Twitter-Chef meditiert – und twittert sich ins Aus

Jack Dorsey ist von einer Auszeit in Burma zurück – und macht mit unbedachten Kommentaren Schlagzeilen.

Twitter-Chef Jack Dorsey (rechts) beim Meditieren – mit Apple Watch.

Twitter-Chef Jack Dorsey (rechts) beim Meditieren – mit Apple Watch.

(Bild: Twitter/Jack Dorsey)

Caroline Freigang@c_freigang

Entschleunigung und digitale Entgiftung liegen im Trend. In Zeiten permanenter Erreichbarkeit setzen immer mehr Menschen auf technologiefreie Tage oder sogar ganze Ferien, um sich von ihren Gadgets und Smartphones zu befreien. Eine beliebte Option sind dabei sogenannte Silent Retreats, also Auszeiten, in denen Teilnehmer mehrere Tage aufs Sprechen verzichten, meditieren und möglichst ohne Technologie auskommen.

Auch Twitter-Chef Jack Dorsey ist kürzlich von einem zehntägigen Silent Retreat in Burma zurückgekommen. Jetzt teilt er in einer Reihe von Tweets Einzelheiten seiner Erfahrung mit seinen 4 Millionen Followern. Er schwärmt vom Land und von seinen Einwohnern, die Leute seien voller Freude, und das Essen sei fantastisch, so Dorsey.

Gewalt über soziale Medien geschürt

Vielen Twitter-Nutzern stösst das sauer auf. Dass Dorsey Land und Leute lobt, ohne die Verfolgung der muslimischen Minderheit der Rohingya zu erwähnen, finden sie geschmacklos und ignorant. Das Militär in Burma geht massiv gegen die Minderheit vor, Hunderttausende Menschen mussten seit letztem Jahr aus dem Land fliehen, Tausende starben.

Der «New York Times»-Journalist Liam Stack wies auf Twitter darauf hin, dass Dorsey nicht nur in einem Land Ferien mache, das letztes Jahr einen Völkermord begangen habe, sondern dass dieser spezifisch durch Desinformation und Hass angetrieben wurde, der von der Regierung über soziale Medien verbreitet wurde. Besonders Facebook soll dabei eine zentrale Rolle gespielt haben.

«Wie beende ich mein Leiden?»

Dorsey sorgte in der Reihe von Beiträgen auch mit einer Erklärung zur Meditationstechnik für Ärger: «Vipassana ist eine Technik und Praxis, um sich selbst zu erkennen», schrieb er. «Sie wurde vor 2500 Jahren von Buddha Gautama durch rigorose wissenschaftliche Selbstversuche wiederentdeckt, um die Frage zu beantworten: Wie beende ich mein Leiden?»

Ein Twitter-Nutzer schreibt: «Jack Dorsey ist 4,5 Milliarden Dollar schwer und hat die Frechheit, sich die Frage zu stellen, wie er sein Leiden beenden könne. Dies in einem Land, das Völkermord an den Rohingya-Muslimen begeht.»

Ein weiterer Nutzer schlug vor, Dorsey könne damit anfangen, genügend Steuern zu zahlen, um sein Leiden zu beenden. Eine andere Nutzerin weist darauf hin, dass Dorsey sich in seiner Erzählung beklagt, wie oft er während einer Meditation innerhalb von zehn Minuten von Mücken gestochen worden sei (117-mal).

«Er erwähnte nicht die Hunderttausenden von Rohingya-Muslimen, die aus Burma inmitten einer vom Staat finanzierten ethnischen Säuberungsaktion flohen», so die Frau. Das US-Portal «Quartz» zieht die Schlussfolgerung: «Wenn Meditation die Praktizierenden bewusster und mitfühlender machen soll, scheint Dorsey damit gescheitert zu sein.»

Alles gratis

Dorsey teilt auf Twitter auch mit, wie er im Meditationslager gehaust hatte: «Sehr einfach.» Während der zehn Tage habe er auf alles verzichtet: Geräte, Lesen, Schreiben, körperliche Ertüchtigung, Musik, Rauschmittel, Fleisch, Reden oder sogar Augenkontakt mit anderen. Dafür sei der Aufenthalt gratis gewesen: Alles werde den Meditierenden von Wohltätigkeitsorganisationen gespendet.

Ganz habe sich Dorsey aber nicht der Technologie entzogen, wird nun ebenfalls auf Twitter bemängelt. Denn auf seine Apple Watch und den Oura-Ring, einen Schlaftracker, habe der Twitter-Chef nicht verzichtet. Er habe diese allerdings in den Airplane-Modus gestellt, betont Dorsey. Auf Twitter postet er dennoch Auswertungen der Gadgets. «Während meiner besten Meditationen hatte ich die geringsten Schwankungen beim Herzschlag. Wenn ich nicht konzentriert war, sprang dieser viel herum», schreibt er dazu. Besonders verweist er auf seine Schlafqualität in der letzten Nacht im Retreat. Da habe seine Ruheherzfrequenz konstant unter 40 gelegen:

Der zweite Tag des Trips sei zudem sein bester gewesen: Er habe über eine Stunde lang nur auf seinen Atem geachtet und über nichts nachgedacht, so Dorsey. Am elften Tag habe er nur noch Musik seines Lieblingsmusikers Kendrick Lamar hören wollen.

Für diesen Versuch, seine Erfahrung quantifizieren zu wollen, wurde der Twitter-Chef ebenfalls verspottet. «Was am meisten über Jack Dorsey aussagt, ist sein Glaube, seine Nähe zur Erleuchtung über eine Apple-Uhr messen zu können», spottete dieser Twitter-Nutzer:

Das Portal «Quartz» weist darauf hin, dass Dorsey den Sinn der Übung nicht verstanden habe. Spirituelle Praxis könne nicht gemessen oder quantifiziert werden. Der Begriff «beste Meditation» sei also problematisch.

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