Geheimoperation «neuer Boss» bei der CS

Nur wenige wussten von den Verhandlungen mit Tidjane Thiam. Dann plötzlich gings schnell. Leute aus dem Umfeld von Urs Rohner berichten, der Präsident habe auf einmal ganz anders gewirkt – «fast happy».

Vor zwei Wochen hatte der CS-Präsident dessen Zusage im Sack: Tidjane Thiam, der künftige Konzernchef der Credit Suisse. Foto: «Financial Times», Laif

Vor zwei Wochen hatte der CS-Präsident dessen Zusage im Sack: Tidjane Thiam, der künftige Konzernchef der Credit Suisse. Foto: «Financial Times», Laif

Für Urs Rohner (55) war es der wichtigste Entscheid seiner Ära. «Rohner hatte nur einen Schuss, und der musste ein Volltreffer werden», sagt ein enger Vertrauter des Präsidenten der Credit Suisse zu dessen Wahl des CEO für seine Grossbank. Bis wenige Stunden vor der geplanten Bekanntgabe von gestern früh blieb Rohners neuer Mann, der Franzose Tidjane Thiam mit Herkunft Elfenbeinküste, geheim. Erst um 22 Uhr in der Nacht von Montag hatte die «Financial Times» den Wechsel des Konzernchefs des englischen Versicherers Prudential zur Schweizer Grossbank publik gemacht.

Leute aus Rohners Umfeld berichten, wie der CS-Präsident vor rund zwei Wochen wie ein anderer Mensch wirkte. «Er war plötzlich extrem entspannt, fast happy», sagt eine Quelle. Zuvor habe man Rohner die Anspannung angesehen. Der Schweizer stand seit der Verurteilung zur kriminellen Organisation im US-Steuerstreit letzten Frühling unter Druck, einen Nachfolger für den Amerikaner Brady Dougan zu finden. Als er diesen hatte, fiel Rohner offenbar eine grosse Last vom Herzen. Erst übers Wochenende informierte Rohner den Inner Circle der Bank über seine Wahl. Zuletzt waren rund zwei Dutzend CS-Kadermitglieder im Bild.

Ein Erfolg für Rohner

Dass der 52-Jährige Thiam von der erfolgreichen Prudential, deren Aktie sich unter seiner Führung verdreifacht hat, zur schlingernden CS wechselt, ist für Rohner ein Erfolg. Der CS-Präsident soll laut einem Insider via einen Headhunter in England auf Thiam zugegangen sein. An der gestrigen Vorstellung von Thiam als neuer CS-Chef in Zürich betonte Rohner, dass er im Herbst mit Brady Dougan die Stabsübergabe beschlossen habe. Diese sollte «ordentlich und harmonisch» vonstatten gehen, wie sich dies für die Credit Suisse «zieme», meinte Rohner. Im Januar, als Rohner und Thiam am WEF in Davos waren, sass Dougan noch im Sattel.

Thiam sagte an der Pressekonferenz, er kenne die CS als Kunde, was ihm ermöglicht habe, das Unternehmen aus der Nähe kennen zu lernen. Als er im Frühling 2010 mit seiner Prudential den Asienteil der damals in Schieflage geratenen US-Versicherung AIG für über 35 Milliarden Dollar übernehmen wollte, beauftragte Thiam die CS-Investmentbank als Beraterin für den Deal und dessen Finanzierung. Das Vorhaben scheiterte am Widerstand der Prudential-Aktionäre, die den Preis als zu hoch erachteten, was sich im Rückblick als Fehleinschätzung erwies Damals hätten sich Dougan und Thiam kennen und schätzen gelernt, meint ein Vertrauter des Noch-CEO der CS. Dieser gegenseitige Respekt sei nun wichtig für die anstehenden Monate, in denen der Neue vom Alten das Zepter übernehme. Insbesondere die absehbare Verkleinerung der Investmentbank, die unter Dougan stets Priorität genossen hatte, muss angesichts der damit verknüpften Risiken kontrolliert erfolgen. Thiam sagte, dass er «zuversichtlich sei, alles rund um das Investmentbanking zu begreifen».

Ein neuer «Mühlemann-Effekt»?

Thiams Ankündigung als Erster Offizier auf der CS-Brücke löste an der Börse ein Kursfeuerwerk aus. Umgekehrt verlor die Prudential-Aktie. Die Reaktion der Investoren erinnert an die Wahl von Lukas Mühlemann von 1996. Wie Thiam war auch Mühlemann ein Ex-Berater von McKinsey, und wie der Franzose stieg auch der Schweizer als CEO eines Versicherers direkt an die Spitze der Grossbank. Der damalige Sprung der CS-Aktie ging als «Mühlemann-Effekt» in die Geschichte ein. 2002 musste Mühlemann allerdings von Bord. Er hatte die CS zum Sanierungsfall gemacht.

Diesmal soll die Wahl eines McKinsey- und Versicherungs-Topshots die CS voranbringen. Der Kapitän, der damals Mühlemann ans Ruder gesetzt hatte, liess es sich gestern nicht nehmen, Thiam willkommen zu heissen. Rainer Gut, der CS-Ehrenpräsident, machte dem neuen CEO bei der Medienkonferenz eine viel beachtete Aufwartung.

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