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«Früher war ich das Feindbild Nummer eins»

Seit 20 Jahren mischt Andreas Buhl mit seiner MSS Holding die Autobranche auf. Der Kauf der Schweiz-Lizenz des grössten Autovermieters der Welt ist nun sein bisher grösster Coup.

In der hauseigenen Zigarren-Lounge trifft sich Andreas Buhl gerne mit seinen Kunden. Foto: Andrea Zahler
In der hauseigenen Zigarren-Lounge trifft sich Andreas Buhl gerne mit seinen Kunden. Foto: Andrea Zahler

Die zwei Zimmerpflanzen in seinem Büro sind fast vertrocknet. «Ich habe keinen grünen Daumen», sagt Andreas Buhl entschuldigend. Ein besseres Händchen beweist Buhl bei Autos. Unter dem Dach seiner Firma, der MSS Holding, vereint der 52-Jährige seit 20 Jahren verschiedenste Dienstleistungen rund ums Automobil: Über 20 Tochterfirmen bieten Pannen- und Unfallhilfe, Assistance, Flotten- und Schadenmanagement sowie An- und Verkauf von Fahrzeugen oder Auktionen von Transporten und Reparaturen.

Die Töchter wie Autohilfe Zürich kennt fast niemand. Buhls Imperium ist so etwas wie der stille Riese im Sektor. Doch mit seinem jüngsten Coup holt der Unternehmer nun einen bekannten Namen in sein Portfolio: Seine Holding hat die AIL Autovermietung übernommen, diese hält die Schweiz-Lizenz der amerikanischen Enterprise Rent-A-Car, der grössten Autovermietung der Welt. Zu ihr zählen die bekannten Marken National und Alamo. Über den Verkaufspreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Mit der Entwicklung einer App will Buhl gleich noch die Autovermietung revolutionieren: kein Anstehen mehr für den Leihwagen, automatische Ortung des Fahrzeugs, Messung der Tankfüllung sowie Abrechnung der zurückgelegten Kilometer sind nur einige Dienste, welche das Autoleihen komfortabler machen sollen.

Bei ihm muss es schnell gehen

Im fünften Stock eines unscheinbaren Gebäudes gegenüber dem Möbelhaus Ikea in Dietlikon sitzt Andreas Buhl in einem Konferenzzimmer am Hauptsitz seiner Holding. Die Fenster sind, trotz Eiseskälte, leicht geöffnet. «Hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, ob ich in die Autovermietung gehe, hätte ich gelacht», sagt Buhl und trinkt den letzten Schluck aus einer Cola-Dose, bevor er sich einen Espresso an seiner Kaffeemaschine rauslässt.

Bei ihm sei das so, sagt er, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt habe, dann müsse das schnell umgesetzt werden. Bei Kaufentscheidungen höre er grundsätzlich auf seinen Bauch. Damit sei er nie schlecht gefahren. Nur ein Geschäft sei in all den Jahren mal nicht wie erwartet gelaufen.

Der Deal mit Enterprise sei in vier Monaten über die Bühne gegangen. «Hätte es länger gedauert, hätte ich es gelassen», erzählt Buhl. Ja, sicher, man hätte vielleicht den Preis noch drücken können, «aber wenn ein Geschäft nach vier, fünf Monaten nicht abgeschlossen ist, dann ist bei mir der Enthusiasmus weg».

Buhl spricht schnell, trinkt ab und zu einen Schluck Kaffee und beantwortet Fragen, bevor sie überhaupt gestellt werden. In den ersten Jahren nach der Gründung der Holding 1999 habe er sich nicht nur Freunde in der Autobranche gemacht, erzählt er freimütig. «Wir führten Pauschalpreise ein, veröffentlichten und teilten Rückvergütungen mit den Kunden und mischten mit Versteigerungen von Reparaturen den Markt auf.» Das habe viele Mitbewerber verärgert. «Man warf uns trotz unserer Transparenz vor, den Markt kaputt zu machen», sagt Buhl. Sein Auto hätte damals schlimm ausgesehen – «komplett zerkratzt und verbeult».

