Trend-Tech gegen Uhrenfälscher

Kriminelle Energie setzt den Schweizer Zeitmessern zu. Blockchain soll nun helfen – aber nicht mit Bitcoins.

Symbolische Zerstörung von Fälschungen mit der Walze: Der Schweizer Uhrenindustrie entsteht jährlich ein Schaden von geschätzten 800 Millionen Franken.

Symbolische Zerstörung von Fälschungen mit der Walze: Der Schweizer Uhrenindustrie entsteht jährlich ein Schaden von geschätzten 800 Millionen Franken.

(Bild: Keystone)

Jon Mettler@jonmettler

Die Abteilung für Betrugsprävention des Luxusuhrenherstellers Favre-Leuba wird Ende 2017 misstrauisch: Auf einer weltweit verfügbaren Verkaufsplattform im Internet entdecken die Spezialisten eine neue Uhr der eigenen Marke, die ihnen verdächtig erscheint. Die Mitarbeiter finden heraus, dass die Garantie der Uhr nicht aktiviert worden ist. Das lässt nur einen Schluss zu – ein unrechtmässiger Besitzer bietet den Zeitmesser zum Verkauf an.

Was der unvorsichtige Verkäufer nicht weiss: Die Marke aus Solothurn nutzt als eine der ersten in der Schweiz die aufkommende Blockchain-Technologie, um ihre Uhren rückverfolgen zu können. Die Blockchain ist derzeit vor allem wegen Kryptowährungen in aller Munde. Die Technologie garantiert, dass Konsumenten sicher mit Bitcoin, Ether & Co. bezahlen können.

Bei Favre-Leuba steht jedoch ein anderes Anwendungsgebiet im Vordergrund: Einfach ausgedrückt erlaubt es die Blockchain der Manufaktur, jede Uhr in einem unveränderlichen digitalen Kontobuch zu vermerken und diese Informationen weltweit abzurufen. So kann die Marke die Echtheit für jede einzelne Luxusuhr sicherstellen und herausfinden, ob ihre Produkte abseits von offiziellen Verkaufskanälen angeboten werden.

In der Praxis sieht das so aus: Kauft ein Uhrenliebhaber eine neue Favre-Leuba, aktiviert der autorisierte Händler die Garantie des Produkts. Die Garantie wird dank der Blockchain zusätzlich an die Seriennummer der Uhr gekoppelt, die auf der Rückseite eingraviert ist. Damit kann jedes Produkt eindeutig als echt identifiziert werden.

Polizei spürt Diebe auf

Im Falle der verdächtigen Uhr aus dem Internet haben die Angaben im Blockchain-Kontobuch ergeben, dass sie sich noch im Besitz des lokalen Anbieters in Grossbritannien befindet. Auf Nachfrage bestätigt der Händler, dass der Zeitmesser nur ein paar Tage zuvor gestohlen worden ist. Pech für den Dieb: Er hat online genug elektronische Spuren hinterlassen, die es der Polizei ermöglichen, ihn und seine Komplizen zu überführen. Auch die gestohlene Uhr können die Ermittler sicherstellen.

Dasselbe Prinzip funktioniert natürlich auch, wenn eine aktivierte Uhr beim rechtmässigen Eigentümer gestohlen wird. Er kann den Diebstahl bei Favre-Leuba melden und die Abteilung für Betrugsprävention zieht eine Überwachung auf. Sollte die entwendete Uhr beispielsweise zur Revision gebracht werden, kann sie so aufgespürt werden.

Fälschungen und Betrug im Internet sind ein Problem für die Schweizer Uhrenindustrie. Der Markt für Imitate wächst, das illegale Geschäft blüht. Fälschungen verursachen der Branche einen Schaden von schätzungsweise 800 Millionen Franken pro Jahr. Die Marken betreiben einen enormen Aufwand, um gegen Produktpiraterie vorzugehen. Der Druck ist so gross, dass sich selbst Unternehmen aus der traditionsreichen Uhrenindustrie für neuartige Anwendungen öffnen.

«Wir nutzen die Blockchain nicht um der Technologie willen, sondern weil sie am besten unseren Bedürfnissen entspricht», schickt Reema Vazirani voraus. Die Inderin arbeitet bei Favre-Leuba als Marketingverantwortliche und ist die treibende Kraft hinter der Einführung der Blockchain. Auslöser sei das jahrhundertealte Erbe der Marke mit ihren Kollektionen aus frühen Zeiten gewesen, so Vazirani. Bei Sammlern sind diese sogenannten Vintage-Uhren beliebt. Eingefleischte Uhrenliebhaber klopfen bei den Herstellern an und wollen die Echtheit der erworbenen Stücke bestätigt haben. «Der Kauf einer Uhr ist eine Herzensangelegenheit für den Kunden», sagt Vazirani. «Vor diesem Hintergrund wollen wir sicherstellen, dass wir jeden Erwerb von Anfang an schützen.»

Favre-Leuba wurde im Jahr 1737 von Abraham Favre in Le Locle NE gegründet. Der Hersteller gilt deshalb als zweitälteste Uhrenmarke der Schweiz. Über acht Generationen und somit bis in die 1980er-Jahre war das Unternehmen im Besitz der Familie Favre. Vor sieben Jahren hat die indische Tata-Gruppe Favre-Leuba übernommen. Die Preisspanne für die Uhren liegt zwischen 1500 und 8500 Franken.

Swatch kritisiert Blockchain

Favre-Leuba ist nicht der einzige Hersteller, der Blockchain einsetzt. Die Swatch Group mit Sitz in Biel bestätigt auf Anfrage: Gegen Fälschungen und Betrug benutze das Unternehmen «allerlei Mittel und Technologien, inklusive die Blockchain». Der Weltmarktführer mit Marken wie Swatch, Omega und Longines sieht die Blockchain jedoch kritisch. «Den Nachhaltigkeitsaspekt dieser Technologie finden wir aber derzeit noch problematisch», sagt Firmensprecher Bastien Buss. Der Energiekonsum sei «schrecklich».

Die Branche als Ganzes behandelt das Thema Blockchain zurückhaltend. Es gebe diesbezüglich keine Industriepolitik, heisst es beim Dachverband der Schweizer Uhrenindustrie. Da es die Unternehmensstrategie der einzelnen Marken direkt betreffe, handelten die Manufakturen eigenständig.

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