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40'000 Dollar Busse pro Tag drohen

In der Nacht reagierte Facebook-Chef Zuckerberg auf den Datenskandal. Die Wirren erinnern an Obama.

Wo bleiben sie? Sheryl Sandberg und Mark Zuckerberg. Foto: EPA, Keystone
Wo bleiben sie? Sheryl Sandberg und Mark Zuckerberg. Foto: EPA, Keystone

Bereits das Wahlkampfteam von Barack Obama hatte Facebook-Daten dazu benutzt, potenzielle Wähler auszumachen und an sich zu binden. Viel anders, als dies Cambridge Analytica und die Trump-Supporter taten, war dieses ­Vorgehen nicht. Vielleicht erklärt sich so, dass Facebooks Spitze, Mark Zuckerberg und seine Mentorin Sheryl Sandberg, zum Datenskandal um die britische Analysefirma Cambridge Analytica bisher nicht mehr als ein dürres Communiqué zustande brachten.

Firmenchef Mark Zuckerberg und alle Verantwortlichen seien sich des Ernsts der Lage bewusst, heisst es in einer am Dienstag verbreiteten Mitteilung von Facebook. «Das gesamte Unternehmen ist entsetzt darüber, dass wir hintergangen wurden», heisst es weiter. Facebook werde alles tun, um seine Richtlinien durchzusetzen und die Informationen der Nutzer zu schützen.

Der Druck auf ihn ist gross: Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat sich am Mittwoch persönlich zum aktuellen Skandal geäussert. (Archivbild)
Der Druck auf ihn ist gross: Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat sich am Mittwoch persönlich zum aktuellen Skandal geäussert. (Archivbild)
Alberto Estevez, Keystone
Die Datenanalysefirma Cambridge Analytica, die sich mutmasslich Daten von 50 Millionen Facebook-Nutzern verschafft hat, beurlaubt ihren CEO, Alexander Nix. (20. März 2018)
Die Datenanalysefirma Cambridge Analytica, die sich mutmasslich Daten von 50 Millionen Facebook-Nutzern verschafft hat, beurlaubt ihren CEO, Alexander Nix. (20. März 2018)
Dominic Lipinski, Keystone
Cambridge Analytica hat nach eigenen Angaben einen Grossteil seines Wahlkampfs bestritten: US-Präsident Donald Trump. (Archivbild)
Cambridge Analytica hat nach eigenen Angaben einen Grossteil seines Wahlkampfs bestritten: US-Präsident Donald Trump. (Archivbild)
Evan Vucci, Keystone
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Das Führungsduo will gemäss Facebook-Insi­dern offenbar mit aller Kraft an dem hoch profitablen Geschäftsmodell und der schier ungehemmten Datennutzung ­festhalten.

Doch je länger die Topchefs mauern, umso grösser werden die Schwierigkeiten, die sich ihnen entgegenstellen. Gestern eröffnete die Handelskommission der US-Regierung eine Untersuchung. Diese soll klären, ob Facebook eine Vereinbarung aus dem Jahr 2011 verletzt hat. Damals hielt man fest, dass der Konzern die Nutzer sofort und unaufgefordert über laufenden Anpassungen – sprich Lockerungen – der Persönlichkeitsrechte informieren muss. Damit sollte verhindert werden, dass Facebook mehr User-Daten weiterverwertet, als es die Nutzer wissen und wollen. Dies, nachdem sich gezeigt hatte, dass das Ausbeuten der Daten durch Aussenstehende immer mehr zum Kerngeschäft des Social-Media-Unternehmens geworden ist.

Ohne den Datenverkauf wäre der Konzern nie so schnell gewachsen und hätte Zuckerberg nicht einen Gewinn von mehr als 70 Milliarden Dollar verbuchen können. Sollte die Handelskommission fündig werden, so droht Facebook eine Busse von 40'000 Dollar für jeden Tag, an dem die Vereinbarung verletzt wurde. Diese Aussicht sowie das Schweigen der Facebook-Führung trugen zu Fieberschüben an der Börse bei. Die Facebook-Aktien gaben erneut nach. Der Marktwert des Konzerns ist wegen des jüngsten Debakels bereits um fast 10 Prozent – gut 50 Milliarden Dollar – gesunken. Ähnlich stark unter dem Misstrauen der Anleger litt gestern auch der Kurzmittelungsdienst Twitter.

Ein «gruseliges» Gefühl

Geradezu rätselhaft erscheint das Blocken der Führung vor dem Hintergrund, dass auch das Wahlkampfteam von Obama 2012 Nutzerdaten in grossem Stil ausgewertet hatte und sich als Pioniere der digitalen Politwerbung feiern liess. Bereits damals war es einfach, Facebook zu überlisten, wie im Rückblick Carol Davidsen erklärte, die für Medienanalysen verantwortliche Wahlkampfchefin von Obama. «Facebook war überrascht, dass wir die ganzen sozialen Daten absaugen konnten, aber man hat nichts dagegen unternommen», teilte sie diese Woche mit – und fügte folgende aufschlussreiche Erklärung hinzu: «Sie erklärten, sie würden dies aber nur zulassen, weil sie auf unserer Seite stünden. Jemand anderem würden sie das nicht gestatten.» Das Datenabsaugen habe sich «gruselig» angefühlt, so Davidsen, doch das Team Obama habe sich an die offenkundig sehr lockeren Spielregeln von Facebook gehalten.

Frage nach der Verantwortung

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Techkonzerne Barack Obama wohlgesinnt waren und seine Wiederwahl wünschten. Wenn deswegen die ultrakonservativen Geldgeber von Trump Firmen wie Facebook misstraut haben, könnte das erklären, warum das Absaugen der Nutzerdaten unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Forschung betrieben wurde. Dies ergibt sich zudem aus dem Umstand, dass die Wahlstrategen von Obama gegenüber Facebook ­offen den politischen Zweck der Datenauswertung deklariert hatten.

Problematisch war damals wie im CA-Fall, dass Millionen von Facebook-Nutzern unwissentlich ins Netz gingen, nur weil sie Freunde und Bekannte der direkten Adressaten der Datenjäger waren. Facebook sei zwar schon 2012 alarmiert gewesen, berichtete die «New York Times», habe sich aber mit der Erklärung zufriedengegeben, dass die Obama-Leute nicht offen gegen die Persönlichkeitsrechte der Nutzer verstossen hätten. Cambridge Analytica hatte das Erstellen von Psychogrammen in einigen wenig regulierten Ländern in Afrika und der Karibik getestet, bevor es 2014 in den Zwischenwahlen in den Kongress in North Carolina und Colorado zum ersten Mal in den USA für republikanische Kandidaten eingesetzt wurde.

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Undercover enthüllt: Die Methoden von Cambridge Analytica

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Facebook versuchte gestern zunächst, die Wogen intern bei einem Treffen zwischen Mitarbeitern und dem stellvertretenden Chefjuristen des Unternehmens zu glätten. Nach aussen dürften untergeordnete Manager dem Anspruch auf Information nicht mehr genügen. Die Justizkommission des Senats erwägt eine weitere Anhörung von Facebook, Google und Twitter. Anders als im vergangenen Herbst, als diese Firmen nur ihre Chefjuristen an die Hearings zur russischen Wahlattacke delegierten und deswegen gerügt wurden, wird Mark Zuckerberg diesmal kaum darum herumkommen, seine Verantwortung persönlich wahrzunehmen.

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