Wieso das Apple-Auto Zukunft hat

Apple

Apple hat in aller Stille ein hochkarätiges Forschungsteam für die Entwicklung eines Elektroautos gebildet. Das Projekt eines iCar ist also deutlich weniger utopisch, als es scheint.

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Walter Niederberger@WaltNiederberg

Apple fährt der Konkurrenz jeden Tag weiter davon. Mit fast 750 Milliarden Dollar ist der Konzern so hoch bewertet wie noch nie ein anderes Unternehmen. Doch dies genügt dem Management rund um Tim Cook nicht. Apple will die Technologie des iPhone in die Autotechnik übernehmen und damit ausweiten. Schon Steve Jobs träumte von einem iCar. Das Projekt eines Elektroautos von Apple ist nach Berichten des «Wall Street Journal» und der «Financial Times» bereits seit letztem Jahr am Laufen. Eine Reihe hochkarätiger Neuanstellungen zeigen, dass es Tim Cook ernst ist mit dem Vorhaben.

Der iCar ist weniger verwegen, als es den Anschein macht. Apple hat vor einem Jahr mit Car Play ein digitales Arma­turenbrett vorgestellt und investiert in alternative Energien, die das Auto der Zukunft ohne Benzin möglich machen sollen. Das Konzept ist aus Sicht von Auto- und IT-Experten aus verschiedenen Gründen plausibel.

Finanzielle Reserven

Apple hat die finanziellen Reserven, um ein E-Auto zu entwickeln. Es liegen fast 180 Milliarden Dollar an frei verfügbaren Mitteln in der Kasse, ein grosser Teil ­davon (noch) unversteuert im Ausland. Diese Mittel warteten nur darauf, ein­gesetzt zu werden, sagte Tesla-Chef Elon Musk kürzlich. «Apple gibt Geld aus, als wäre es Wasser, und kann nicht genug davon verbrauchen.» Das klingt nach Neid, ist aber aus der Optik des Automarktes der Zukunft nachvollziehbar.

Tesla ist der Pionier des E-Autos, hat aber Mühe, den Umsatz auf die erforderlichen Touren zu bringen. So blieb der Absatz im letzten Quartal hinter den Erwartungen zurück, die Cash-Reserven schwanden. Bereits letztes Jahr hat sich Musk nach eigenen Angaben mit dem Einkaufschef von Apple getroffen, um Kooperationen zu diskutieren. Aufschlussreich ist seine Wortwahl: Es sei derzeit unwahrscheinlich, dass Tesla zum Verkauf stehe, sagt Musk, weil dies von seinem Ziel ablenke, das E-Auto für die breite Masse erschwinglich zu machen. Was offenlässt, dass eine Kooperation eine Frage der Zeit und des Geldes ist.

Ein Team von Autoliebhabern

Apple ist eine Denkfabrik der Autotechnik. Unter Leitung von Cook sind eine Reihe von Designern und Ingenieuren zum Team gestossen, und noch immer werden Experten von Tesla abgeworben. Eingestellt wurde Marc Newson, der bei Ford schon vor 15 Jahren Prototypen des Autos der Zukunft entworfen hat. Steve Zadesky, Vizepräsident für das Produktedesign des iPhone, arbeitete ebenfalls bei Ford, bevor er nun Chef des Autoteams von Apple wurde. Das Projekt mit dem Decknamen Titan soll rund 1000 Mitarbeiter umfassen. Der Finanzchef von Apple, Luca Maes­tri, ist ebenfalls ein Autoexperte, da er 20 Jahre für General Motors tätig war. Eddy Cue, Vizepräsident der Internet-Software, sitzt im Verwaltungsrat von Ferrari. Tim Cook schliesslich ist besessen von einer effizienteren Transporttechnik. Er investierte 848 Millionen Dollar in eine Solarstromanlage und sieht die Klimaveränderung als wirtschaftspolitisches Anliegen von höchster Priorität, gerade auch für Apple.

Apple hat mit Car Play das iOS-Betriebssystem ins Armaturenbrett zu integrieren begonnen. Auch wenn die Technik noch nicht auf dem Stand von Tesla ist, sind die Ambitionen von Apple gemäss IT-Experten nicht weniger hoch. Wenn nämlich der Konzern weiter im bisherigen Tempo wachsen will, wozu der Druck sowohl vom Management als auch von den Aktionären kommt, muss die iPhone-Technologie weiter gestreut werden. Das Auto bietet sich fast ideal dazu an, werden doch Jahr für Jahr weltweit mehr als 80 Millionen Neuwagen abgesetzt. Gene Munster, Analyst bei ­Piper Jaffray, ist überzeugt, dass der Einstieg von Apple in den Automarkt nicht aufzuhalten ist. Selbst wenn Apple schliesslich keinen eigenen iCar herstelle, sondern ein Jointventure eingehe, werde der Konzern die wachsende Zahl von Autofahrern in Schwellenländern wie Indien oder China bei der Stange zu halten wissen.