Ein knallharter Geschäftsmann

«Ich vermute, früher war meine Person für einige Branchenkollegen Feindbild Nummer eins», erzählt der Unternehmer weiter. Er hält kurz inne und räumt dann ein, dass er in der Anfangszeit doch eine gewisse Arroganz an den Tag gelegt und mit harten Bandagen gekämpft habe. «Mitbewerber haben meinen Ruf gezielt infrage gestellt, um meine Position zu schwächen. Das hat sich in den letzten zehn Jahren komplett geändert», sagt er. Heute würden ihn die meisten Leute wohl als «ehrlichen und geradlinigen Partner» bezeichnen.

Das zu überprüfen, ist indes schwer: Denn von dieser Zeitung angefragte Garagisten oder Pannenhelfer wollen nicht über Andreas Buhl sprechen. Niemand will sich zu seiner Person äussern.

Andreas Buhl bezeichnet sich als geradlinigen Partner. Reden über ihn will aber niemand. Foto: Andrea Zahler
Andreas Buhl bezeichnet sich als geradlinigen Partner. Reden über ihn will aber niemand. Foto: Andrea Zahler

Dass Buhl ein knallharter Geschäftsmann ist, zeigt ein Beitrag der SRF-Sendung «Kassensturz» vom April 2014. Er geht der Frage nach, warum Autos, die auf Privatparkplätzen nahe dem Kino Pathé in Dietlikon stehen, regelmässig abgeschleppt werden. Obwohl laut Verbotstafel lediglich eine Busse von 200 Franken droht.

Es stellt sich heraus, dass der Besitzer der Immobilie, vor der die Autos parken, jeweils den Abschleppdienst ruft. Zudem zeigt sich, dass die Pannenhilfe Zürich – der mit der Aufgabe betraute Abschleppdienst – ebenfalls dem Besitzer der Immobilie gehört: Es ist Andreas Buhl. «Wir haben nach dem Beitrag viel Zuspruch bekommen», sagt er heute. Die Autos abschleppen zu lassen, sei die letzte von vielen Massnahmen gewesen: Absperrungen seien von den Falschparkern einfach aus dem Weg geräumt, Verbotsschilder abgerissen worden.

«Es wird schwer, mich zu ersetzen»

Buhl hat über die Jahre fleissig Unternehmen zugekauft und gegründet. Neben der Auto- und Pannenhilfe Zürich und den Assistance-Diensten ist Buhl mit seinem Limousinenservice am Weltwirtschaftsforum in Davos, an der Genfer Uhrenmesse SIHH oder dem Zurich Film Festival präsent.

Buhl kauft auch ausserhalb des Autobusiness zu. Letztes Jahr nahm er den Handy-Reparaturdienst iKlinik in sein Firmennetz auf. Hat der Chef eine Idee, müssen die Mitarbeiter mitziehen. Der Druck auf seine 350 Angestellten sei nicht klein, aber die Arbeitskultur stimme, die Fluktuation sei tief, sagt Buhl. Man treffe sich regelmässig in der hauseigenen Bar, um gemeinsam anzustossen und zu feiern.

Doch es läuft nicht immer alles glatt: 2018 schrieb die MSS Holding das erste Mal in 20 Jahren Verlust. Denn innert sechs Monaten kündigte einer der grössten und längsten Assistance-Kunden, eine Versicherung, aus heiterem Himmel sämtliche Verträge. Das riss ein Loch in Millionenhöhe. «Diesen Verlust schnell wieder gutzumachen, war sehr schwierig, und wir haben ein gutes Jahr gebraucht, um uns wieder aufzurappeln», sagt Buhl. Der Kunde habe sich dazu entschieden, alle Dienstleistungen selber anzubieten – «no bad feelings, das gehört dazu».

Auf lange Sicht will der Chef die Leitung seiner Holding in andere Hände geben. Er wolle dann vermehrt Start-ups unterstützen, «um Synergien mit unserem Unternehmen zu schaffen und hoffentlich auch etwas Erfahrung weitergeben zu können», sagt er. Investiert hat er unter anderem in das Fintech-Unternehmen Annanow oder die Mietplattform Sharely.

Einen Nachfolger suche er schon seit einigen Jahren. Zwei mögliche Kandidaten hätten sich als Fehlbesetzung erwiesen. In Kandidat Nummer drei sieht er jetzt den Nachfolger, der das Unternehmen in seinem Sinne weiterführen könne. Das Know-how sei erlernbar, die Kultur, der Umgang mit Menschen und das Bauchgefühl hingegen nicht. «Es wird schwer, mich kulturell zu ersetzen», sagt Buhl.

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