Ein Zeichen der Trauer – und der Unzufriedenheit

SBB-Mitarbeiter zeigen grosse Anteilnahme am Tod eines Zugbegleiters.

«Bähnler identifizieren sich mehr mit ihrem Arbeitgeber als andere Berufsgruppen», schreibt Autor Philipp Felber-Eisele. (Foto: Keystone)

«Bähnler identifizieren sich mehr mit ihrem Arbeitgeber als andere Berufsgruppen», schreibt Autor Philipp Felber-Eisele. (Foto: Keystone)

Philipp Felber-Eisele@PhilippFelber

Das Zeichen ist beispiellos. Hunderte Bahnangestellte trafen sich gestern am Zürcher Bahnhof und gedachten des verunfallten Zugbegleiters. In der ganzen Schweiz liessen Lokführer die Zugpfeifen ertönen. Das zeigt: Die Bähnlergemeinschaft ist auch heute noch eine eng verbundene Familie.

Noch ist nicht zur Gänze geklärt, was zum tragischen Tod des 54-Jährigen führte. Da sind vorschnelle Schuldzuweisungen fehl am Platz. Fest steht einzig, dass die Lebensversicherung an den Türen nicht funktioniert hat. Das verunsichert die Kundenbegleiterinnen und Kundenbegleiter. Ein System, auf das sie sich jeden Tag verlassen müssen, hatte eine fatale Fehlfunktion.

Was, wenn dies tatsächlich auch bei anderen Türen passieren kann? Denn offenbar haben die Türen des betroffenen Zugtyps immer mal wieder Probleme verursacht, wie Zugbegleiter nach dem Unfall melden. Haben nun die SBB versagt? Hätten sie früher reagieren müssen? Das sind Fragen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch offenbleiben müssen.

Video: Gedenkminute im Zürcher Hauptbahnhof

Mit dem lauten Hupen gedenken die SBB-Mitarbeiter des verstorbenen Zugbegleiters. Video: Hannes Weber

Doch die SBB müssen es schaffen, das Vertrauen ihrer Mitarbeiter zurückzugewinnen. Das Vertrauen in das Bahnmaterial, aber auch das Vertrauen in die Führung. Zu oft in den vergangenen Jahren haben sie Entscheide getroffen, die den Mitarbeitern aufgebürdet wurden. Restrukturierung folgt auf Restrukturierung, dadurch steigt der Arbeitsdruck, Planungstools funktionieren nicht, das Bahnsystem zeigte sich in der letzten Zeit pannenanfällig.

Die Trauer um den Tod des Zugbegleiters steht deshalb auch für die Unzufriedenheit mit dem Zustand der SBB. Bähnler identifizieren sich mehr mit ihrem Arbeitgeber als andere Berufsgruppen. Wenn dieser aber immer wieder negativ auffällt, fördert dies das Vertrauen nicht. Weder bei den Mitarbeitenden noch bei den Kunden, die sich täglich zu Hunderttausenden auf die SBB verlassen. Es ist zu hoffen, dass die Führung die Anteilnahme richtig zu deuten weiss.

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