Von Vorteil ist auch, dass Apple dank dem iPhone bereits eine weltweite Fertigungs- und Zulieferkette hat und ein eigen­ständiges Verkaufsnetz betreibt. Dies würde erlauben, den Zwischenhandel auszuschalten, also exakt zu tun, was Tesla bereits tut. Ein eigenes Verkaufsnetz erlaubt höhere Margen und erleichtert es, E-Autos mittels Software-Updates auf dem neuesten Stand zu halten, ohne sie in eine Garage zurückrufen zu müssen. Für Tim Bajarin, Präsident der Creative Strategies, ist dies ein Schlüsselpunkt. Apple werde auf der Basis des iOS einen vollständig integrierten Support für E-Autos anbieten können, samt Option für selbstfahrende Wagen.

Ein Vermächtnis von Steve Jobs

Die Idee eines iCar ist nicht auf dem Mist von Cook gewachsen. Steve Jobs, ein für seine Tempobolzerei bekannter Porsche-Fahrer, grübelte schon an der Idee eines E-Wagens, wie Apple-Verwaltungsrat Mickey Drexler sagt. «Steve Jobs wollte einen iCar entwickeln. Denn Autos bieten eine aussergewöhnliche Gelegenheit für ein cooles Design.» Auch Chefdesigner Jonathan Ive, der Weg­gefährte von Jobs, ist ein Autofan mit ­einer Sammlung von Bentleys und Aston Martins. Zudem stellte Cook den Forschungschef von Mercedes-Benz, Johann Jungwirth, ein. Auf seinem Linked­in-Profil verweist Jungwirth darauf, dass er bei Mercedes im Bereich des selbstfahrenden Fahrzeugs, der Telematik und der Autoelektronik arbeitete, also mitbringt, was Apple für das Konzept des iCar braucht.

Das Apple-Management nimmt wie immer keine Stellung zu laufenden Projekten. Jason Calacanis, ein Angel-Investor im Silicon Valley, meint aber, dass Apple und Tesla von der Ausrichtung, vom Design und von der Ambition ihrer Gründer her gesehen füreinander geschaffen sind. Seine Prognose: Apple kauft Tesla in den nächsten 18 Monaten für 75 Milliarden Dollar. Ein Motiv dafür sei das geplante Batteriewerk von Tesla in Nevada. Es soll die grösste Batterie­fabrik der Welt werden; und neben Tesla auch andere Autohersteller bedienen sowie künftige Solarspeicher für Haushalte herstellen. Womit der Kreis zu den iPhone-Käufern geschlossen wäre.

Run auf die virtuelle Realität

Das Unternehmen aus Cupertino interessiert sich nicht nur für Autos, sondern möchte auch mit einer smarten Brille punkten.

Apple hat ein Headset für den Einstieg in die virtuelle Realität patentieren lassen. Das scheint ein logischer Schritt, immerhin experimentiert der Konzern schon seit 2008 mit Technologien zur Spiegelung der realen Welt im digitalen Raum. Das Patent gilt einem Headset, das in groben Zügen einer Tauchbrille gleicht und das iPhone als Bildschirm verwendet.

Der iPhone-Hersteller ist damit die Letzte einer Reihe von Hightechfirmen, die daran glauben, mit der virtuellen Welt Geld machen zu können. Den ersten grossen Schritt tat letztes Jahr Facebook mit dem Kauf von Oculus, einer führenden Herstellerin von Headsets für die Virtual Reality (VR). Facebook will nach eigenen Angaben VR-Applikationen entwickeln, um die Erfahrung der weltweit mehr als 1,2 Milliarden Nutzer mit ihren Videos und Fotos «zu ergänzen», wie es offiziell heisst.

Die Preise sinken rapide

Welche konkreten Pläne Apple wälzt, ist nicht bekannt. Klar ist aber, dass dank der Technologie der Smartphones alle VR-Anwendungen und –Geräte in kurzer Zeit erheblich günstiger wurden. So kostet ein Headset von Oculus nur noch 350 Dollar, ein Bruchteil der früheren Kosten von mehr als 40'000 Dollar. Der Durchbruch der Virtual Reality zum Massenmarkt stehe unmittelbar bevor, sagt Jeremy Bailenson, Chef des Virtual- Human-Interaction-Labors an der Stanford-Universität, gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Neben Facebook und Apple entwickeln auch Google, Samsung, Sony und Microsoft Anwendungen für die digital nachgebaute Welt. (Walter Niederberger)

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