Die spektakuläre Flucht von Carlos Ghosn

Die Flucht des früheren Star-Automanagers von Japan in den Libanon wird zu einem internationalen Politikum.

Journalisten belagerten am Donnerstag die angebliche Unterkunft von Ghosn in Beirut. Foto: Keystone

Journalisten belagerten am Donnerstag die angebliche Unterkunft von Ghosn in Beirut. Foto: Keystone

Moritz Baumstieger@baumstieger
Thomas Fromm@SZ

Am Ende war es wohl ein bisschen so, wie nach langer Zeit nach Hause zu kommen. Der Empfang für Carlos Ghosn, den weit gereisten Topmanager der Autoindustrie, im Heimatland seiner Ehefrau und seiner Mutter soll herzlich gewesen sein. Hier im Libanon ist der Mann mit libanesischer, brasilianischer und französischer Staatsbürgerschaft beliebt, hier hat er eine grosse Anhängerschaft, die auch schon mal Plakate mit dem Spruch «Wir sind alle Carlos Ghosn» tapezieren lässt. Auch wenn Staatspräsident Michel Aoun es dementieren lässt: Der frühere Renault-Nissan-Chef soll nur wenige Stunden nach seiner Ankunft an der Levante vom Staatsoberhaupt persönlich im Baabda-Palast vor den Toren der Hauptstadt empfangen worden sein. Der Ton: warm und freundschaftlich. Ghosn habe Aoun für seine Unterstützung gedankt – ob die auch Hilfe bei seiner Flucht aus Japan mit einschloss, ist unbekannt. Angeblich jedoch soll ein Beiruter Rechtsanwalt die Geheimoperation des Carlos Ghosn koordiniert haben. Möglicherweise mit im Bilde: die Regierung in Beirut.

Der Fall des Carlos Ghosn, jenes Mannes, der einst zu den wichtigsten Figuren der globalen Managerelite gehörte, dem die japanischen Behörden Veruntreuung von Geldern und Betrug vorwerfen und der zuletzt an die 16 Millionen Euro im Jahr verdiente – dieser Fall wird damit auch immer mehr zu einer politischen Affäre. Der in Tokio unter Hausarrest stehende Ghosn soll sich in einem Instrumentenkasten versteckt haben, um unbemerkt zum Flughafen zu kommen. Eine dramatische Flucht, bei der es längst nicht mehr nur um dubiose Kontenbewegungen und fragwürdige Finanzdokumente, interne Machtkämpfe und die entscheidende Frage geht, ob in einem französisch-japanischen Autokonzern Paris oder Tokio das Sagen hat. Im Zentrum der Angelegenheit stehen auch: Japan, Libanon und Frankreich. Wer hier in den vergangenen Wochen welche Rolle gespielt hat, oder noch immer spielt, ist noch längst nicht ausgemacht.

Da ist Japan, das Land, aus dem Ghosn flüchtete und wo der 65-Jährige im November 2018 wegen angeblichen Verstosses gegen Börsenauflagen festgenommen wurde. Wo er – einige sagen, nicht zufällig – in eine kleine, kalte Zelle gesperrt wurde und nicht einmal zu Weihnachten seine Frau sehen durfte. Als Sanierer des japanischen Autoherstellers Nissan war er hier am Anfang noch ein gefeierter Star, später sahen viele in ihm offenbar jenen Manager, der das automobile Erbe des Landes an die Franzosen von Renault verscherbeln will. Gerne hätte man ihn hier wegen der Betrugsvorwürfe im Gerichtssaal gesehen, allerdings besteht zwischen Japan und dem Libanon kein Auslieferungsabkommen. «Japan wird mit dem Libanon über eine Auslieferung verhandeln müssen», sagte der frühere Staatsminister im japanischen Aussenministerium, Masahisa Sato. Allerdings sei Ghosn dort «ein Held» und daher werde dies «nicht einfach» sein.

Der frühere Nissan-Chef Carlos Ghosn. Foto: EPA

Da ist Frankreich, wo der Automanager lange gelebt und gearbeitet hat. «Wenn Herr Ghosn nach Frankreich käme, würden wir Herrn Ghosn nicht ausliefern, denn Frankreich liefert niemals seine eigenen Staatsangehörigen aus», sagte die Staatssekretärin im französischen Wirtschafts- und Finanzministerium, Agnès Pannier-Runacher. Nach Paris also, wo er ebenso wie in Beirut und an anderen Orten Luxusimmobilien unterhalten soll, könnte Ghosn immerhin auch noch fahren.

