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Lateinamerikaner schnallen den Gürtel enger

Die internationale Finanzkrise bedroht jetzt auch die mühsam errungene wirtschaftliche Stabilität in Lateinamerika. Börsen und Währungen gerieten ins Trudeln.

«Uns können die Erschütterungen an den US-Finanzmärkten wenig anhaben, denn wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.» Mit diesen Worten hatte Brasiliens Staatschefs Luiz Inácio Lula da Silva noch vor ein paar Wochen selbstbewusst die Situation im südlichen Amerika geschildert. Inzwischen musste der ehemalige Gewerkschaftschef einsehen, dass weltweite Wirren auch an Musterschülern im Wirtschaftssektor nicht spurlos vorbeigehen können. Die lateinamerikanischen Finanzmärkte gerieten in den letzten Wochen genauso bös ins Trudeln wie jene anderer Länder auch. Die Indizes der Börsen von São Paulo, Buenos Aires, Bogotá, Santiago, Mexico City und Lima sackten ab und liegen heute weit unter dem Niveau, das sie zu Jahresbeginn noch aufgewiesen hatten.

Währungen mussten gestützt werden

Aber auch die meisten Währungen büssten stark an Wert ein. So hat etwa der brasilianische Real seit seinem Höchststand bei 1.55 am 1. August dieses Jahres gegenüber dem US-Dollar 33 Prozent verloren. Der chilenische Peso fiel zum Dollar um 26,3 Prozent, der mexikanische Peso um 22,6 und der argentinische Peso um 7,6 Prozent. Um ihre eigene Währung zu stützen, setzten die nationalen Notenbanken massiv Fremdwährungsreserven ein. Weil ihre Exportwirtschaft in letzter Zeit florierte, verfügen viele Länder über beträchtliche Devisenpolster. Brasilien beispielsweise, das erstmals seit fünf Jahren wieder Dollars verkauft hat, häufte seit Januar 2003 Reserven von 208 Milliarden Dollar an.

In den vergangenen Jahren ist Lateinamerika mit jährlich rund 5 Prozent weit stärker gewachsen als in früheren Jahrzehnten. Vier Faktoren trugen dazu hauptsächlich bei:

- Im Zuge der starken globalen Nachfrage nach Rohstoffen und Agrarerzeugnissen stiegen die Preise für Erdöl, Kupfer, Soja und Weizen bis vor kurzem kräftig; das rohstoffreiche Lateinamerika erzielte dadurch hohe Exporterlöse.

- Dank der hohen Liquidität an den Finanzmärkten flossen beträchtliche ausländische Investitionen auch in lateinamerikanische Länder.

- Lateinamerikaner, die in den Vereinigten Staaten oder sonst irgendwo im Ausland arbeiteten und dort verhältnismässig gut verdienten, unterstützten ihre Angehörigen zu Hause mit regelmässigen Geldsendungen; diese so genannten Remesas sind vor allem in Zentralamerika eine ausserordentlich bedeutungsvolle Devisenquelle.

- Viele Länder der Region betrieben in der jüngsten Vergangenheit eine relativ solide, auf Stabilität ausgerichtete Wirtschaftpolitik. Sie bemühten sich unter anderem die Inflationsraten tief zu halten und die Dollarschulden in grossem Ausmass zu reduzieren.

Jetzt sinken die Rohstoffpreise und die Investitionsbereitschaft aus dem Ausland lässt spürbar nach. Viele Emigranten können ihren Familien finanziell nicht mehr beistehen. Das alles wird sich auf das Wirtschaftwachstum in Lateinamerika auswirken. Der Internationale Währungsfonds hat seine Prognosen auch in dieser Region beträchtlich nach unten korrigiert. In Brasilien, so die Voraussage, werde die Wachstumsrate von 5,2 im laufenden Jahr auf 3,5 Prozent im nächsten Jahr sinken, in Argentinien von 6,5 auf 3,6 Prozent, in Chile von 4,5 auf 3,8 und in Kolumbien von 4 auf 3,5 Prozent.

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