Thomas-Cook-Pleite für Griechen «stärkster Schlag seit Finanzkrise»

Nach dem Aus des Tourismus-Riesen geht in Feriendestinationen die Angst um – die Zukunft vieler Unternehmen ist ernsthaft gefährdet.

Griechenland rechnet mit Kosten von bis zu 500 Millionen Euro: Britsche Touristen warten auf ihre Rückreise auf Korfu. (Keystone/Stamatis Katopodis)

Griechenland rechnet mit Kosten von bis zu 500 Millionen Euro: Britsche Touristen warten auf ihre Rückreise auf Korfu. (Keystone/Stamatis Katopodis)

Ob am Ballermann, auf Kreta oder in Hammamet: Das Aus von Thomas Cook sorgt in vielen Tourismus-Regionen für Aufruhr. Die Sorge wegen der vielen offenen Rechnungen und die Angst vor künftig ausbleibenden Touristen bestimmen das Bild.

Nach der Pleite von Thomas Cook geht in Spanien, Griechenland oder Tunesien die Angst um. Vor allem für viele kleinere Unternehmen könnten die zahlreichen vom insolventen britischen Reiseveranstalter nicht bezahlten Rechnungen zusammen mit dem nun befürchteten Wegbleiben von Millionen von Touristen das Ende bedeuten. Nicht nur Experten machen sich Sorgen.

In Torremolinos bei Málaga gerät José trotz Temperaturen um die 30 Grad ins Schaudern, wenn er sich vorstellt, dass die Touristenzahl im Badeort und in ganz Spanien künftig merklich zurückgehen könnte. «Das wäre ein Desaster. Gerade die Briten sind für uns alle hier immens wichtig», sagt der Taxifahrer. «Die Briten machen rund die Hälfte meiner Kunden aus, und sie geben auch mehr Trinkgeld als die Deutschen und andere Besucher.»

Schon wegen der offenen Rechnungen von Thomas Cook wird die spanische Tourismusbranche mindestens 200 Millionen Euro verlieren, erwartet der Vizepräsident des Reiseunternehmerverbandes Exceltur, José Luis Zoreda. Diese Verluste würden grosse Hotelketten wie Meliá und Iberostar, aber auch mittlere und kleinere Unternehmen treffen.

Allein auf Mallorca bleiben Firmen schätzungsweise auf 100 Millionen Euro sitzen, wie die Regionalzeitung «Ultima Hora» unter Berufung auf Branchenkenner berichtete. Betroffen sind demnach vor allem zahlreiche Hotels sowie Handling- und Catering-Firmen. Schon nach Beginn der diesjährigen Hochsaison habe Thomas Cook die Zahlungen hinausgezögert, hiess es.

Griechische Tourismusverbände gehen davon aus, dass die Insolvenz des Reisekonzerns den Tourismussektor des Landes bis zu 500 Millionen Euro kosten könnte. Es sei für die Wirtschaft «der stärkste Schlag seit der Finanzkrise», schrieb am Dienstag die Wirtschaftszeitung «Naftemporiki». Im Ranking der wichtigsten Destinationen von Thomas Cook lag Griechenland auf Platz drei, 2018 brachte das Unternehmen rund 2,8 Millionen Besucher ins Land.

In Spanien trifft das Aus von Thomas Cook vor allem die Kanaren und die Balearen sowie Andalusien, Valencia und Katalonien. Mit dem Veranstalter waren im vorigen Jahr rund 3,6 Millionen der insgesamt 82 Millionen ausländischen Touristen nach Spanien gekommen. Auf den Kanaren machten Thomas-Cook-Kunden nach amtlichen Angaben 20 Prozent aller ausländischen Besucher aus, auf den Balearen 10 bis 15 Prozent.

Die Präsidentin der Hotelierverbandes von Mallorca (FEHM), Maria Frontera, hatte gewarnt, wegen der Thomas-Cook-Pleite sei «die Zukunft vieler Unternehmen ernsthaft gefährdet». Die Konsequenzen der Pleite für Mallorca seien «von einer bisher nie dagewesenen Dimension». Hilfe des Staates werde auf jeden Fall nötig sein.

«Ich habe drei Kinder, bin alleinerziehend, was soll aus mir werden?», seufzte eine Angestellte eines Thomas-Cook-Hotels in Torremolinos. Ob Restaurantbesitzer, Hotel-Betreiber, Taxifahrer, Putzfrauen oder Souvenirverkäufer: Sie alle schimpfen und klagen.

Strategien für die Zukunft

Die Lage ist ernst in Spanien. Der Tourismus hat in der viertgrössten Volkswirtschaft der Eurozone einen Anteil von gut elf Prozent am BIP. Die Madrider Tourismus-Ministerin Maria Reyes Maroto wollte sich deshalb nach eigenen Angaben schon am Dienstag mit Politikern und Unternehmern der am stärksten betroffenen Regionen treffen, um über Strategien für die Zukunft zu beraten.

Aber nicht nur in Spanien hat das grosse Zittern eingesetzt. In Tunesien sind nach Angaben des Hotelverbandes FTH etwa 100 Hotels in Hammamet und auf Djerba betroffen. 40 dieser Hotels seien ausschliesslich Partner des insolventen Reisekonzerns. «Wir sind sehr besorgt, was die Zukunft dieser Hotels betrifft», sagte Mouna Ben Halima vom Hotelverband. Nach schweren Anschlägen im Jahr 2015 war der Tourismus in dem nordafrikanischen Land eingebrochen und erholt sich erst langsam wieder. 2019 hatte sich die Zahl der britischen Touristen, die rund zehn Prozent der europäischen Reisenden ausmachen, wieder erhöht.

Rund 205 000 Touristen reisten jährlich mit Thomas Cook nach Tunesien, so Ben Halima. «Ein zweiter Schock wie nach den Anschlägen vor vier Jahren würde die Branche hart treffen.» Derzeit stünden von Thomas Cook rund 70 Millionen Euro an offenen Rechnungen bei tunesischen Hotels aus.

sep/sda

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