Das sind die Schlüsselpersonen im Postauto-Skandal

Der Kopf der Affäre, der Verschonte, der Ehemalige, die warnende Stimme: Ihr Zusammenspiel ermöglichte die Subventions-Tricks.

Während mehr als zehn Jahren fuhr Postauto Gewinne ein, die in der Buchhaltung versteckt wurden. Foto: Reto Oeschger

Während mehr als zehn Jahren fuhr Postauto Gewinne ein, die in der Buchhaltung versteckt wurden. Foto: Reto Oeschger

Yvonne Debrunner@yvonnedebrunner

Daniel LandolfKopf der Affäre

20 Jahre ist Daniel Landolf Chef von Postauto. 20 Jahre, die unrühmlich enden. Drei Monate vor seiner Frühpensionierung werden die Buchungstricks publik. Lan­dolf zieht seinen Rücktritt vor. Er und der Finanzchef von Postauto sind die ersten Opfer des Skandals. Ein Bauernopfer ist Landolf aber nicht, wie die Untersuchungsberichte zeigen. Die widerrechtlichen Umbuchungen geschehen während des gesamten Untersuchungszeitraums unter seiner Ägide.

Die Berichte zeigen aber auch: Lan­dolf glaubt, Rückendeckung von oben zu haben. Schliesslich ist etwa Post-Finanzchef Pascal Koradi informiert. Ende 2017, als Landolf die Affäre um die Ohren fliegt, schreibt er Susanne Ruoff, die Umbuchungen seien «jahrelang gängige Praxis» gewesen und im Einvernehmen mit der Finanzabteilung des Konzerns erfolgt. «Sie wurden bisher von keiner Seite als nicht korrekt oder gar als nicht gesetzeskonform taxiert.» Er erwähnt auch, dass der Verwaltungsratsausschuss Audit & Risk 2013 über die Buchungspraxis orientiert worden sei. Dieser habe keinen Handlungsbedarf festgestellt. Postauto habe daher davon ausgehen können, «dass die Buchungspraxis ordnungsgemäss sei», schreibt Landolf.

«Ich bin erschüttert»: Post-Präsident Urs Schwaller an der Medienkonferenz zum Untersuchungsbericht. (Video: Tamedia)

Sie ist es natürlich nicht. Aber sie ist das Mittel, mit dem Landolf die internen Gewinnziele erreicht. Obwohl Postauto 85 Prozent des Umsatzes im regionalen Personenverkehr erzielt. Und obwohl dieser Bereich keine nennenswerten Gewinne erzielen darf. So stellt die interne Revision 2013 fest: «Die Geschäftsleitung von Postauto ist sich des Risikos bewusst, sieht aber in Anbetracht der für Postauto definierten Gewinnziele zurzeit keine andere Möglichkeit.» Doch zu der Zeit gerät das System bereits unter Druck. Der Preisüberwacher stellt kritische Fragen. In einer internen Postauto-Präsentation von 2013 heisst es, mit «kreativer» Buchhaltung seien die Gewinne nicht zu retten: «Preisüberwacher und das BAV haben die heutigen Gewinnsicherungsmassnahmen durchschaut.»

Landolf stösst daher das Projekt Impresa an, das anfangs Value Safe heisst. Ein Unternehmensumbau mit dem Ziel, weiter überhöhte Subventionen beziehen zu können. Landolf glaubt, so den Zielkonflikt gelöst zu haben. Seine Lösung ist von kurzer Dauer.

Adriano VassalliBislang verschont

Adriano Vassalli, Tessiner Wirtschaftsprüfer und Präsident des Verwaltungsratsausschusses Audit & Risk der Post, steht seit Montag im Fokus der Öffentlichkeit. Der Grund: Der Untersuchungs­bericht zu Postauto, der Anfang Woche erschien, wirft kein gutes Licht auf ihn.

