«Airbus statt Boeing und keine iPhones mehr in China»

Trump verhängt Strafzölle, Peking schlägt zurück. Im Fokus: Boeing, Apple, Intel und weitere US-Firmen.

Keine Hand zur Versöhnung: US-Präsident Donald Trump will mit China nicht verhandeln.

Keine Hand zur Versöhnung: US-Präsident Donald Trump will mit China nicht verhandeln.

(Bild: Reuters Thomas Peter)

Christoph Giesen@christophgiesen

Frieden stand nur ganz kurz auf der Agenda von Donald Trump. Noch am Dienstag präsentierte er sich beim historischen Treffen mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un als Pfleger der Weltgemeinschaft. Am Freitag kehrte der amerikanische Präsident zu seinem Kerngeschäft zurück: Streit.

Wie im März angekündigt, verhängte er Strafzölle von 50 Milliarden Dollar auf Waren aus China. Er wirft der Wirtschaftsmacht in Fernost vor, systematisch das geistige Eigentum von US-Firmen zu verletzen. Trump will nicht nur das Handelsdefizit senken, er will auch den Plan Chinas torpedieren, die heimischen Zukunftsindustrien zu stärken. Betroffen von den amerikanischen Zöllen dürften vor allem Firmen sein, die Handys, Kameras oder Kühlschränke produzieren. Beim Haushaltsgerätehersteller Midea liegt der Exportanteil bei 40 Prozent, bei der Elektronikfirma TCL sogar um die 44 Prozent.

Welche Auswirkungen haben Trumps Zölle? So exportabhängig wie noch vor einigen Jahren ist Chinas Volkswirtschaft nicht mehr. Nur noch etwa 20 Prozent der Wirtschaftsleistung werden durch Ausfuhren gedeckt. Die meisten Firmen, die von den Zöllen betroffen sind, produzieren in Südchina. Die Sorge dort ist vor allem eine soziale: Hunderttausende Wanderarbeiter könnten plötzlich arbeitslos werden. Die USA müssen sich daher auf sofortige Vergeltung aus China einstellen. Man werde «umgehend reagieren und die erforderlichen Massnahmen ergreifen, um unsere legitimen Rechte und Interessen entschlossen zu schützen», so ein Sprecher des Aussenministeriums.

Airbus statt Boeing

Bereits im April hatte Peking eine Liste mit US-Exportprodukten im Wert von 50 Milliarden Dollar vorgelegt, bei ­deren Einfuhr künftig eine zusätzliche Abgabe von 25 Prozent fällig werden könnte. Die Vergeltungsmassnahmen zielen auf US-Produkte aus industriellen ländlichen Regionen, wo viele Trump-Wähler leben. Zu den Produkten gehören Soja, Rindfleisch, Baumwolle und Flugzeuge.


Video – China warnt vor Handelskrieg

«China ist bereit für eine blutige Schlacht»: Bereits im März machte Chinas Präsident Xi Jinping im Handelsstreit eine starke Ansage an die USA. (Video: Tamedia/AFP)


Der Konflikt könnte sich schnell weiten: Betroffen wären dann amerikanische Unternehmen. Wie das aussehen kann, hatte ein chinesisches Parteiblatt schon kurz nach Trumps Wahlsieg skizziert: «Eine Charge von Boeing-Aufträgen würde durch Airbus ersetzt, amerikanische Autos und iPhones hätten es schwer in China.»

Welche Firmen im ­Fokus stehen, listete kürzlich die «Volkszeitung», das Sprachrohr der Kommunistischen Partei auf: Boeing, Apple, Intel, Qualcomm und Texas Instruments. Apple zum Beispiel setzt pro Quartal 18 Milliarden Dollar in China um – das entspricht 20 Prozent des weltweiten Absatzes.

Handelsdefizit von 70 Milliarden

Monatelang versuchten die Chinesen, mit Trumps Leuten zu verhandeln. Zuletzt war Peking bereit, deutliche Zugeständnisse zu machen und das Handelsdefizit mit den Vereinigten Staaten dramatisch zu senken. 70 Milliarden und mehr stehen im Raum. Trotzdem verkündete Trump am Freitag die neuen Zölle. Es laufe im Handel seit langem unfair. Zwar seien ihm die Freundschaft zu Präsident Xi Jinping und das Verhältnis zu China sehr wichtig. Dennoch sei die Situation nicht länger hinzunehmen.

«China ist Trumps Hauptgegner», erklärt Jens Südekum, Ökonom an der Universität Düsseldorf. «Das Handelsbilanzdefizit ist ja sein Fetisch.» Drei Viertel des Leistungsbilanzdefizits der USA komme aus dem Handel mit China.

Video – USA verhängen Zölle gegen EU

Donald Trump macht Ernst: Die USA verhängen Strafzölle auf Stahl und Aluminium. (Video: Reuters)

Beim Handel mit Europa ist die Situation anders. Zwar exportiert auch die EU deutlich mehr nach Amerika als umgekehrt. Gleichzeitig erzielen die USA bei Dienstleistungen und Gewinnen vor allem ihrer Digitalkonzerne von Amazon bis Google einen grossen Überschuss gegenüber Europa.

«Das sind Präventivzölle»

Trump geht es offenbar auch um die industrielle Vorherrschaft in der Zukunft. So enthält die Strafzollliste auch Hochtechnologie wie Satelliten, Halbleiter oder Batterien für selbstfahrende Autos. Diese Güter exportiert China noch kaum. «Das sind Präventivzölle. Der Zugang zum US-Markt wird präventiv blockiert», sagt Südekum.

Trump hatte in der Vergangenheit gefordert, die chinesische Regierung solle das Industrieprogramm «Made in China 2025» aufgeben. 2015 verkündet, ist dies die ehrgeizigste industriepolitische Agenda der Welt. Mit Hunderten Milliarden Dollar fördert der Staat in den kommenden Jahren die heimische Wirtschaft, um chinesische Weltmarktführer in etlichen Branchen zu schaffen, in der Medizintechnik genauso wie im Halbleiter- oder Autobau. In Washington, aber auch in Berlin oder Paris stösst das auf Widerstand.

«Trump zeigt dem Multilateralismus im Welthandel die Rote Karte», sagt ein EU-Diplomat. Die Europäer sollten sich seit dem G-7-Gipfel keine Illusionen mehr machen: «Trump war in seinem früheren Leben ein Geschäftsmann, und genauso agiert er auch als Präsident. Des anderen Nachteil ist sein Vorteil. Am Kompromiss, der beiden Seiten entgegenkommt, scheint er nicht interessiert zu sein.»


Das bedeuten Trumps Strafzölle für die SchweizErst wenn Trump die Sanktionen ausbaut, könne es die Schweizer Wirtschaft treffen. (Washington, 7. März 2018) Bild: Mandel Ngan/AFP

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