Was der Mega-Deal für die Schweiz bedeutet

Pharma Bristol-Myers Squibb will für insgesamt 90 Milliarden Dollar das Biotechunternehmen Celgene schlucken. Das gefährdet Arbeitsplätze in der Schweiz.

Soll geschluckt werden: Der Firmenhauptsitz von Celgene in Boudry NE. (3. Januar 2019)

Soll geschluckt werden: Der Firmenhauptsitz von Celgene in Boudry NE. (3. Januar 2019)

(Bild: Keystone Laurent Gillieron)

Holger Alich@Holger_Alich

Es ist die grösste Übernahme in der Pharmaindustrie seit knapp 20 Jahren. Für insgesamt 90 Milliarden Dollar will der US-Konzern Brystol-Myers Squibb (BMS) das US-Biotechunternehmen Celgene übernehmen. Die Folgen dieser Mega-Übernahme strahlen bis in die Schweiz aus.

Aus zwei Gründen: Zum einen dürfte der Mega-Deal von BMS auch Arbeitsplätze in der Schweiz kosten. Zum Zweiten entsteht durch den Zusammenschluss eine neue Grossmacht im wichtigen Geschäft mit Krebsmedikamenten: Gemeinsam verdrängen BMS und Celgene die Novartis von Rang zwei der grössten Krebsmittelanbieter.

Stark in der Schweiz präsent

Die 1986 gegründete Celgene ist auf Krebsmittel sowie auf Mittel gegen Entzündungserkrankungen und Krankheiten des Immunsystems spezialisiert.Wichtigstes Medikament ist das Blutkrebsmittel Revlimid, das zuletzt mit 8,2 Milliarden Dollar rund 60 Prozent des Konzernumsatzes beisteuert und das ab 2022 von Nachahmermedikamenten bedroht ist.

Celgene beschäftigt derzeit in der Schweiz an drei Standorten 880 Mitarbeitende. Rund 100 weitere Personen will Celgene in seiner neuen Produktionsstätte in Couvet NE beschäftigen, die in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen soll. Mit 800 Mitarbeitenden ist der internationale Firmenhauptsitz in Boudry NE der wichtigste Standort. BMS ist hierzulande nur mit einem Sitz in Steinhausen ZG vertreten, in dem 200 Personen arbeiten.

Wie bei jeder Übernahme sollen dank des Mergers die Kosten sinken. Insgesamt hofft BMS bis zum Jahr 2022 Einsparungen von rund 2,5 Milliarden Dollar zu erzielen. 55 Prozent sollen davon Kürzungen in der Verwaltung und durch die Optimierung der geografischen Präsenz beisteuern.

Inwieweit die Übernahme Jobs in der Schweiz kosten wird, ist offen. Eine Sprecherin von BMS erklärte, dass es derzeit hierzu noch keine Informationen gebe.

Nicht nur die Schweizer Beschäftigten, auch die hiesigen Wettbewerber Novartis und Roche werden die Grossübernahme aufmerksam verfolgen. Mit dem Zusammenschluss soll ein weltweit führendes Unternehmen in den Bereichen Krebs, Immunologie, Entzündungskrankheiten sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen. Vor allem im wichtigen Krebsgeschäft entsteht so für Roche und Novartis ein neuer, potenter Wettbewerber.

Gemäss Birgit Kulhoff, Pharmaexpertin der Privatbank Rahn+Bodmer, sollte vor allem Novartis den neuen Wettbewerber ernst nehmen. In der Krebstherapie machte Novartis vergangenes Jahr Schlagzeilen, weil der Konzern als Erster die Zulassung für eine neue Gentherapie bekam. Bei Novartis heisst die Behandlung Kymriah und soll Blutkrebs behandeln. Bei dieser Therapie werden dem Patienten T-Zellen entnommen und quasi umprogrammiert, sodass das Immunsystem im Körper Krebszellen angreift.

Im vergangenen Jahr übernahm Celgene für rund 9 Milliarden Dollar das Start-up Juno Therapeutics, das ebenfalls eine solche Gentherapie entwickelt hat, die aber noch nicht zugelassen ist. «In der Verbindung mit BMS steht nun einer viel grössere Maschinerie dahinter, um diesen neuen Ansatz bei der Entwicklung und Vermarktung voranzubringen», urteilt Kulhoff. Celgenes Gentherapie soll in diesem Jahr auf den Markt kommen «und könnte nun zu einem stärkeren Konkurrenten für Novartis werden als zunächst erwartet», sagt die Expertin. Novartis selbst kämpfe derzeit damit, die Produktion der neuen Therapie hochzufahren. Sie soll 370000 Franken in der Schweiz kosten.

Dennoch gehen weder BMS noch Celgene aus einer Position der Stärke in den Zusammenschluss. Zwar gehört BMS mit den Mitteln Opdivo und Yervoy zu den Vorreitern der neuen Immunonkologie. Bei dieser Krebsbehandlung werden Krebszellen mit einem Marker versehen, sodass der Krebs vom Immunsystem erkannt wird. Doch gerade in der wichtigen Indikation Lungenkrebs hat Opdivo stark an Boden verloren gegen das Präparat Keytruda des US-Konzerns Merck & Co. Roche konnte mit seinem Immunonkologie-Präparat Tecentriq in diesem Feld noch nicht wirklich punkten.

Neue Übernahmewelle?

Celgene wiederum hat aus Sorge vor dem Patentablauf seines Bestsellers Revlimid einige Zukäufe getätigt, die enttäuschten. Wie zum Beispiel Receptos, durch die Celgene das Mittel gegen multiple Sklerose (MS), Ozanimod, bekam. Doch die US-Zulassungsbehörde FDA verweigerte dem Mittel die Zulassung. Infolgedessen stürzte der Aktienkurs von Celgene ab.

Bei Roche und Novartis gilt die Pipeline für neue Wirkstoffe als gut bestückt. Daher haben beide Konzerne keine Grossübernahme nötig. Der Wettbewerb im Krebsmarkt wird aber von vielen Seiten härter. Nachdem die britische GlaxoSmithKline 2013 ihr Krebsgeschäft an Novartis verkauft hatte, mischen die Briten nach der 4-Milliarden-Übernahme von Tesaro im Krebsmarkt wieder mit.

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