Als sich die Nachricht von der Flucht des früheren Starmanagers Carlos Ghosn verbreitete, soll sich der japanische Premierminister Shinzo Abe gerade mit seiner Familie in ein Luxus-Hotel zurückgezogen haben. Gutes Essen, Fitnesstraining, eine kleine Golfrunde. Demonstrative Routine, Diskretion, auch in Zeiten wie diesen – und kein Wort zur Sache. Dabei gäbe es hier doch noch einiges zu erzählen.

Zum Beispiel: Ghosn, der Mann mit den drei Pässen, stand unter Hausarrest, und die Papiere hatte man ihm auch abgenommen. Eigentlich. In den Libanon konnte er sich offenbar nur mit Hilfe eines weiteren französischen Reisepasses absetzen. Angeblich sollen ihm japanische Behörden erlaubt haben, einen weiteren Pass in einem verschlossenen Koffer mit sich zu führen. Wieder einer dieser seltsamen Aspekte in einer seltsamen Geschichte, und nicht nur Premier Abe dürfte sich fragen: Wie konnte dieser Mann, der so bewacht, kontrolliert und beobachtet wurde, einfach das Land verlassen? Womöglich noch in einem Kontrabass-Koffer?

«Geisel des manipulierten japanischen Justizsystems»

Am kommenden Mittwoch will Ghosn eine Pressekonferenz in Beirut abhalten. Dort will er dann angeblich alles auf den Tisch legen: Was bei Nissan und Renault wirklich passiert und warum er unschuldig ist. Warum er sich von den japanischen Behörden vorgeführt fühlt. Er sei «nicht länger eine Geisel des manipulierten japanischen Justizsystems», hatte er nach seiner Ankunft in Beirut gesagt. Was nicht bedeutet, dass die irre Reise des Carlos Ghosn hiermit beendet wäre, im Gegenteil: Jetzt dürfte es erst richtig spannend werden. Denn die Einschläge rücken näher.

Am Donnerstag hiess es aus libanesischen Justizkreisen, Ghosn werde jetzt auch per internationalem Haftbefehl gesucht. So habe die internationale Polizeibehörde Interpol ein entsprechendes Gesuch im Auftrag der japanischen Regierung an die Generalstaatsanwaltschaft in Beirut geschickt. Demnach müsste Ghosn – neben seiner geplanten Presseveranstaltung – wohl noch einen zweiten wichtigen Termin einplanen: Er soll von den Behörden im Libanon zu den Vorwürfen befragt werden. Und: In der Türkei wurden sieben mutmassliche Helfer festgenommen, darunter vier Piloten. Ihnen wird vorgeworfen, Ghosn bei seiner Flucht mit einem Privatjet von Japan über Istanbul in den Libanon geholfen zu haben. In der Sprache der Juristen: Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt. Während der Fall nun auch die Türkei beschäftigt, durchsuchten Ermittler in Tokio Ghosns Haus. Es wird also ungemütlicher für den Mann, der gleich nach seiner Ankunft in Beirut den Draht nach ganz oben gesucht hat.

Möglich, dass das Staatsoberhaupt Michel Aoun bei seinem Treffen mit dem Automanager am Montag Zukunftspläne besprochen hat, wie es einige Beobachter in sozialen Medien kolportierten. Nur was wären das bitte für Zukunftspläne – für einen mondänen Jet-Setter wie Ghosn?

Libanon steckt seit Monaten in einer politischen Dauerkrise. Nachdem der bisherige Premier Saad Hariri nach Massenprotesten zurückgetreten war, hat Aoun nach langem Lavieren dem Hochschullehrer Hassan Diab den Regierungsauftrag erteilt, der nun ein Kabinett von Experten zusammenstellen will. An Expertise mangelt es dem Spitzenmanager Ghosn sicher nicht, Immunität und Diplomatenpässen wäre er sicher auch nicht abgeneigt. Seinem Ruf als «Kostenkiller» könnte er im hochineffizienten Staatsapparat alle Ehre machen. Doch das Diab sein Kabinett mit solch einer heiklen Personalie belasten will, gilt sogar im zu politischen Verrücktheiten neigenden Libanon als unwahrscheinlich. Dass Ghosn, der Architekt des Autoreiches Renault-Nissan-Mitsubishi, sich nun aber zur Ruhe setzt, kann sich auch niemand vorstellen.

In dem Haus von Verwandten, in dem Ghosn laut Beiruter Medien logiert, hat er von Seiten des Staates nichts zu befürchten. Nach Angaben von Vertrauten will Ghosn bald offiziell in seine hinter hohen Mauern gelegene Villa im hippen Beiruter Stadtteil Achrafieh einziehen. Fürs Erste zumindest.

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