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Novartis will teure Altlast loswerden

Novartis will die Augenheiltochter Alcon abstossen. Offiziell soll der Entscheid darüber erst nächstes Jahr fallen. Mangels Alternative gilt ein Börsengang dabei bereits als sicher.

Getrübte Sicht: Alcon-Produkte erleichtern Augenärzten und Patienten den Alltag. Foto: Getty Images
Getrübte Sicht: Alcon-Produkte erleichtern Augenärzten und Patienten den Alltag. Foto: Getty Images

Es war die zweitteuerste Übernahme der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Rund 50 Milliarden Dollar liess sich der Pharmakonzern Novartis 2011 den Kauf des texanischen Augenheilkundespezialisten Alcon kosten. Der damalige Novartis-Chef Daniel Vasella wollte Alcon unbedingt haben. So wollte er absehbare Umsatz- und Gewinnrückgänge kompensieren, welche durch Patentabläufe im Pharmageschäft drohten.

Tempi passati. Jörg Reinhardt, Vasellas Nachfolger auf dem Präsidentenstuhl, und der neue Konzernchef Vas Narasimhan wollen Novartis wieder zu einem reinen Pharmaplayer umbauen. Seit Anfang 2017 läuft daher eine «strategische Überprüfung», was mit Alcon geschehen soll. Im Laufe des ersten Halbjahrs 2019 will Narasimhan die Entscheidung verkünden.

Laut übereinstimmenden Quellen aus dem Konzernumfeld steht die Entscheidung jedoch bereits fest: Alcon soll an der Börse verkauft werden. Details seien noch offen, aber am Grundsatzentscheid gebe es kaum mehr Zweifel, heisst es.

Ein Novartis-Sprecher verweist auf die offizielle Sprachregelung zu dem Thema: «Anfang 2017 hatte Novartis eine strategische Überprüfung der Division Alcon angekündigt, um sämtliche Optionen für eine maximale Wertschöpfung zugunsten der Aktionäre zu prüfen.» Die Schlüsselkriterien für eine endgültige Entscheidung seien «weitere Umsatzsteigerungen und Margenverbesserungen bei Alcon über einen Zeitraum von mehreren Quartalen, sodass eine mögliche Transaktion nicht vor dem ersten Halbjahr 2019 wahrscheinlich ist».

Interessenten sind Mangelware

Will Novartis Alcon wieder loswerden, erscheint ein Börsengang auch als einzig valable Option. Denn mit einem Umsatz von rund 6 Milliarden Dollar ist die Augenheiltochter Weltmarktführer. «Daher wäre Alcon als Übernahmeziel für einen Wettbewerber schlichtweg zu gross», erklärt ein Manager eines Konkurrenten. Auch für eine Beteiligungsgesellschaft ­– genannt Private Equity – wäre Alcon ein dicker Brocken. Bis heute jedenfalls ist nicht bekannt, dass je ein ernsthafter Kaufinteressent die Hand für Alcon gehoben hätte.

Alcon produziert Laser und Ultraschallgeräte, mit denen Augenärzte Menschen mit grünem Star (zu hoher Augeninnendruck) oder grauem Star (Eintrübung der Augenlinse) behandeln. Beim grauen Star hilft nur eine Operation, bei der die natürliche Linse durch eine künstliche ersetzt wird. Auch solche Linsen fertigt Alcon an. Ferner hat die Noch-Novartis-Tochter Kontaktlinsen, Pflegemittel sowie frei verkäufliche Augenheilmittel im Programm.

Weltweit beschäftigt der Augenheilspezialist rund 25'000 Mitarbeitende, die Zentrale ist in Texas. In der Schweiz arbeiten rund 600 Personen für das Unternehmen, verteilt auf die Standorte Schaffhausen, Genf, Rotkreuz ZG und Freiburg.

Für einen Verkauf an der Börse fitmachen

Andere Pharmakonzerne hätten allenfalls genug Geld, um Alcon zu kaufen. Doch wollen sich die meisten ebenfalls fokussieren. Und jene, die im Augenheilkundegeschäft unterwegs sind, haben bereits zugeschlagen. So hat Johnson & Johnson sein Augenheilkundegeschäft im Herbst 2016 mit der Übernahme von Abbott Medical Optics für 4,3 Milliarden Dollar gestärkt.

Also konzentriert sich Alcon-Chef Michael Ball darauf, die Augenheiltochter für einen Verkauf an der Börse fitzumachen. Nachdem das Unternehmen sich jahrelang auf hohen Margen ausgeruht und zu wenig in neue Produkte investiert hatte, durfte Ball bei Alcon wieder Gas geben. Die Investitionen in Innovation und Vertrieb drückten das Geschäft von Alcon allerdings 2017 in die roten Zahlen.

Doch nun geht es wieder aufwärts. Seit einigen Quartalen wächst der Umsatz. Im ersten Quartal dieses Geschäftsjahres übertraf die Gewinnmarge wieder die Marke von 20 Prozent. Damit «dürfte Alcon ein guter Börsenkandidat sein», urteilt Michael Nawrath, Pharmaexperte der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Er hält einen Firmenwert von 25 bis 35 Milliarden Dollar für realistisch, wobei eine Bewertung schwierig sei, da es kaum vergleichbare Firmen gebe.

Im Falle eines erfolgreichen Börsengangs käme Novartis wohl mit einem blauen Auge davon.

Im Vergleich zum Kaufpreis von über 50 Milliarden Dollar scheint der Verkauf Novartis also einen dicken Verlust einzubringen. Doch die heutige Alcon ist mit dem damals übernommenen Unternehmen kaum vergleichbar. Immer wieder wurden Geschäftsbereiche hin- und hergeschoben. So löste die Führung von Novartis Anfang 2016 das Geschäft mit patentgeschützten Augenmedikamenten aus Alcon heraus und schlug es der Pharmasparte von Novartis zu. Dadurch verlor Alcon rund 4 Milliarden Dollar an Umsatz.

Beim Blick in die Novartis-Bilanz fällt auf, dass Alcon dort für 16 Milliarden immaterielle Vermögenswerte verantwortlich ist. Dahinter steckt die Überlegung, dass eine Firma dank ihrer zukünftigen Gewinnaussichten mehr wert ist als die Summe ihrer Substanzwerte, wie zum Beispiel ihre Gebäude oder der Maschinenpark. Als die Geschäfte harzten, wurde darüber spekuliert, dass Novartis diesen Goodwill abschreiben muss, was den Gewinn des Konzerns belastet hätte. Das ist bis heute nicht passiert.

Daher rechnet ZKB-Experte Nawrath damit, dass beim Börsengang Novartis einen Teil der Alcon-Aktien behält. «Denn diese Lösung hätte den Vorteil, dass Novartis den Goodwill auf Alcon nicht abschreiben muss», erklärt er.

Oder bildlich gesprochen: Im Falle eines erfolgreichen Börsengangs käme Novartis wohl mit einem blauen Auge davon.

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