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Nun könnte Julius-Bär-Bankern ein Berufsverbot drohen

Die Bank hat jahrelang systematisch gegen Anti-Geldwäscherei-Regeln verstossen. Die Finanzaufsicht prüft Verfahren gegen Ex-Chef Collardi und weitere Banker.

Er ist letztlich verantwortlich für die langjährigen Missstände: Boris Collardi, Chef bei Julius Bär von 2009 bis 2017. Foto: Dominique Meienberg
Er ist letztlich verantwortlich für die langjährigen Missstände: Boris Collardi, Chef bei Julius Bär von 2009 bis 2017. Foto: Dominique Meienberg

Die Stichprobe bei der Bank Julius Bär hat wohl die schlimmsten Befürchtungen der Aufseher übertroffen. Sie hatten 70 Risikokonten und 150 Finanzzahlungen ausgewählt und genauer angeschaut – und fanden bei fast allen Mängel in der Geldwäschereiabwehr. Es fehlten grundsätzliche Abklärungen über die Identität der Kunden, die Herkunft ihres Geldes oder den Zweck von Millionenzahlungen. Julius Bär hat von 2009 bis 2018 Hunderte Millionen oder gar Milliarden angenommen oder verschoben, ohne genau zu wissen, ob das Geld sauber ist oder nicht (lesen Sie dazu auch den Kommentar «Ein Desaster mit Ansage»).

Die Finanzmarktaufsicht Finma startete ihre Untersuchung bei Julius Bär 2017. Auslöser waren Geschäftsbeziehungen der Bank mit mutmasslich korrupten Fussballfunktionären und dubiose Fifa-Gelder. Später weitete die Finma die Untersuchung auf venezolanische Kunden aus, die in einen Milliardenskandal rund um die staatliche Ölgesellschaft PDVSA verwickelt sind.

Zwei ehemalige Mitarbeiter der Julius Bär wurden in den USA bereits verurteilt, einer davon zu zehn Jahren Gefängnis. Der Deutsche Matthias Krull hat 2018 zugegeben, für die Elite Venezuelas, darunter die Stiefsöhne von Präsident Nicolás Maduro, Unsummen illegaler Gelder gewaschen zu haben.

70 Millionen an korruptionsverdächtigen Kunden

Heute informierte die Finanzmarktaufsicht Finma über den Abschluss ihres sogenannten Enforcement-Verfahrens bei Julius Bär. Das Verdikt ist eindeutig: «systematische Mängel» in der Geldwäschereiabwehr und damit «schwere Verstösse» gegen das Recht. Ein Beispiel: 2014 führte Julius Bär für einen grossen venezolanischen Kunden eine 70-Millionen-Zahlung durch, ohne die genauen Hintergründe abzuklären – und dies, obwohl die Bank von Korruptionsvorwürfen gegen den Kunden wusste.

Selbst 2017 ermöglichte Julius Bär dem Kunden noch eine fragwürdige Zahlung in Millionenhöhe. Die Bank begnügte sich mit der Erklärung, der Kunde wolle damit nicht näher beschriebene «Beratungsdienstleistungen» bezahlen – ein klassischer Alibigrund bei Geldwäsche.

Wachstum um jeden Preis unter Collardi

Ob die Verfehlungen auch persönliche Konsequenzen bis hin zu Berufsverboten für Banker haben werden, ist offen. Die Finma schreibt, sie prüfe nun, ob sie Verfahren gegen Einzelpersonen eröffnen werde. Letztlich verantwortlich für die langjährigen Missstände ist Boris Collardi, Chef bei Julius Bär von 2009 bis 2017. Unter seiner Führung fuhr die grösste Schweizer Privatbank mit Hauptsitz in Zürich einen aggressiven Wachstumskurs. Als die Probleme mit den Hochrisikokunden aus Südamerika eskalierten, wechselte er zur Konkurrentin Pictet. Er war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Die Finma beschreibt die organisatorischen Mängel und Fehlanreize unter Collardi schonungslos und stellt eine «insgesamt mangelhafte Compliance- und Risikokultur» fest. Die Höhe der Boni war fast ausschliesslich von monetären Aspekten bestimmt. Ob die Mitarbeiter die Regeln einhielten, sei hingegen «nur sehr punktuell» berücksichtigt worden.

Millionenboni für Berater mit verdächtigen Kunden

Das gipfelte darin, dass ein für venezolanische Kunden zuständiger Mitarbeiter noch 2016 und 2017 Millionenboni erhielt, obwohl die Bank bereits für eine ganze Reihe seiner Kunden Geldwäschereiverdachtsmeldungen absetzen musste. 2016 erhielt der Kundenberater sogar noch einen Sonderbonus als «Top Performer». Dabei dürfte es sich um den in den USA verurteilten Matthias Krull handeln.

Die Finma verfügte eine Reihe von Massnahmen, damit Julius Bär künftig die geldwäschereirechtlichen Bestimmungen einhält. Deren Umsetzung begleitet ein unabhängiger Aufpasser. Bis zur «Wiederherstellung des ordnungsgemässen Zustandes» darf Julius Bär keine grösseren Zukäufe tätigen. Erst vor kurzem machte das Gerücht die Runde, Julius Bär habe Interesse an der Bank EFG. Mit dem Finma-Entscheid wird damit vorläufig sicher nichts.

Julius Bär verabschiedet sich vom Wachstumskurs

Julius Bär anerkennt die Schlussfolgerungen der Finma «grundsätzlich», wie die Bank in einer Mitteilung schreibt. Mit ihrem «Projekt Atlas» hatte sie in den vergangenen Jahren eigene Abklärungen durchgeführt und mehrere Milliarden risikobehaftete Kundenvermögen abgestossen.

Unter der neuen Führung von Philipp Rickenbacher verabschiedete sich die Bank vom Wachstumskurs von Collardi und strebt nun eine höhere Rendite mittels Kostensenkungen an. In der Mitteilung betont Julius Bär, dass sie bereits verschiedene Massnahmen in der Geldwäschereiabwehr ergriffen und Schlüsselpositionen für das Lateinamerika-Geschäft neu besetzt habe.

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