November 2015: Vassalli will dem Bundesamt für Verkehr die Einsicht in Revisionsberichte zu Postauto verwehren. Februar 2018: Vassalli ist der ­Einzige, der an einer Verwaltungsrats­sitzung gegen die Rückzahlung des gesamten Betrags von 78,5Millionen Franken stimmt. Ebenfalls Februar 2018: Die Untersuchung zum Postauto-Skandal läuft. Der «Blick» publiziert eine Aktennotiz aus dem Jahr 2013. Sie zeigt, dass die interne Revision der Post die oberste Führungsetage über die Umbuchungen informiert hat. Gleichentags, 11.31 Uhr, schreibt Vassalli eine E-Mail an die interne Revision. Er hält fest, er habe die entsprechende Information nicht per E-Mail erhalten. Antwort der Revision: «Du bekommst die Berichte auf Papier. Das ist nicht nachweisbar.» Ob Vassalli die Notiz tatsächlich erhalten hat oder nicht, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Bundesrätin Doris Leuthard stellt sich diese Woche dennoch vor Vassalli, indem sie sagt, die Mitglieder des Audit-­Komitees hätten nachweisen können, dass sie die Aktennotiz nicht erhalten hätten. «Es gibt auch kein E-Mail, welches das belegen würde. Das wurde kontrolliert», so Leuthard. Dank der bundesrätlichen Rückendeckung kann sich Vassalli bislang im Amt halten, obwohl sein Ruf angekratzt ist und die Rücktrittsforderungen lauter werden. Er hat sich mit dem Bundesrat darauf geeinigt, im Frühjahr 2019 nicht mehr zur Wiederwahl anzutreten. Dann ist er ohnehin im Pensionsalter.

Ob er tatsächlich bis dann bleibt, ist fraglich. SRF hat unterdessen publik gemacht, dass die externen Gutachter Vassalli in unveröffentlichten Passagen ihres Berichts «erhebliche Pflichtverletzungen» vorwerfen. Selbst für den Fall, dass er die fragliche Aktennotiz nicht erhalten hat, werfen sie ihm eine Pflichtver­letzung vor, allerdings eine weniger schwere. In den AZ- und NZZ-Regionalmedien wehrt sich Vassalli gegen die Vorwürfe und kündigt an, er werde gerichtlich vorgehen, sollte seine Integrität verletzt werden.

Peter HaslerDer Ehemalige

«Der Mann, der Ruhe brachte» – unter diesem Titel erschien im April 2016 ein Porträt über Peter Hasler in der Personal­zeitung der Post. Es war die Woche, bevor Hasler nach sechs Jahren als Verwaltungsratspräsident der Post den Rücken kehrte. In dem Artikel hiess es, «die Rädchen im Unternehmen bis ins kleinste Detail zu kennen», sei eine Motivation für «einen Leader wie ihn».

Offenbar kannte Peter Hasler die ­Rädchen doch nicht bis ins kleinste ­Detail. Und das, obwohl es Hinweise auf die Vorgänge bei Postauto gab, die ihn hätten hellhörig machen müssen, wie der Untersuchungsbericht zeigt. An einer Sitzung im September 2011 beispielsweise erläutert Postauto-Chef Daniel Landolf seinen Zielkonflikt: Der Konzern gibt Gewinnziele vor. Das Bundesamt für Verkehr verlangt gleichzeitig, dass im regionalen Personen­verkehr keine systematischen Gewinne erzielt werden.

Heikel für Hasler ist aber insbesondere, dass er gemäss Untersuchungsbericht zu den Empfängern der Aktennotiz vom August 2013 gehört. In dieser weist die interne Revision der Post auf die Geldflüsse «zulasten des öffentlich finanzierten Verkehrs» hin. Hasler sagt gegenüber thunertagblatt.ch/Newsnetz, er habe die Aktennotiz auf elektronischem Weg nicht erhalten. Alle Postakten auf Papier habe er fortgeworfen. Er könne deshalb wohl mit ähnlicher Gewissheit wie die beiden Verwaltungsräte Adriano Vassalli und Susanne Blank behaupten, dass auch er die Notiz nicht erhalten habe. Beweisen könne er das aber logischerweise nicht. «Ob die Notiz damals auf dem Tisch lag, ob sie nur zitiert wurde oder nichts von beidem, weiss ich natürlich nicht mehr. Gewiss hat im Ausschuss keine Diskussion über das Papier stattgefunden, da könnte man sich wohl am ehesten noch erinnern», so Hasler.

