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«Es gibt beunruhigende Parallelen zwischen den beiden Abstürzen»

Müssen nun alle Boeing-737-Max-Flugzeuge gegroundet werden? Und war eine Software für die Unglücke verantwortlich? Dazu Aviatikexperte Stefan Eiselin.

Die Boeing 737 Max bleibt in Äthiopien, China und Indonesien vorerst am Boden. (Video: Anja Ruoss, Wibbitz)

Zum zweiten Mal innert weniger Monate ist eine neue Boeing 737 Max 8 kurz nach dem Start abgestürzt. Ende Oktober stürzte eine Maschine der indonesischen Billigfluglinie Lion Air ab, gestern war eine Maschine von Ethiopian Airlines betroffen. Das sei äusserst beunruhigend, sagt Stefan Eiselin, Chefredaktor des Aviatikportals «Aerotelegraph».

Herr Eiselin, würden Sie als Experte noch in eine solche Maschine steigen?

Ich hätte sicher auch ein mulmiges Gefühl. Es ist aussergewöhnlich, dass es bei einem ganz neuen Flugzeugmodell zwei Abstürze in so kurzer Zeit gibt. Normalerweise gibt es das bei einem neuen Flieger nicht. Üblich sind einzelne Kinderkrankheiten, die man danach Schritt für Schritt korrigiert.

Sind die beiden Abstürze ein Zufall? Oder steckt mehr dahinter?

Es ist zu früh, um das sagen zu können. Es gibt beunruhigende Parallelen: Beide Abstürze geschahen wenige Minuten nach dem Start. Und bei beiden war es eine fabrikneue Boeing 737 Max 8. Es gibt aber auch Unterschiede: Bei Lion Air wurde das Flugzeug am Vorabend repariert, weil die Piloten des vorherigen Flugs sagten, mit der Maschine stimme etwas nicht. Gemäss dem vorläufigen Untersuchungsbericht wurde ein Teil dabei nicht korrekt ausgetauscht. Das heisst, die Maschine war nicht einsatzfähig. Bei der Maschine von Ethiopian Airlines gab es keine Beanstandung, weder von den Piloten noch vom Mechaniker. Auch gab es keine Probleme beim vorherigen Flug.

China, Indonesien und Äthiopien haben den Einsatz der Boeing 737 Max 8 verboten. Ist das übertrieben, oder muss weltweit die gesamte Flotte gegroundet werden?

Wenn man sofort absolute Sicherheit haben will, dann ist das eine valable Möglichkeit. Es ist aber ein massiver Eingriff in die Freiheit der Fluggesellschaften und von Boeing. Man weiss ja noch nicht, ob es wirklich am Flugzeug selbst liegt oder ob es menschliche Fehler waren.

Wie lange wird es gehen, bis die Ursachen der beiden Abstürze ermittelt sind?

Normalerweise gibt es nach einem Monat einen ersten Bericht, der in Grundzügen zeigt, was passiert ist. Unter anderem werden mithilfe des Flugdatenschreibers und des Stimmenrekorders die Flugdaten und die Gespräche im Cockpit ausgewertet. Dieser erste Bericht wurde im Fall von Lion Air im November veröffentlicht. Bei Ethiopian Airlines wird das im April geschehen. Etwa ein Jahr nach dem Unfall gibt es jeweils einen umfassenden Bericht. Bis zur Veröffentlichung des Schlussberichts kann es aber Jahre dauern. Ich nehme an, in diesem Fall, wo ein hoher Druck auf Boeing und den Behörden liegt, wird man versuchen, schon in einem Monat mehr zu sagen als in einem anderen Fall.

Untersucht wird, ob eine neue Software für die beiden Abstürze verantwortlich ist. Gibt es dazu Hinweise?

Beim Lion-Air-Absturz gab es tatsächlich Auffälligkeiten. Die Piloten waren nicht oder zu wenig informiert, wie das System reagiert. Wenn sie es gewusst hätten, hätten sie es ausschalten können. Wegen ihrer mangelnden Kenntnis versuchten sie, das System immer wieder zu übersteuern, was aber nicht gelang. Dadurch haben sie viel Zeit verloren.

Pilotenorganisationen werfen Boeing vor, das System ohne Schulung eingeführt und es den Fluglinien sogar bewusst verschwiegen zu haben. Stimmt dieser Vorwurf?

Ob es bewusst war, kann man noch nicht sagen, und es gibt widersprüchliche Aussagen dazu. Boeing sagt, das sei in Absprache mit den Behörden geschehen, weil man das System als zu wenig relevant empfunden habe. Und Boeing sagt, das neue System sei im Pilotenmanual erwähnt. Es gab aber keine aktive Information der Piloten.

Viele afrikanische Fluglinien dürfen in Europa nicht landen und starten. Wie sicher ist Ethiopian Airlines?

Sie ist Mitglied der Star Alliance, der die Swiss und Lufthansa angehören. Die nehmen keine Fluggesellschaft auf, die schlecht ist und die Bruchpiloten hat. Ethiopian hat zudem eine ganz junge Flotte. Von daher gilt sie als gute Airline – übrigens inzwischen die grösste in Afrika.

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