«Thiam muss den Angestellten ihren Stolz zurückgeben»

Mit Tidjane Thiam als neuem Chef der Credit Suisse hätte kaum jemand gerechnet. Seine Wahl macht laut Experten zwar Sinn, birgt aber einige Risiken.

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Franziska Kohler@tagesanzeiger

Die Wahl von Tidjane Thiam zum neuen Chef der Credit Suisse überrascht Finanzwelt und Öffentlichkeit. Noch vor drei Jahren wollte der 52-jährige, in der Elfenbeinküste geborene Franzose mit dem Banking nichts zu tun haben. Laut Berichten bat ihn damals US-Präsident Barack Obama, die Investmenteinheit der Weltbank zu übernehmen. Thiam lehnte ab und blieb Chef beim britischen Versicherer Prudential. Die Credit Suisse leistete nun scheinbar bessere Überzeugungsarbeit als Barack Obama.

Der Headhunter Björn Johansson spricht von einer «überraschenden, kreativen Wahl», die jedoch mit einigen Risiken verbunden sei. «Thiam war Berater, Politiker, Versicherer – aber nie Banker.» Er spricht Französisch und (im Gegensatz zu Vorgänger Dougan) laut der CS auch Deutsch. Aber, so Johansson: «Thiam kennt weder die Schweiz noch die Schweizer Mentalität. Sich zu integrieren, wird ihm schwererfallen als anderen Konzernchefs vor ihm.» Seine Anpassungsfähigkeit sei zudem in doppelter Weise gefordert: «Er muss sich an eine neue Branche und an ein neues Land gewöhnen.»

«Den Angestellten ihren Stolz zurückgeben»

Dass Thiam diese Integration gelingt, ist laut Johansson gerade jetzt besonders wichtig. Denn eine seiner wichtigsten Aufgaben werde es sein, die CS-Mitarbeiter für sich zu gewinnen und zu motivieren. «Die Bankenbranche leidet noch immer unter dem Imageverlust der letzten Jahre. Thiam muss den Angestellten ihren Stolz zurückgeben.» Johansson ist trotz aller Hürden zuversichtlich, dass ihm dies gelingen wird. «Er ist ein intelligenter Mensch mit einem grossen Leistungsausweis und einem guten Ruf.»

Von einer «spannenden Entscheidung» der CS spricht auch die Karriere- und Unternehmensberaterin Dr. Heike Rudolf von Rohr. Dass Thiam nicht aus der Bankenbranche komme, sei kein grosser Nachteil: «Er kennt die Finanzdienstleistungsbranche gut, das reicht. Ausserdem scheint er die nötige Qualität und die persönliche Reife mitzubringen, um diesen Wechsel zu vollziehen.» Auch seine Internationalität werde Thiam zugutekommen: «Die CS ist schon lange kein rein schweizerisches Unternehmen mehr, sondern ein internationales Geldhaus.»

Trotz aller Verweise auf Internationalität: Thiam ist erst der zweite Topmanager schwarzer Hautfarbe an der Spitze einer global tätigen Bank. Für Björn Johansson ist diese Tatsache nicht der Rede wert. «Die Wahl spiegelt einzig die Realität in der Bankenwelt wider, und die ist interkulturell.» Rudolf von Rohr stimmt ihm zu. «Das könnte einzig für Thiam selbst eine Herausforderung darstellen, die ihm aber aus seiner bisherigen Laufbahn bekannt sein dürfte.» Am Ende des Tages zähle ohnehin nur eines, so Rudolf von Rohr: «Dass der neue Chef einen guten Job macht.»

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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