht die Swiss-ID für weitere Partner attraktiv und schafft beste Voraussetzungen dafür, dass das Projekt ein Erfolg wird.»

Um die für den Erfolg «kri­tische Masse» an Nutzern schnellstmöglich zu erreichen, setzt das Joint Venture bei den Post- und Bahnkunden auf Zwang statt auf Freiwilligkeit. Denn: Eine Wahl, ob sie das Universal-Log-in überhaupt wollen, haben sie keine.

Das momentane Log-in auf der Homepage der Post werde ersetzt durch die Swiss-ID, und die rund 100'000 Nutzer der alten Suisse-ID würden migriert, sagt Dieter Bambauer, Leiter der Post-Logistik.

Und auch SBB-Informatikchef Peter Kummer bestätigt: «Einen Swiss Pass ohne Swiss-ID – das gibt es ab 2018 nicht getrennt voneinander.» Aus Sicht von Swiss Sign macht das Sinn.

Denn die Firma verdient nur Geld, wenn möglichst viele Onlinedienste, anstatt ein eigenes Log-in zu betreiben, das der «Swiss-ID» nutzen – und dafür bezahlen. Das Vermarkten der Kundendaten, wie die grossen Betreiber von digitalen Marktplätzen wie Google oder Facebook das tun, ist offenbar aber kein Thema.

Datenschutz gewährleistet

Zwar könne Swiss Sign Daten wie etwa hinterlegte Wohnadressen an Onlinedienstanbieter weitergeben, sagt Peter Kummer von der SBB. Allerdings nur, wenn der Kunde dies auch wünsche und ausdrücklich erlaube. «Der Datenschutz wird vollumfänglich eingehalten, und die Hoheit der Daten liegt stets in den Händen der Anwender», so Kummer.

«Der Datenschutz wird vollumfänglich eingehalten.»Peter Kummer, SBB

Weitere Anwendungsbereiche sieht Marcel Dobler zudem im Bereich E-Government. «Da die Swiss-ID verschiedene Sicherheitsanforderungen erfüllt, kann das Angebot auch für elektro­nisches Abstimmen oder die Steuererklärung genutzt werden.» Das Problem hierbei: Die Mehrheit der Bevölkerung will das gar nicht, wie 2016 eine Umfrage zum Thema Digitalisierung in der Schweiz gezeigt hat.

Konkurrenz knapp geschlagen

Auch der Zwang zur Swiss-ID könnte für die Urheber zum Problem werden: «Zwang kommt niemals gut an», sagt ein Postmitarbeiter, der mit dem Projekt vertraut ist.

Er befürchtet, dass die Kunden, die sich über die Regis­trierung beim neuen Log-in aufregen, einfach auf «abbrechen» drücken und fortan die Onlinedienste der Post nicht mehr nutzen werden.

Man habe es versäumt, für den Kunden gleich von Beginn an einen richtigen Mehrwert zu schaffen – etwa ein sichereres Log-in durch biometrisch hinterlegte Daten oder einen Rabatt auf das Generalabonnement des Partners SBB.

Ein möglicher Grund für die Versäumnisse dürfte auch der Zeitdruck gewesen sein, vermutet der Postinsider: «UBS, CS und die Swisscom arbeiten ebenfalls an einer digitalen ID, und wir wollten unbedingt die ersten sein.» Droht demnach schon bald ein Konkurrenzkampf der digitalen Identitäten in der Schweiz?

Peter Kummer betont lediglich, Gespräche zwischen Swiss Sign und den Konkurrenten seien in Gange. Aber: «Wir wollen eine einzige gemeinsame Schweizer digitale Identität, so wie wir auch nur einen Schweizer Pass be­sitzen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.05.2017, 22:45 Uhr

Erfolglose 1.?Version

In der Schweiz existiert bereits eine digitale Identität. 2010 kam die Suisse-ID auf den Markt, treibende Kraft dahinter war das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

Doch kaum jemand interessierte sich dafür: Bis heute haben sich nur gut 100'000 Nutzer für die ID registriert – wohl auch wegen des Preises: Für Private kostet die Benutzung der Suisse-ID über drei Jahre 147 Franken. bit

Artikel zum Thema

«Es gibt auch gute Gründe dafür, die Digitalisierung zu fürchten»

Statt die Digitalisierung zu verteufeln oder zu überhöhen, sollten wir fragen, wie man sie genau nutzen und ihre Risiken minimieren kann, sagt der Berner Fachhochschuldozent Reinhard Riedl. Ein Crashkurs, wie man die Zukunft besser managt. Mehr...

SBB testen ferngesteuerte Züge

VIDEO Mehr Züge und tiefere Kosten, gleichzeitig weniger Störungen. Dieses Wunder versprechen sich die SBB von der Digitalisierung des Netzes. Dazu prüfen sie selbstfahrende Züge ohne Lokführer. Mehr...

Kommen die Bücher bald mit Drohnen?

Thun Der 13. Mobilitätsapéro ging auf Chancen und Gefahren ein, die mit der rasanten Digitalisierung einhergehen. In einer Podiumsdiskussion wurden verschiedene Aspekte beleuchtet. Mehr...

Newsletter

Immer die Region zuerst. Am Wochenende.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende.
Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

«Alle Bilette vorweisen»: An der Welt-Roboter-Ausstellung in China, beobachtet ein Kind eines leuchtenden Roboter. (23.August 2017)
(Bild: AP Photo/Andy Wong) Mehr...