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Die Eigenkapital-Lüge

Auch die USA wollen nun Banken zwingen, mehr Eigenkapital zu halten. Die Banker wehren sich – und machen Schaden zulasten der Wirtschaft geltend. Das ist Humbug.

Hier soll der Return on Investment möglichst gross sein und das geht am besten mit tiefem Eigenkapital: Epizentrum der Finanzindustrie in New York, die Wall Street.
Hier soll der Return on Investment möglichst gross sein und das geht am besten mit tiefem Eigenkapital: Epizentrum der Finanzindustrie in New York, die Wall Street.
Justin Tallis, AFP

Auch die US-Notenbank, das Fed, will nun höhere Eigenkapitalvorschriften für die Banken. Reaktionen der Betroffenen waren ebenso voraussehbar wie prompt: Wenn die Banken mehr teures Eigenkapital halten müssten, dann würden die Kredite an die Unternehmen teurer werden, jammerte die American Bankers Association. Das wiederum würde das Wachstum der Wirtschaft bremsen und neue Jobs verhindern. Andere sprachen sogar von einer «Horrorstory für die Grossbanken». Was ist davon zu halten?

Mit dem Eigenkapital haftet ein Unternehmen im Krisenfall. Wenn eine Aktiengesellschaft oder eine GmbH pleite geht, dann wird als Erstes das Eigenkapital aufgezehrt. Je höher das Eigenkapital, desto sicherer ist daher ein Unternehmen. Bei einer gut geführten Firma sinkt die Eigenkapitalquote daher nicht unter 30 Prozent, in der Regel liegt sie zwischen 40 und 60 Prozent. Wer mit einer solchen Firma geschäftet, kann sich darauf verlassen, dass er bei einem Bankrott mindestens einen substanziellen Teil seiner Forderungen erhält.

Wie Banken finanziert sind

Bei Banken hingegen verhält es sich anders. Ihre Eigenkapitalquote liegt weit tiefer. Martin Hellwig, Deutschlands renommiertester Finanzökonom, stellt fest: «Banken verlassen sich in grossem Ausmass auf fremdes Geld und verfügen typischerweise über weniger als 10 Prozent Eigenkapital, oft sogar bloss 5 Prozent ihrer Bilanzsumme.» Zusammen mit Anat Admati hat Hellwig kürzlich das Buch «The Bankers New Clothes» veröffentlicht. Darin untersucht er im Detail, wie Banken finanziert sind, warum sie ein Interesse an einer möglichst tiefen Eigenkapitalquote haben und weshalb sie daher nicht immer die Wahrheit erzählen. Das Buch wird demnächst in deutscher Übersetzung erscheinen.

Bankgeschäfte sind mit viel Risiko behaftet. Logischerweise müssten die Finanzinstitute daher mit einem besonders dicken Eigenkapitalpolster geschützt sein. Warum ist dies nicht der Fall? Die wichtigste Kennzahl für Banker ist die Eigenkapitalrendite, meist ROE abgekürzt (vom englischen Begriff Return on Equity). Sie zeigt an, wie viel Rendite der Aktionär auf seine Investition erhält.

Dünne Eigenkapitaldecke, dicker Bonus

Gemäss dem Hebelgesetz gilt: Je tiefer das Eigenkapital, desto höher der ROE. Weil die Boni der Banker vom erzielten ROE abhängen, haben auch sie ein vitales Interesse an einer möglichst dünnen Eigenkapitaldecke. Nur so ist es überhaupt möglich, einen ROE von 25 Prozent und mehr zu erzielen, wie dies beispielsweise Josef Ackermann vor der Krise immer wieder gefordert hat. Seither ist man ein bisschen bescheidener geworden und spricht mittlerweile von einem ROE von 15 Prozent.

Ob 15 oder 25 Prozent, ein solcher ROE liegt deutlich über dem, was man in der realen Wirtschaft erzielen kann. Um diese Gewinnmarge zu rechtfertigen, greifen die Banker zu einem Trick: Sie bräuchten diese Margen, um die Wirtschaft mit billigem Geld zu versorgen, sagen sie. Das ist Humbug. Eigenkapital hat nichts, nada, niente mit der Kreditvergabe zu tun. Die Zinsen der Kredite hängen einzig von den Leitzinsen der Notenbanken ab.

So können Banker nur gewinnen

Die Mär von der tiefen Eigenkapitalquote kommt jedoch den Bankern zugute, vor allem wenn ihre Institute systemrelevant und damit «too big to fail» sind. In diesem Fall wissen sie, dass keine Regierung es sich leisten kann, sie in einer Krise fallen zu lassen, und das Risiko auf den Steuerzahler abwälzen muss. Dank einer tiefen Eigenkapitalquote können die Banker daher die für sie äusserst vorteilhafte Wette eingehen: «Bei Kopf gewinnen wir, bei Zahl verliert der Steuerzahler.» Wie zynisch sie diese Wette in der Realität eingehen, haben die kürzlich veröffentlichten Telefongespräche der Manager der Anglo Irish Bank gezeigt.

Um Steuerzahler zu schützen und die Sicherheit des Bankensystems zu erhöhen, ist es daher zwingend notwendig, die Eigenkapitaldecke der Finanzinstitute zu verstärken. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Arten, wie dieses Fettpolster gemessen wird. In den von den Banken selbst ausgehandelten Verfahren im Basel-III-Abkommen wird ein gewichtetes Vorgehen empfohlen. Das bedeutet, dass nicht alle Risiken gleich behandelt werden. Grössere Risiken müssen mit mehr Eigenkapital unterlegt werden. Insgesamt sieht Basel III ein gewichtetes Eigenkapital in der Höhe von 9 Prozent vor. Die Schweiz geht deutlich darüber hinaus, der sogenannte Swiss Finish setzt diese Marke bei 19 Prozent.

Zombie-Banken in Europa, Hexerei in der Schweiz

Die gewichtete Methode ist allerdings umstritten. Bis Ausbruch der Krise mussten Staatsanleihen beispielsweise mit überhaupt keinem Eigenkapital unterlegt werden. Das hat dazu geführt, dass es in Europa heute sehr viele Zombie-Banken gibt. Wenn Banken die Risiken selbst einschätzen können, dann mache man den Bock zum Gärtner, monieren deshalb Kritiker zu Recht.

Die Alternative dazu ist die sogenannte Leverage Ratio. Sie setzt das Eigenkapital ins Verhältnis zur gesamten Bilanzsumme einer Bank. Derzeit gilt eine Leverage Ratio von 3 Prozent bereits als solide. Die Schweizerische Nationalbank hat kürzlich die beiden Grossbanken gerügt, diesen Wert noch nicht erreicht zu haben. Mittelfristig soll die Marke auf 9 Prozent gehoben werden.

Für Martin Hellwig reicht auch dies bei weitem nicht aus. Er fordert eine Leverage Ratio zwischen 20 und 30 Prozent. Dieses Ziel zu erreichen, ist keine Hexerei: Die Banken müssten frisches Kapital aufnehmen oder darauf verzichten, eine Dividende auszuschütten. Darunter würde der ROE leiden – und deshalb heulen die Banken auf.

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