Bundesrätin Doris Leuthard kritisierte Hasler am Montag bei ihrem Auftritt vor den Medien öffentlich. Zwar nannte sie nicht seinen Namen, doch die Formulierung war eindeutig. Der heutige Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller habe «richtig gehandelt und seine Pflichten nicht vernachlässigt», sagte sie. «Beim vormaligen Verwaltungsratspräsident kommen die Berichte zu einem anderen Schluss.» Ihm sei allenfalls ein Vorwurf zu machen.

Martina Z.Warnende Stimme

Sie gilt als gewissenhaft und pflichtbewusst: Martina Z., Leiterin der internen Revision der Post. Nach 20 Jahren bei der Post will sie sich ordentlich frühpensionieren lassen. Doch das wird ihr verwehrt. Anfang dieser Woche wird sie per sofort freigestellt – obwohl sie schon 2013 vor den Gefahren der Buchungstricks gewarnt hat.

Martina Z. und ihre Leute stossen 2013 während der sogenannten Prüfung Ortsbus auf die widerrechtlichen Buchungstricks. Sie verfassen einen Prüfbericht und schreiben: «Es besteht ein massgebliches Risiko, würde der Regulator von diesem Vorgehen erfahren.» Später streichen sie den Abschnitt zu den Umbuchungen wieder aus dem Prüfbericht – auch weil Martina Z. das so vorschlägt. Sie hält die Sache für zu heikel, um sie im ordentlichen Prüfbericht zu belassen. Stattdessen verfassen sie und eine ihrer Mitarbeiterinnen eine Aktennotiz an den Verwaltungsratsausschuss Audit & Risk. In dieser weisen sie darauf hin, dass «Kos­ten­um­bu­chun­gen zulasten öffentlich finanzierter Verkehr vorgenommen» würden. Zum Verhängnis wird Martina Z. der letzte Satz ihrer Aktennotiz. Sie schreibt, für den Verwaltungsratsausschuss bestehe «kein Handlungsbedarf». Diese Aktennotiz diene der Information. Der Verwaltungsratsausschuss beschliesst folglich an seiner nächsten Sitzung: Kein Handlungsbedarf. Weshalb beschied sie, es gebe keinen Handlungsbedarf? Offenbar aus formalen Gründen, wie eine gut informierte Quelle sagt. Der Verwaltungsratsausschuss sei schliesslich kein operatives Gremium. Handeln hätte die Konzernleitung müssen. Und diese wurde ebenfalls informiert. Auf dem Verteiler der Aktennotiz waren auch Postauto-Chef Daniel Landolf, Post-Finanzchef Pascal Koradi und Post-Chefin Susanne Ruoff.

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Die Post wirft Martina Z. aber vor, zu wenig deutlich auf die Missstände hingewiesen zu haben, wie die gut informierte Quelle sagt. So hätte sie mit ihrem Befund beispielsweise direkt zum Gesamtverwaltungsrat gehen können. Martina Z. tat das nicht. Sie hielt den Dienstweg ein. Formale Korrektheit, die nun bestraft wird.

Eine sofortige Freistellung bedeutet: Man muss nicht mehr zur Arbeit, erhält aber bis zum Ablauf der Kündigungsfrist noch den Lohn. Manch einer dürfte das gar nicht so schlimm finden. Martina Z. aber hadert damit. Sie sieht es als Kritik an ihrer langjährigen Arbeit. Im Moment ist sie krankgeschrieben.

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