Coop entfernt Lasagne aus Regalen

Hintergrund

Das Produkt, eine Eigenmarke, stammt vom französischen Hersteller Comigel. In Bern, Aarau und in der Westschweiz werden derweil Dutzende von Fleischsaucen und auch Hamburger überprüft.

Aus dem Verkauf gezogen: Die Fertiglasagne der Coop-Eigenmarke.

Aus dem Verkauf gezogen: Die Fertiglasagne der Coop-Eigenmarke.

(Bild: Keystone)

Angela Barandun@abarandun
Oliver Meiler@tagesanzeiger

Noch ist nicht klar, ob auch Schweizer Konsumenten Produkte mit Pferde- statt Rindfleisch gegessen haben. Vorsorglich hat Coop allerdings eine Lasagne seiner Eigenmarke aus den Tiefkühlregalen entfernt: Sie stammt von Comigel – dem französischen Hersteller der Fertiggerichte, die in Grossbritannien für einen Aufschrei sorgten. «Die Abklärungen laufen, ob und inwieweit die Ware falsch deklarierte Fleischsorten enthielt», sagt Coop-Sprecher Urs Meier. Der Grossverteiler führt zudem Stichproben bei weiteren Produkten durch – nur um auf Nummer sicher zu gehen, so Meier.

Parallel dazu sind die Kantonschemiker aktiv geworden: Das Kantonale Labor Bern überprüft 30 verschiedene Proben von Fertiglasagne aus sämtlichen Grossverteilern. Im Aargau werden ebenfalls 30 Proben von Fleischsaucen und Hamburgern überprüft. Der Kanton Waadt kümmert sich um die Produkte aus der Westschweiz. Ergebnisse sollen bis Ende Woche vorliegen, sagt Otmar Deflorin, oberster Kantonschemiker.

«Aussergewöhnliche» Aktion

Der Vertreter des Kantonalen Labors Bern bezeichnet die Aktion als «aussergewöhnlich». «Allerdings handelt es sich auch um ein aussergewöhnliches Ereignis», so Deflorin. Weil in Grossbritannien bis zu 100 Prozent Pferdefleisch in den Proben gefunden wurden, geht er von einem «gezielten Betrugsversuch» aus. «Ich bin etwas erstaunt, dass es innerhalb der EU zu einem solchen Fall gekommen ist», sagt der Experte. Schliesslich würden dort die gleichen Regeln gelten wie in der Schweiz. «Bei entsprechender krimineller Energie kann man so etwas aber nie ganz ausschliessen.»

Es wäre nicht das erste Mal, dass Fleischerzeugnisse in der Schweiz mit günstigem Pferdefleisch gestreckt wurden. 2005 fand das Amt für Verbraucherschutz Aargau in einem Drittel der getesteten Würste Pferdefleisch. Der Anteil betrug zwischen 10 und 40 Prozent. Allerdings glaubte man, das Problem im Griff zu haben: 2011 zeigte eine Analyse von Ravioli keine Spuren von Pferdefleisch. Zürich testete Würste, ebenfalls ohne auf Pferd zu stossen.

«Nicht-konformes» Rohmaterial

Comigel hatte seine Abnehmer am 2. Februar gewarnt, das seit dem 1. August 2012 angelieferte Rohmaterial sei «nicht-konform». Seither haben Supermärkte in Schweden, Grossbritannien und Frankreich Millionen von Fertiggerichten entsorgt. Die französischen Behörden haben mittlerweile die Lieferkette zurückverfolgt: via Frankreich, Luxemburg, Frankreich, Zypern, Holland nach Rumänien.

Produziert wurde die Ware aber nicht von Comigel sondern von Tavola im luxemburgischen Capellen. Sie hat damit insgesamt 16 Länder beliefert. Der Leiter der luxemburgischen Veterinärinspektion, Felix Wildschütz, geht von 20 Tonnen Pferdefleisch aus, das fälschlicherweise verarbeitet worden ist. Und: Tavola sei Opfer eines Betrugs. Auch der Lieferant, die französische Spanghero, reichte die Verantwortung weiter.

Untersuchungen in Frankreich

Frankreich will dem nun auf den Grund gehen: Agenten der Generaldirektion für Wettbewerb, Konsum und Betrugsbekämpfung haben die Hauptsitze der beiden verdächtigten Firmen durchsucht: Comigel im nordfranzösischen Metz und Spanghero im südfranzösischen Castelnaudary. Die Behörden wollen herausfinden, ob die beiden Firmen wussten, woher ihre Ware kam und was darin tatsächlich enthalten war.

Sogar der Staatspräsident hat sich in die Diskussion eingeschaltet: «Es wird Sanktionen geben», sagte François Hollande, «der Staat hat hier die Pflicht, für Transparenz zu sorgen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.» Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll prangerte die «Multiplikation der Zwischenhändler» an. Er räumte ein, dass ihm erst jetzt bewusst werde, wie komplex und undurchschaubar das europaweite Handelsnetzwerk sei. Das Schlagwort sei «Rückverfolgbarkeit».

Dezidierte Voten gab es auch aus der Industrie, die das Geschäft von innen kennt. Dominique Langlois, der Präsident des französischen Berufsverbandes der Fleischproduzenten, versuchte, den Skandal als Einzelfall darzustellen: «Es reicht! Es ist an der Zeit, dass der Staat die Schuldigen bestraft. Wir fordern absolute Unnachgiebigkeit.»

Tages-Anzeiger

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